Mercedes SLS AMG Geheimnisvoller Flügeltürer

Wenn es um echte Sportwagen geht, kann Mercedes nicht viel bieten. Der SL gilt als zu schwer, der SLR ist selbst hartgesottenen Stammkunden zu teuer. Bald aber kann die Vollgasfraktion aufatmen, denn AMG füllt die Lücke mit einem neuen Flügeltürer.

Sie waren die Stars der Teststrecken, ob in Arjeplog, am Nürburgring oder im Death Valley: Seit rund zwei Jahren halten eine handvoll Tiefflieger im Tarnkleid die Industriespione in Atem. Keine anderen Prototypen sahen so geheimnisvoll und viel versprechend aus wie die schwarz beklebten und wild beplankten Erlkönige, die mit Vollgas um die Welt fuhren.

Spekuliert wurde über deren Herkunft seit dem ersten Auftritt, jetzt ist es amtlich: Die dunklen Donnerbolzen waren die ersten Typen eines neuen Supersprinters, mit dem der Mercedes-Ableger AMG sich endgültig vom Ruf des Haustuners distanziert und um Aufnahme in den Kreis der Sportwagenschmieden ersucht.

Zudem schlagen die Schwaben eine Brücke in die Vergangenheit. Denn auch wenn das Design noch als streng geheim gilt, ist zumindest ein Detail schon bekannt: Der 4,80 Meter lange und nur 1,26 Metern hohe Zweisitzer, der im September auf der IAA Weltpremiere als Mercedes-Benz SLS AMG feiern wird, ist ein klassischer Flügeltürer. Damit steht er in der Tradition des legendären SL von 1954, der als Sportwagen des Jahrhunderts gilt und den Ruf von Mercedes entscheidend prägte.

Dass AMG sich in diesem Fall nicht mit Extra-PS, Zusatz-Spoilern und sportlichem Zierrat im Innenraum begnügt, ist für den Chef der Mercedestochter, Volker Mornhinweg, ein logischer Schritt. Vor 40 Jahren startete das Unternehmen in Affalterbach mit klassischem Tuning, bewies zuletzt jedoch immer mehr Eigenständigkeit. Erst wurde mit dem 6,3 Liter großen V8 der erste eigene Motor vorgestellt, dann folgten die Sondereditionen namens Black Series, dann ein eigens entwickeltes Speedshift-Getriebe - und nun also ein eigenes Auto. Mit den Modellen aus der Großserie hat der Wagen angeblich nur noch Kleinigkeiten wie den Klimakompressor oder den Kabelbaum gemein.

Anders als der vielen Kunden zu lasche aktuelle SL und anders als der exotische SLR soll das Modell SLS eine Punktlandung auf der Pole Position machen und "auf Anhieb eine Spitzenstellung in dem hart umkämpften Wettbewerbsumfeld einnehmen", sagt Mornhinweg. "Dieses Auto muss keinen Vergleich scheuen - sei es mit einem Porsche 911 Turbo, einem Aston Martin DB9, einem Ferrari California oder einem Audi R8 V10."

Dafür treibt die um hundert Spezialisten aufgestockte Entwicklungsmannschaft einen stattlichen Aufwand. Sie hat nicht nur den Achtzylinder-Motor mit einem neuen Ansaugtrakt bestückt und so noch etwas mehr Leistung und Drehmoment mobilisiert, sondern vor allem hat sie mit dem SLS endlich den Leichtbau entdeckt.

Drehen an der Tempo-Spirale

Weil der Flügeltürer keine Rücksicht auf andere Fahrzeuge aus dem Portfolio des Herstellers nehmen muss, bekommt er einen sogenannten Aluminium-Spaceframe, der aus fast 150 Strangprofilen und einem guten Dutzend Gussknoten zusammengeschweißt wird. So wiegt der Rohbau gerade einmal 241 Kilogramm. Darüber dengeln die Schwaben eine Karosserie, die aus Alublechen besteht. Weil auch sonst überall an Gewicht gespart wird, und zum Beispiel die armdicke und fast zwei Meter lange Kardanwelle vom Motor zur Hinterachse dank des Werkstoffs Karbon nur vier Kilo wiegt, kommt der SLS auf ein Leergewicht von 1620 Kilo. Damit ist er um fast 300 Kilo leichter als ein ordentlich bestückter SL.

Auch beim Antrieb geht AMG einen eigenen Weg. Zugunsten einer ausgeglichenen Gewichtsverteilung wandert das neue Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe in der sogenannten Transaxle-Bauweise direkt an die Hinterachse. Außerdem sind Motor und Getriebe sehr tief montiert, um den Schwerpunkt nach unten und die möglichen Kurvengeschwindigkeiten nach oben zu treiben.

Die Fahrleistungen sind dem Segment angemessen: Mit 571 PS und maximal 650 Nm beschleunigt der SLS in 3,8 Sekunden auf Tempo 100, erreicht nach zwölf Sekunden 200 km/h und bekommt deutlich mehr Auslauf als die Serienmodelle. Während sonst bei 250 km/h der Vortrieb elektronisch abgeriegelt wird, ist in diesem Auto erst bei 315 km/h die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Auch wenn AMG den CO2-Ausstoß der Vollgasflotte reduzieren will, ist der Flügeltürer keineswegs ein Klimaretter. Der Normverbrauch liegt bei knapp 13 Litern, doch das dürfte ebenso realistisch sein wie ein Ende der gegenwärtigen Krise in der nächsten Woche.

Zu den technischen Details geben sich die Schwaben bereits auskunftswillig, und das Design kann man zumindest erahnen. Nur beim Preis hält Mornhinweg noch dicht. Allerdings solle der SLS kein exklusives Prestigeprojekt werden, sondern auf der Straße Präsenz zeigen, sagt der AMG-Chef. Der Preis des auslaufenden SLR von mehr als 400.000 Euro sei deshalb keine Richtgröße. Stattdessen werden immer wieder Zahlen in die Diskussion geworfen, die deutlich unter 200.000 Euro liegen. Für echte Fans aber spielt offenbar weder der Preis noch das endgültige Design eine Rolle: Die ersten Blindbestellungen für das Auto liegen nämlich schon vor.

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