Jaguar-Neuheiten Keine Spur von Katzenjammer

Seit rund einem Jahr ist Jaguar jetzt ohne den Ford-Konzern unterwegs. Und ganz offensichtlich hat die Traditionsmarke den Wechsel gut überstanden. Die Entwickler genießen ihre neue Freiheit - und das schlägt sich auch in den Produkten wieder.

Jaguar-Chef Mike O'Driscoll wirkt zufrieden. Den Wechsel von Ford zu Indiens Tata hat die Traditionsmarke offenbar ganz gut überstanden. Natürlich stöhnen auch die Briten über die Konjunkturflaute, doch mit ihrer neuen Limousine XF konnte die Marke dem Abwärtssog trotzen. In Deutschland stiegen die Neuzulassungen im vergangenen Jahr um 5,2, weltweit sogar um 8 Prozent. Allerdings wächst die Marke auf niedrigem Niveau: Gut 65.000 Verkäufe waren es 2008 - diese Zahl schaffen Audi oder Mercedes in weniger als einem Monat.

Doch Wachstum bleibt Wachstum, und damit der Schwung anhält, stellte Jaguar bei der Autoshow in Detroit für die Modelle XK und XF neue V8-Benzinmotoren vor. Außerdem gibt es für die Mittelklasse-Baureihe ein stärkeres Dieselaggregat. "Von Katzenjammer kann keine Rede sein", behauptet O'Driscoll.

Tatsächlich hat die Firma sich nach dem Ende der Ära Ford rasch emanzipiert. Selbst die Entwickler, die in der früheren Konstellation auf ein riesiges Reservoir an Teilen und Technologien zurückgreifen konnten, können auch mit Tata gut leben. "Autos wie der XK und der XF zeigen, wie wir zuletzt auch innerhalb des Ford-Konzerns zunehmend unsere eigenen Interessen als luxuriöser Nischenanbieter verfolgen konnten", sagt Entwicklungschef Mike Mohan. "Obwohl es heutzutage finanziell notwendig ist, Synergien zu schaffen, gibt es kaum Parallelen zwischen diesen Modellen und anderen Autos des Ford-Konzerns."

Bester Beweis dafür sind die aktuellen Neuheiten. Zwar wurden der V8-Benziner mit mehr Leistung und weniger Verbrauch sowie der erstarkte V6-Diesel formal noch unter dem Dach des Ford-Konzerns konstruiert. "Doch die Entwicklung fand bei Jaguar in Coventry statt", sagt O'Driscoll. Während anderswo sich die Techniker um Downsizing bemühen, wächst der neue Benziner der Briten von 4,2 auf 5,0 Liter Hubraum. Als Saugmotor steigt die Leistung um 29 Prozent auf 385 PS, das maximale Drehmoment klettert um 25 Prozent auf 515 Nm.

Neues XF-Top-Modell mit aberwitzigen 510 PS

Bestückt mit einem neuen Kompressor, legt auch die R-Version, die künftig erstmals für den XF angeboten wird, deutlich zu: Statt 416 leistet sie jetzt 510 PS, und statt 560 zerren nun 635 Nm an der Kurbelwelle. Der Kraftzuwachs allein ist keine Kunst. Doch gleichzeitig wurde der Verbrauch gesenkt, und das verdient Respekt. Chefentwickler Mohan: "Dies sind die stärksten und effizientesten Triebwerke, die je in einen Jaguar eingebaut wurden." Wenngleich Direkteinspritzung und variable Ventilsteuerung auch keine Wunder wirken. 11,2 und 12,3 Liter Durchschnittsverbrauch sind zwar weniger als vorher, aber noch immer mehr als genug.

Neue Freiheiten im Tata-Konzern

Neue Freiheiten im Tata-Konzern

Auch beim neuen Dieselmotor für die Baureihe XF folgt Jaguar der Mini-Max-Strategie: Der Hubraum wächst von 2,7 auf 3,0 Liter, Leistung und Drehmoment - und damit das Fahrvergnügen - legen um bis zu 33 Prozent zu; der Verbrauch allerdings geht um bis zu zwölf Prozent zurück. Angeboten wird der neue Selbstzünder in zwei Leistungsstufen mit 240 und 275 PS sowie 500 und 600 Nm, in beiden Fällen soll der Durchschnittsverbrauch bei 6,8 Liter liegen.

Die Zukunft von Jaguar sehen die Entscheidungsträger aus England berufsmäßig optimistisch. Vor allem die Entwickler genießen offenbar ihre neuen Freiheiten. Für die laufenden Modelle sei die Versorgung mit Bauteilen aus dem Ford-Konzern durch Verträge gesichert, sagt O'Driscoll. "Manche davon, etwa für Motoren, laufen noch zehn Jahre." Alles, was neu eingekauft werden muss, kann jetzt frei am Markt bestellt werden. "Das ist mitunter ein Vorteil", erläutert Mohan. "Früher waren wir gehalten, uns im Ford-Regal zu bedienen. Das war vielleicht die preiswerteste, aber nicht immer die ideale Lösung." Für besondere Technologien wie etwa die Sechsgang-Automatik vom deutschen Zulieferer ZF in den Modellen XK und XF dagegen mussten sie heftig kämpfen.

Der neue Eigentümer Tata lässt den Briten bei solchen Entscheidungen weitgehend freie Hand. "Mit Ford mussten wir unsere Entwicklungen abstimmen und viele technische Diskussionen führen", erinnert sich Mohan.

"Tata dagegen sieht Jaguar eher durch die Brille des Investors, der mit seiner Anlage Geld verdienen will und deshalb auf unsere Gewinnsituation schaut. Die Entscheidung, welche Technologien wir dafür einsetzen müssen, überlassen die Inder uns", beschreibt Jaguar-Chef O'Driscoll die Unterschiede. Denn Synergien zwischen einem Jaguar XJ und einem Kleinwagen wie dem Tata Nano wird es wohl auch auf längere Sicht nicht geben.

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