100 Jahre Führerschein Vom Lappen zur Karte

Es war ein weiter Weg vom Prüfungsattest für Explosionsmotoren, das nur in einzelnen Fürstentümern galt, bis zum heutigen EU-Führerschein im Scheckkartenformat. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., hat vor 100 Jahren die landesweit gültig Fahrerlaubnis eingeführt.

Düsseldorf - Seit 100 Jahren gibt es sie, die landesweit gültige Fahrerlaubnis, der Wilhelm II. den Namen Führerschein gegeben hatte. Noch bis in die späten 1950er musste eine Frau ihren Gatten um Erlaubnis bitten, wenn sie die Lizenz zum Autofahren erwerben wollte. Die Geschichte des deutschen Führerscheins ist auch ein facettenreiches Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen.

Wer einmal einen historischen Führerschein ansehen oder in den Lehrbüchern der "Chauffeur-Schulen" blättern möchte, kann die Ausstellung "100 Jahre Führerschein" im Düsseldorfer "Meilenwerk"  besuchen. In dem ehemaligen Lokschuppen können Neugierige bis Ende Mai bunte Exponate und Verkehrsfilme bestaunen.

Bevor der Führerschein eingeführt wurde, setzten sich Automobilisten noch mit einem "Prüfungsattest für Explosionsmotoren" oder einer "Chauffeur-Befähigung" ans Steuer. Die Gültigkeit dieser Dokumente war allerdings auf einzelne Fürstentümer beschränkt - das Chaos entsprechend groß. Wer mit seinem Auto in eine benachbarte Provinz fuhr, wurde nicht selten verhaftet. Erst mit dem "Gesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen" führte der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II, am 3. Mai 1909 eine landesweit gültige Fahrerlaubnis ein. Er nannte sie Führerschein.

100 Jahre Führerschein

Aus dem großen grauen Lappen wurde 1986 ein kleiner rosafarbener, aus Papier schließlich Plastik. Der heutige EU-Führerschein hat nur noch Scheckkartenformat. Einen Waschgang übersteht das handliche Plastikstück nun sicher - doch die Nostalgie, mit dem das Dokument einst behaftet war, scheint dahin.

Unzählige Partys wurden durch die Präsentation von Führerscheinfotos bereichert. Doch allmählich haben etliche Autofahrer ihre Jugendbildnisse, auf denen sie als bärtige Männer oder langhaarige Frauen lachten, ersetzt. In den nächsten Jahren werden Führerscheinfotos den gleichen strengen Regeln unterliegen wie Passbilder. Ein Leben lang mit dem gleichen Lappen - das soll es ab 2013 nicht mehr geben. Führerscheine, die von diesem Zeitpunkt an ausgestellt werden, müssen regelmäßig erneuert werden.

Mit der Geburtsstunde des Führerscheins hatte der Kaiser auch die Grundlage für Verkehrsregeln geschaffen. Wegen der vielen Unfälle war die neue Mobilität, die Autos mit sich brachten, bei der damaligen Bevölkerung auf große Skepsis gestoßen. "Die haben sich massenweise totgefahren", sagt Autoexperte Mika Hahn vom Oldtimer-Kaufhaus "Meilenwerk". Das Risiko, bei einem Autounfall zu sterben, war 1907 gemessen am Autobestand rund 60 Mal so hoch wie 100 Jahre später. Damals rollten nach offiziellen Schätzungen etwa 40.000 Autos auf deutschen Straßen.

Weder Stoppschild noch Promillegrenze

Inzwischen meldet das Statistische Bundesamt rund 50 Millionen Pkw und geht von etwa ebenso vielen Führerscheinen aus. Da sie erst seit 1999 im zentralen Fahrerlaubnisregister in Flensburg erfasst werden, ist nur eine Schätzung möglich. Derzeit gibt es in Deutschland noch sechs Führerscheintypen, darunter die alte DDR- Fahrerlaubnis - das Wort "Führer" wollte die Republik nicht aufnehmen.

Die ersten Automobilisten kannten weder Stoppschild noch Promillegrenze. Fehlende Vorschriften mussten erst formuliert werden. 1924 wurde die erste Verkehrsampel am Potsdamer Platz in Berlin aufgestellt. Nur wenige Jahre später wurden Verkehrsschilder - die auch schon vor dem Ersten Weltkrieg an Straßenrändern warnten - europaweit vereinheitlicht und statt mit Text ("Kraftfahrzeuge verboten") mit Symbolen versehen.

Auch die Aufgaben der Fahrschulen veränderten sich im Laufe der Jahrzehnte. "In den ersten Chauffeur-Schulen lernte man weniger über Verkehrsregeln und mehr über Technik - zum Beispiel, wie wechsle ich eine Zündkerze aus", berichtet Hahn. Angesichts der häufigen Pannen sei das ein "Muss" gewesen, weiß der Fachautor und Sammler historischer Exponate rund um die deutsche Verkehrsgeschichte.

"Das Auto war zu Beginn ein Spielzeug der Reichen." Zur Fahr-Prüfung mussten die Schüler sogar noch ihr eigenes Fahrzeug mitbringen. Die Gesetze rund um den "Lappen" wurden nicht nur für Frauen erneuert. Seit 1986 gilt für die Neulinge unter den Autofahrern der "Führerschein auf Probe". Während sie früher aber noch ihre Volljährigkeit abwarten mussten, dürfen Jugendliche heute schon mit 17 Jahren die begehrte Lizenz erwerben.

Denise Donnebaum, dpa

Führerschein: 100 Jahre Geschichte in Bildern

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