Neue Familienautos Vernunft auf Rädern

Beim Autosalon in Genf stehen nicht nur Kleinwagen, Öko-Visionen und Extremsportler. Es gibt auch ganz neue und ganz normale Autos. Die spielen im Alltagsgeschäft der Hersteller eine viel wichtigere Rolle. Ein Modell bietet sogar bis zu 32 Sitzvariationen.

Genf - Kleine und billige Autos, so liest man es aus jeder Statistik, sind die großen Gewinner der Klimakrise und Abwrackprämie. Singles und Knauser mag das freuen, doch Firmenfahrer und Familienväter schauen in die Röhre. Kind und Kegel, Koffer und Kisten in einem VW Polo oder einem Ford Ka? Das passt einfach nicht. Das weiß auch die Autoindustrie und präsentiert in diesen Tagen in Genf neben glamourösen Extremen auch eine Reihe funktionaler und grundvernünftiger Familienkutschen.

Im Blickpunkt stehen Großraumlimousinen, die vor allem von den Franzosen favorisiert werden. Dort liegt der Marktanteil dieser Auto-Spezies bei 20 Prozent, was Citroën-Sprecher Thomas Albrecht mit der hohen Geburtenrate begründet. Sie liege mit 2,1 Kindern pro Französin weit über dem europäischen Durchschnitt. "Die Vielfalt an französischen Modellen in dieser Fahrzeugkategorie ist deshalb kein Zufall," sagt Albrecht. Aktuell ist der Citroën C3 Picasso das jüngste der Modelle im Segment.

Doch nicht mehr lange, denn Renault stellt in Genf die nächste Auflage des Kompakt-Vans Scénic vor. Konstruiert auf der Plattform des neuen Mégane und in jeder Dimension etwas gewachsen, startet er mit kurzem Radstand und fünf Plätzen sowie als gestreckter Grand Scénic, den es auf Wunsch auch als Siebensitzer mit dritter Sitzreihe gibt. Maximal kann der französische Raumkreuzer 2083 Liter Gepäck schlucken.

Renault und Peugeot mit je zwei neuen Kompakt-Vans

Doch es ist nicht allein die Größe, mit der Renault punkten will. "Wir setzten auf Liebe zum Detail", sagt ein Firmensprecher. Dann zeigt er mehr als ein Dutzend Ablagen mit zusammen bis zu 92 Litern Stauraum. Und er zeigt das Cockpit, in dem statt Rundinstrumenten erstmals ein Flachbildschirm montiert ist.

Auch Peugeot setzt auf das Raumauto. Da die Löwenmarke in der Kompaktklasse bislang nichts Entsprechendes zu bieten hatte, holt sie nun zum Doppelschlag aus. In Genf zeigt Peugeot das Modell 3008, das mit einigen SUV-Anleihen als modischer Fünfsitzer gegen Autos wie den Nissan Qashqai antreten soll. Im September auf der IAA in Frankfurt folgt dann ein weiterer Ableger der Baureihe 308, der sieben Sitze bekommt und gegen den VW Touran zielt.

Ähnlich wie bei den SUVs, werden auch die neuen Modelle der Großraumlimousinen etwas kleiner und kompakter. So könnte der neue Renault Grand Scénic dem Modell Espace den Todesstoß versetzen; und der Nachfolger für die Van-Kooperation von Citroën, Peugeot, Fiat und Lancia ist nach Angaben von Peugeot-Deutschland-Chef Olivier Dardart noch nicht endgültig beschlossen. Gut möglich, dass die Franzosen es bei den kleineren Autos belassen und die Italiener gemeinsame Sache mit ihrem neuen Partner Chrysler machen.

Das kleine Comeback des Mittelklasse-Kombis

Bei aller Liebe zur Familienplanung - es sind nicht nur französische Hersteller, die mit passenden Auto-Neuheiten aufwarten. Auch aus Asien kommen zwei Neuheiten. So präsentiert Toyota auf dem Autosalon den Auris-Ableger Verso mit sieben Sitzen und bis zu 32 Bestuhlungsvarianten als Allzweck-Laster für die Familie; und am Kia-Stand dreht sich die Studie No.3, die bis Herbst serienreif sein soll und dann als Mini-Van mit Typen wie Opel Meriva, Nissan Note und Renault Modus konkurrieren soll.

Als einziger deutscher Hersteller hält in diesem Segment Ford die Flagge hoch. Während Opel Zafira und VW Touran gut etabliert sind und noch ein paar Jahre laufen müssen, stimmt die Studie Iosis-Max auf den Nachfolger des Ford C-Max ein. Allerdings wird es wohl noch zwei Jahre dauern, bis das Auto an den Start geht. In dieser Zeit wird wohl manche originelle Tür- und Haubenkonstruktion des Konzeptfahrzeugs noch weichen und das Innenraumdesign zur gewohnten Tristesse zurückfinden.

Auch der Kombi feiert in diesen Tagen ein kleines Comeback. In Genf etwa zeigt Renault das neue Kompaktmodell Mégane auch wieder als Kombi-Version Grandtour und schafft mit 26 zusätzlichen Zentimetern mehr Platz für Knie und Koffer. Bei Opel kämpft sich die vom Caravan zum SportsTourer gewandelte Kombi-Variante des Hoffnungsträgers Insignia durch den Wust der schlechten Nachrichten. Seat verwandelt den alten Audi A4 Avant mit etwas frischer Schminke und einer handvoll neuer Motoren in den Exeo ST, der künftig an der Spitze der Modellpalette stehen wird. Und selbst die chinesische Marke Brilliance entdeckt jetzt mit dem von Pininfarina gezeichneten Ableger des BS4 das europäische Segment der Kombinationskraftwagen.

Wie wichtig der Industrie die klassische Familienkutsche ist, zeigt nicht zuletzt das Beispiel des elektrisch angetriebenen Opel Ampera. Das futuristisch gezeichnete Stufeneckmodell ist zuerst ein Innovationsträger, der derzeit zum Retter des Rüsselsheimer Herstellers hochstilisiert wird; doch Projektchef Frank Weber sieht in dem Wagen auch ein Alltagsauto: "Wer einen Ampera fährt, soll keine Einschränkungen machen müssen." Das gelte für die Fahrleistungen ebenso wie für den Platz oder die Bedienung. "Müsste der Fahrer erst 300 Seiten Handbuch durcharbeiten, hätten wir schon verloren."

Neue Autos: Reichlich Platz für die Familie

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