80 Jahre Tempo Drei Räder für ein ganzes Auto

Aus dem Straßenbild sind sie verschwunden. Vor gut 50 Jahren verließen die letzten "Tempo-Eilwagen" die Werkshallen im Süden Hamburgs. Die dreirädrigen Lastesel waren lange ein deutsches Erfolgsmodell - und bis zum Jahr 2000 wurden sie in Indien noch gebaut.

Hamburg - Tempolimit oder Tempo-Taschentuch: Der Begriff Tempo ist im alltäglichen Sprachgebrauch für unterschiedlichste Einsätze geeignet. Ein echter Tempo ist aber in den seltensten Fällen gemeint, wenn dieses Wort fällt. Denn obwohl die seltsamen Dreiräder der Marke Tempo über Jahrzehnte zum deutschen Alltag gehörten, ist die Erinnerung an sie meist nur noch sehr blass.

Schließlich ist es schon gut 50 Jahre her, seit die letzten Tempos die Werkshallen im Süden Hamburgs verließen. Und exakt 80 Jahre sind vergangen, seit die einstige Erfolgsgeschichte im kleinen Rahmen ihren Anfang nahm.

Drei Räder für ein ganzes Auto - das war schon immer eine etwas eigenartige Sache. Auch als die Geschichte der Marke Tempo begann, ruhten die Karosserien der "echten" Autos wie selbstverständlich auf vier Felgen samt Reifen. Dass man bei den Tempos ein Rad wegließ, hatte aber einen triftigen Grund: Als die Firma Vidal & Sohn sich ans Werk machte, hatte der Gesetzgeber gerade beschlossen, dass für Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und Motoren mit weniger als 200 Kubikzentimetern Hubraum eine Sonderregelung gelten sollte. Und die besagte, dass dafür keine Steuern zu zahlen waren und der Fahrer nicht einmal einen Führerschein brauchte.

Start-Up als kleine Klitsche

Für findige Geschäftsleute mit einem Hang zum Fahrzeugbau tat sich dadurch eine neue Einnahmemöglichkeit auf. Das stellte auch der ehemalige Kohlehändler Max Vidal fest: 1928 übernahm er gemeinsam mit seinem Sohn Oscar den Alleinvertrieb für die Dreiräder der Marke "Tempo Eilwagen" aus Hamburg. Tempo war damals aber kein großes und eingeführtes Unternehmen, sondern den Überlieferungen zufolge eher eine kleine Klitsche, die mehr schlecht als recht über die Runden kam und Fahrzeuge in sehr überschaubarer Größenordnung zusammenbastelte.

Die Ansichten über eine erfolgreiche Geschäftsstrategie sahen bei den Vidals jedoch ganz anders aus als bei den ursprünglichen Geschäftspartnern. Und so bauten Vidal & Sohn dann schon von 1929 an die Fahrzeuge in Eigenregie in einem neuen Werk.

Was unter dem Namen Tempo in diesen Jahren zunächst auf die Straßen rollte, war Meilen entfernt von heutigen Vorstellungen von einem Auto. Am besten lassen sich Fahrzeuge wie das T 6 genannte Modell vorstellen, wenn man im Geiste die hintere Hälfte eines Motorrades nimmt und daran vorne einen Anhänger montiert: Der Fahrer saß quasi auf einem Sattel über dem Hinterrad, während sich vor ihm die Ladefläche ausbreitete, die auf einer Achse mit zwei Rädern rollte. Das sah ziemlich abenteuerlich aus und fuhr sich auch so. Für die Kundschaft aber bedeutete so ein Gefährt einen großen Schritt nach vorn: Gerade die kleinen Krämer und Händler beförderten ihre Waren oft noch mit Karren oder Pferdefuhrwerken.

Behelfskonstruktion als Erfolgsmodell

Behelfskonstruktion als Erfolgsmodell

Ihrem später typischen und berühmten Erscheinungsbild näherten sich die Tempo-Fahrzeuge dann 1933. In diesem Jahr präsentierte das Unternehmen das Modell Front 6 - und dachte bei der Verwendung des Begriffs "Front" beileibe nicht an etwaige Kriegseinsätze. Hinter dem neu konstruierten Fahrzeug verbarg sich vielmehr eine ebenso einfache wie geniale Idee: Im Grunde wurde nichts anderes gemacht, als das bisherige Prinzip einmal umzudrehen.

Bildete bislang der Teil des Gefährts, an dem nur ein Rad rollte, das Heck, sah es nun genau entgegengesetzt aus: Das Einzelrad rollte vorne, die Achse mit den beiden Rädern bildete das Heck. Der Fahrer blieb fast an seinem Platz und musste sich nur umdrehen.

Dazu kamen weitere wichtige Neuerungen. So wurde nun das Vorderrad selbst angetrieben - von einem Motor, der quasi an der Befestigung des Rades hing und wegen der notwendigen Lenkbarkeit dieses Rades auch beweglich aufgehängt wurde. Dahinter nahm der Fahrer Platz und brauchte nicht einmal mehr regenfeste Kleidung mitzuführen. Denn als Schutz vor Wind und Wetter gab es nun eine Kabine. Die Ladung hatte dahinter auf der Ladefläche oberhalb der Achse reichlich Platz.

Was zunächst wie eine notdürftig gezimmerte Behelfskonstruktion wirken mag, wurde zu einem Erfolgsmodell. Denn der simple Aufbau des Gefährts hatte einen unschlagbaren Vorteil: Weil sich zwischen Vorderrad und Hinterachse im Grunde nur ein stabiles Rahmenrohr befand, konnte darauf in Sachen Aufbau fast alles verwirklicht werden, was die Kundschaft wünschte. Bilder und Prospekte zeigen die dreirädrigen Tempo-Laster mit unterschiedlichsten Pritschen oder diversen kleinen und größeren Kastenaufbauten. Dem Front 6 folgten weitere Modelle wie der D 200 mit seinen 6 oder der D 400 mit kräftigen 12 zweitaktenden PS - genügend Kraft, um bis zu 750 Kilo Nutzlast zu transportieren.

Der Erfolg führte dazu, dass nach wenigen Jahren die Werkshalle zu eng wurde und man auf ein größeres Gelände in Hamburg-Harburg umzog.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen schon eine bei der Konkurrenz seit geraumer Zeit gängige Idee übernommen und sich an eine Neukonstruktion gemacht: Mit dem V 600 gab es nun erstmals einen Tempo mit sage und schreibe vier Rädern. Und aus der überschaubaren Schrauberei war längst eine Serienproduktion in größerem Rahmen geworden: Im Jahr 1935 wurde das 10.000. gebaute Fahrzeug gefeiert.

Auf Matador folgte Wiking

Auf Matador folgte Wiking

Bis zur nächsten nennenswerten Schwelle verging noch wesentlich weniger Zeit. Tempo Nummer 25.000 wurde im Jahr 1937 montiert. Bis dahin hatte es wieder einige Neuerungen gegeben: Die Aufbauten entstanden nicht mehr nur aus Holz und Kunstleder, man verbaute auch Fahrerkabinen aus Metall.

Der Zweite Weltkrieg ging auch an Tempo nicht spurlos vorbei. Trotzdem schien es nach Kriegsende so, als könne man an die Erfolgsgeschichte anknüpfen. Die Produktion lief wieder an, mit dem Hanseat erschien 1948 eine nochmals überarbeitete Version des Dreirad-Prinzips, ein weiteres neues Modell hieß Boy.

In den 50er Jahren zeigte sich aber, dass das wirtschaftwundernde Deutschland mehr wollte, vor allem vier Räder. Nachdem die Produktion des Vierradmodells A 600 schon vor dem Krieg eingestellt worden war - die Regierung hatte Tempo laut dem Portal www.tempo-dienst.de  als Hersteller von Dreiradfahrzeugen deklariert - wurde nun die alte Idee in die neue Zeit übersetzt. Ergebnis war zunächst das Modell Matador, in den ein VW-Motor für den Antrieb sorgte. Später folgte der Wiking. Doch die Zeit der Dreiräder war in Deutschland vorüber - nach mehr als 100.000 Exemplaren endete die Produktion 1955.

Auch für die Marke Tempo an sich sollte bald das letzte Kapitel aufgeschlagen werden: Der kleine Hersteller sah sich immer stärker werdender Konkurrenz der Konzerne gegenüber. Schon 1955 wurden daher 50 Prozent der Anteile an die Marke Hanomag verkauft. Die andere Hälfte ging 1965 an das nun unter Rheinstahl-Hanomag firmierende Unternehmen. Daraus wurde später Hanomag-Henschel - und diese Marke ging 1974 in Mercedes-Benz auf. Das Prinzip des Dreirads sollte aber noch eine ganze Weile überleben - weit, weit weg: Die Pläne und Produktionsanlagen waren nach Einstellung der Produktion nach Indien verkauft worden, wo bis zum Jahr 2000 erfolgreich weiterproduziert wurde.

Das Museum der Arbeit in Hamburg  zeigt vom 10. Oktober bis zum 12. April die Ausstellung "Tempo - Auf 3 Rädern durch die Stadt". Zu sehen sind originale Fahrzeuge aus verschiedenen Jahrzehnten, zum Teil auch in nachgestellten Szenarien wie bei der Belieferung eines Kaufmannsladens.

Heiko Haupt, dpa

Fotostrecke: 80 Jahre Tempo-Eilwagen

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.