Familienautos Klasse für die Masse

Zwischen den visionären Winzlingen und den potenten Traumwagen gibt es beim Autosalon in Paris einige Neuheiten fürs breite Autofahrer-Volk. Die automobile Mittelklasse wird zumindest in der Zulassungsstatistik alle anderen Modelle überholen.

Paris - An Glamour herrscht auf dem Automobilsalon in Paris kein Mangel. Es debütieren diverse Supersportmodelle wie Lamborghini Estoque, Ferrari California, Maserati Quattroporte – und auf den Messeständen der italienischen Nobelmarken wird am Spumante nicht gespart.

Aber was macht die große Mehrheit derer, denen ein Kleinwagen zu klein und ein Luxusauto viel zu teuer ist? Sie strebt nach automobilem Mittelmaß. Auch da gibt es in Paris Premieren, und zumindest in der Zulassungsstatistik werden diese Autos alle exotischen Traumwagen sehr schnell überholen.

Opel zum Beispiel hofft auf einen Siegeszug des Mittelklassemodells Insignia und zeigt in Paris erstmals auch den schnittig gezeichneten Kombi, der künftig Sports Tourer statt wie bislang Caravan heißen wird. Gerade in Deutschland ist diese Karosserievariante, die im Frühjahr ab 23.990 Euro an den Start gehen wird, besonders wichtig. Drei Viertel aller Vectra-Modelle waren Kombi-Typen - das wird beim Nachfolger wohl nicht anders sein, obwohl die Marke mächtig kämpfen muss. Opel-Marketingvorstand Alain Visser ist dennoch optimistisch: "Mit dem richtigen Auto kann man die Kunden zurück holen."

Seat hat den alten Audi A4 nochmal aufgepeppt

Darauf hoffen auch die Vertriebsleute bei Chevrolet und rollen in Paris den neuen Mittelklassewagen Cruze ins Rampenlicht. Die klassisch geschnittene Stufenhecklimousine mit dem vorlauten Kühlergrill misst 4,60 Meter, wird mit zwei Benzinern mit 112 und 140 PS oder einem Diesel mit 150 PS angeboten und kommt im Frühjahr in den Handel. Ein Preis wird noch nicht genannt, doch rund 19.000 Euro sind wohl keine schlechte Schätzung.

Dritte Paris-Premiere in der neuen Mitte ist der Seat Exeo, mit dem die spanische Audi-Schwester an den Erfolg des früheren Toledo anknüpfen und auf dem Heimatmarkt zur stärksten Kraft aufsteigen will. Nachdem der aktuelle Toledo mit unkonventionellen Steil-Stummelheck glatt durchfiel, bekennen sich die Spanier nun wieder zum konventionellen Stufenheck.

Für die Kunden ist der Exeo im Prinzip ein alter Bekannter: Schließlich steckt hinter dem neu geschminkten Gesicht ein aufgebügelter Audi A4 der letzten Modellgeneration, der außen nur marginal verändert und innen moderat modernisiert wurde. Auch die Motoren – je drei Benziner von 102 bis 200 PS und drei Diesel mit 120 bis 170 PS - kennt man von früher. Aber das muss ja kein Fehler sein, immerhin gibt es so für Preise ab etwa 22.000 Euro ein geräumiges Auto mit bewährter Technik.

Neue Vans aus Frankreich

Neue Vans aus Frankreich

Ebenfalls neu in der Mittelklasse ist der Toyota Avensis, der im Januar als Limousine und Kombi in seine dritte Runde geht. Um fünf Zentimeter gestreckt und etwas dynamischer gezeichnet gibt es das europäische Flaggschiff der Marke mit drei neuen Benzinern (132 bis 152 PS) und bekannten Diesel-Aggregaten, die 125, 150 oder 177 PS leisten und endlich auch mit Automatik lieferbar sind.

Zwar bleibt Hybrid-Pionier Toyota in dieser Klasse explizite Spartechnik schuldig, doch kommt der Einstiegsdiesel auf einen CO2-Ausstoß von immerhin 134 g/km. Den Durst der Benziner haben die Ingenieure um bis zu 26 Prozent gedrückt; das sparsamste Modell stößt nun 152 g/km aus.

Fast völlig vergessen hat die Industrie offenbar das Segment der Großraumlimousinen. Dabei steht diese Spezies gerade in Frankreich hoch im Kurs: Die Franzosen haben schließlich mehr Nachwuchs als jede andere Nation in Europa. Statistisch 2,1 Kinder pro Frau und zahlreiche Familien mit fünf oder mehr Mitgliedern sorgen deshalb für erhöhte Nachfrage nach den variablen Vans.

Raumwunder für sparsame Familien

"Die Vielfalt an französischen Modellen in dieser Fahrzeugkategorie ist kein Zufall", sagt Citroën-Sprecher Thomas Albrecht und hat den C3 Picasso als Antwort auf den Renault Modus enthüllt. Das 4,08 Meter kurze Raumwunder für sparsame Familien soll zum Jahreswechsel an den Start gehen.

Wer mehr Platz möchte, wird ungefähr zur gleichen Zeit bei der Konzernschwester Peugeot fündig. Die Marke hat mittlerweile erkannt, dass insbesondere in der Kompaktklasse kein Weg am Van vorbei führt und schickt gegen Konkurrenten wie Renault Scénic, VW Touran oder Ford C-Max den 3008 ins Rennen. Noch sieht die Studie "Prologue" zwar aus, als sei sie als Geländewagen gedacht. Doch bis zum Verkaufsbeginn im neuen Jahr sollen die dicken Planken an den Flanken noch entfernt werden.

Der dritte neue Van in Paris steht bei Chevrolet und trägt den Namen Orlando. Lässt man die Vorläufer von Daewoo einmal außen vor, ist der als Studie präsentierte Siebensitzer die erste Großraumlimousine der US-Marke und zielt vor allem auf Wettbewerbsmodelle wie Chrysler Voyager oder Dodge Journey. Wenn die Geburtenrate tatsächlich wieder anziehen, könnte auch hierzulande die Nachfrage nach solchen Autos wieder steigen.

Das Duell Golf gegen Mégane

Kompaktklasse: Das Duell Golf gegen Mégane

Das größte Sammelbecken des europäischen Automarktes ist allerdings die Kompaktklasse. Zwar mühen sich die Hersteller mit Chrom, Lack und Leder um eine stilistische Aufwertung. Doch führt das nicht unbedingt zu mehr optischer Attraktivität. So solide der neue VW Golf auch sein mag, der Bestseller ist inzwischen auch ein Langweiler.

Dem in Paris enthüllten Konkurrenten Renault Mégane geht es kaum besser. Im Gegenteil: Weil die Kunden die stilistischen Experimente von Designchef Patrick Le Quement mit Kaufzurückhaltung quittierten, wird aus dem kubistischen Provokateur jetzt ein konventionelles Steilheckmodell.

Die Verantwortlichen in Wolfsburg wissen das offenbar. Deshalb steht neben dem normalen VW Golf in Paris auch schon der neue Golf GTI mit 210-PS-Motor, der zu Preisen ab 26.400 Euro im Frühjahr zum Breitensportler aufsteigen will. Und Renault stellt dem neuen Mégane einen schnittigen Dreitürer zur Seite. Wird ein kräftiger Motor gewählt, kann es das französische Coupé durchaus mit dem VW Scirocco aufnehmen. Und bei einem Basispreis knapp unter 20.000 Euro bleibt sogar vielleicht noch ein bisschen was für Sekt statt Selters übrig.

Fotostrecke: Familienauto-Premieren in Bildern

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