Mercedes F 700 Die S-Klasse von übermorgen

Der Luxusliner der Zukunft braucht kaum mehr Treibstoff als ein Kleinwagen. Dafür bietet das Interieur der Mercedes-Studie F 700 den Komfort der Business Class: Vom behaglichen Liegesessel über den Großbildschirm bis zur temperierten Sushibar ist alles drin - und Schlaglöcher werden per Laser vorab erkannt. Eine Testfahrt.

Wenn Mercedes-Mitarbeiter Jürgen Hirsch neue Fahrgäste begrüßt, könnte er auch "Willkommen in der Zukunft" sagen. Denn Hirsch chauffiert nicht irgendeinen Mercedes. Sondern er sitzt am Steuer des feudalen Einzelstücks F 700, einer Studie, die man als S-Klasse von übermorgen bezeichnen könnte.

Den Luxusliner der Zukunft soll man guten Gewissens bewegen können. Denn das imposante Konzeptauto braucht kaum mehr Kraftstoff als ein Kleinwagen. Obendrein bietet der F 700 allerlei Verwöhnfunktionen, die Stillstand im Stau oder zähflüssige Stop-and-Go-Fahrerei erträglich machen sollen.

"Die Forschungsfahrzeuge bei Mercedes sind voll funktionsfähig", sagt Hirsch, während er die entgegen der Fahrtrichtung angeschlagene Türe hinten rechts öffnet und sich der Wagen zum bequemeren Einstieg automatisch ein wenig anhebt. Fast ohne zu buckeln erreicht man so den bequemen Liegesessel, der entgegen der Fahrtrichtung montiert ist. Die Beinfreiheit ist enorm. Hirsch: "Den Platz, den das neue Antriebskonzept nicht mehr benötigt, können wir den Passagieren spendieren."

Hotspot für Genießer

Der entgegen der Fahrtrichtung plazierte Sessel im F 700 wird zum Hotspot für Genießer: Eine ausklappbare Fußstütze hilft beim Relaxen, der Körper ruht auf einer warmen, weichen Verkleidung aus Leder und Kork, durchs Glasdach schimmert matt gedämpft die Sonne. Und wenn aus der Rückwand der wohnzimmertaugliche Flachbildschirm mit 3D-Funktion ausfährt, wird der Fond wahlweise zu Kinosaal oder Großraumbüro.

Sollte unterwegs der kleine Hunger erwachen, hält die Mittelkonsole - wohltemperiert und unter Klappen verborgen - eine Sushibar bereit. Wem die Sitzordnung nicht gefällt, der kann mittels einer Schalterbatterie in der Türkonsole Stühlerücken spielen: Auf Knopfdruck kippt der Sessel nach hinten, die Lehne wird zur Sitzfläche, und vorne entfaltet sich ein konventioneller Beifahrersitz aus dem Fußraum.

Obwohl der F 700 als futuristische Chauffeurslimousine vor allem auf Hinterbänkler zugeschnitten ist, sieht auch der Fahrer dieses Autos die Welt mit neuen Augen. Denn zum ersten Mal feiern die Entwickler einen überzeugenden Sieg im Krieg gegen die Knöpfe: Weil der zentrale Dreh- und Drücktaster um eine Bedienebene erweitert wurde und zudem die Sprachsteuerung jetzt auch im freien Dialog zwischen Mensch und Maschine funktioniert, gibt es im Cockpit tatsächlich kaum noch Schalter.

Digitale Sekretärin

Digitale Sekretärin

Neben dem Warnblinker und dem Regler für die Lüftung herrscht gähnende Leere. Alle anderen Funktionen werden mittels des Zentralschalters und über den Bildschirm in der Mittelkonsole gesteuert. Dort erscheint eine digitale Sekretärin im Bürokostüm und nimmt die Sprachbefehle entgegen. "Wenn Sie die passenden Daten haben, bauen wir dort auch Ihre Frau ein, oder die Freundin", verspricht Hirsch.

Mindestens so ungewöhnlich wie der Innenraum sind Antrieb und Fahrwerk. Erfahren werden muss die Technik vorerst jedoch in umgerüsteten S-Klasse-Modellen. Denn ans Steuer des F 700 darf vorerst keiner außer den Entwicklungsingenieuren. Doch die neue Technik lässt sich auch in der altbekannten Umgebung gut erfahren.

Zum Beispiel die Weiterentwicklung des aktiven Fahrwerks, das die Schwaben intern als "fliegenden Teppich" bezeichnen. Erfinder Ralph Streiter zeigt die beiden Lasersensoren am Bug der Limousine, die bis Tempo 150 die Straße scannen und jede Unebenheit an den Bordcomputer melden. Der wiederum programmiert dann das Fahrwerk, noch bevor die entsprechende Stelle erreicht ist.

Schwebezustand über dem Schlagloch

So verlieren Gullideckel oder Pflastersteine ihre Rüttelwirkung, und selbst auf Fahrbahnmarkierungen reagiert das System. Auch auf Kopfsteinpflasterstrecken schwappt folglich kein Tropfen Kaffee aus dem Becher im Getränkehalter. Den Trick des Fahrwerks hat sich Streiter beim Menschen abgeschaut. "Wir trippeln ja auch nicht bis direkt an eine Stufe und machen dann einen Hüpfer, sondern heben schon vorher das Bein", umschreibt er die Idee, die womöglich schon in der nächsten Generation der S-Klasse in Serie gehen könnte.

Noch etwas länger braucht Markus Kern, der für den Antrieb des F 700 zuständig ist. Unter der Haube seines Versuchsfahrzeugs streckt ein sogenannter Diesotto-Motor , der die Brennverfahren von Diesel- und Ottomotoren miteinander kombiniert. Das macht die Maschine nicht nur extrem sauber und sparsam, sondern auch leistungsstark. Wo bislang sechs, acht oder mehr Zylinder für den standesgemäßen Vortrieb nötig sind, genügen im Dienstwagen von Captain Future vier Brennkammern und fast schon mickrige 1,8 Liter Hubraum.

Sound noch ohne Design

Für das Sounddesign war noch keine Zeit

Kombiniert mit einem Hybrid-Modul für die Start-Stopp-Automatik und den Turbo-Effekt beim Anfahren kommt der Antrieb auf 258 PS und 400 Nm, die das Auto überraschend flott bewegen. Zwar klingt der Motor noch rau und ungehobelt - "fürs Sounddesign hatten wir noch keine Zeit", sagt Kern -, doch den Vergleich mit der konventionellen S-Klasse muss der F 700 auch auf dem abgesperrten Rundkurs nicht scheuen.

In 7,5 Sekunden erreicht das Versuchsauto Tempo 100, und führe Hirsch mit dem millionenschweren Einzelstück nicht so vorsichtig, wären bis zu 200 Sachen drin. Die größte Überraschung allerdings birgt der Blick auf den Bordcomputer: 5,3 Liter soll der Wagen im Durchschnitt verbrauchen, das ist sparsamer als die meisten aktuellen Mittelklasseautos.

Bis zur Serienreife des neuen Antriebs aber ist es noch ein weiter Weg. Doch sind die Entwickler zuversichtlich, die technischen Probleme in den Griff zu bekommen und den Diesotto-Motor zur Serienreife zu entwickeln. Spätestens dann müssen auch die Marketing-Leute erfinderisch sein. Denn S 180 als Typbezeichnung auf dem Heckdeckel wird kaum einem Kunden gefallen.

Mercedes F 700: Die rasende Hängematte

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