Wiesmann "Das war ganz schön teuer"

Friedhelm und Martin Wiesmann wollten ihr eigenes Auto - nicht kaufen, sondern bauen. Heraus kamen dabei Sportwagen, gegen die ein Porsche wie Graubrot aussieht. Mit einer neuen Manufaktur soll nun der wachsende Hunger liquider Autofans auf die exklusiven Rennsemmeln gestillt werden.

Dülmen - Der Ort ist westfälisch, der Auftritt amerikanisch. Nachdem der Ansager "Friedhelm und Martin Wiesmann!" gerufen hat, heult hinter den Gästen ein Motor auf, dann rollt zu Lounge-Gedudel das neueste Modell der gleichnamigen Sportwagenschmiede die Rampe hinauf. Die Chefs steigen aus und posieren vor ihrem 507-PS-Boliden.

Die Kameraleute tauchen sie in ein Blitzlichtbad: "Noch ein bisschen nach links!" - "Hierher gucken" - "Lächeln!". Eine Inszenierung, reif für die Berlinale. Dabei sehen die Brüder Friedhelm und Martin Wiesmann für solche Mätzchen ein bisschen zu westfälisch aus: ganz normal nämlich. Die beiden Mittvierziger tragen Brille, Friedhelm hat schütteres Haar, Martin einen Drei-Tage-Bart und das "falsche Jackett" erwischt, wie sein Bruder später witzelt: "Das ist noch von 1997!"

Ganz normal haben die Wiesmanns angefangen: Arbeit im elterlichen Autohaus, Managementerfahrung mit einer Fabrik für Kinderbekleidung. Dann hatten sie in den späten 80er Jahren eine verrückte Idee, die Entwicklung ihres eigenen Autos. Seitdem kommt eins zum anderen.

Wenn sie nun am Wochenende ihr neues Fabrikgebäude im westfälischen Dülmen, rund 30 Kilometer von Münster, für den Publikumsverkehr eröffnen, ist das der vorläufige Höhepunkt. Die Marke bekommt eine repräsentative Heimat, die Produktion genug Spielraum für die Expansionspläne der Brüder, das gesamte Marketing soll professioneller werden. Daher der amerikanische Auftritt, ein paar Tage vor der offiziellen Eröffnung. Das Fernsehen ist auch da.

Für verrückt hält sie niemand mehr. Ihre Sportwagen mit BMW-Motoren und selbst entworfenem 60er-Jahre-Design sind Liebhaberstücke. Dass sie 1993, zum Start, kein Marketingbudget hatten, glichen sie durch Mutterwitz aus. Sie sorgten dafür, dass die Tennisschickeria am Hamburger Rothenbaum auf ihr Auto aufmerksam wurde. Seither hat vor allem das Schneeballprinzip für sie gearbeitet. Immer mehr Fahrer, denen ein Porsche zu alltäglich erscheint, interessieren sich für Wiesmann.

Die Autos mit dem Gecko im Logo rangieren in Imagerankings für Luxusmarken inzwischen auf den vorderen Plätzen. 26 Niederlassungen vertreiben die Fahrmaschinen, 20 davon im Ausland. Und damit wird so viel Geld eingespielt, dass die Firma sich dieses neue Firmenzentrum leisten kann. Es ist gleichzeitig Manufaktur, wo die Roadster und Coupés in Handarbeit entstehen, und Auslieferungszentrum mit Eventfläche und Fanshop.

"Warum sollten wir wegziehen?"

Ein Gecko kreuzt das Dach

Auf die Frage nach den Kosten reagieren die Brüder so gar nicht wie bei einem Showauftritt. "Öhm, das war alles ganz schön teuer." Friedhelm zögert kurz. "Wir haben hier 7,5 Millionen Euro investiert", sagt er und guckt dabei, als ob man das lieber nicht ausspricht. Viel Holz für einen Mittelständler. Ein überdimensionaler Gecko kreuzt das Dach des Hallenbaus, der ansonsten in dem schnöden Gewerbegebiet nahe der Autobahn A43 nicht auffiele. Ein wenig Extravaganz muss sein.

Die Manufaktur schafft Kapazitäten für die kommenden Jahre. Rund 680 Wiesmänner wurden seit 1993 gebaut, allein 2008 soll die Jahresproduktion aber schon auf 250 Stück hochfahren, die etwa zur Hälfte exportiert werden. Gut hundert Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den zugehörigen vollverglasten Büros, für jeden Gast zu beobachten von einer großen Galerie, auf der die fertigen Autos präsentiert werden. 2003 hatte Wiesmann gerade mal 48 Angestellte, bis 2011 wollen die Dülmener zu 160 sein.

Als sie mit dem Pressepulk zwischen die Werkbänke und Karosserietorsos hinabsteigen, ist vor allem Martin in seinem Element. Die Autos sind größtenteils seine Entwicklung, er kann jeden der über 100 Bearbeitungsschritte haarklein erklären. Die Organisatoren geben dezent Zeichen, wenn sie finden, dass es zu lange dauert.

"Warum sollten wir wegziehen?"

Die Wiesmannen erfüllen fast jeden Gestaltungswunsch ihrer Kundschaft. Jeder lieferbare Lack wird aufgetragen, jedes beliebige Leder genäht, gern auch mit dekorativem Stich. Hier laufen keine Fließbänder, jeder Wagen entsteht im Laufe von drei Wochen, in 300 bis 350 Mannstunden Handarbeit - das macht flexibel.

Entsprechend groß ist die Bedeutung der Mitarbeiter. Sie sind ein wichtiger Grund, weshalb Wiesmann bei aller Expansion in Dülmen geblieben ist - und dort inzwischen der wichtigste Arbeitgeber der 47.000-Einwohner-Stadt. Viele wurden zu Spezialisten ausgebildet. Außerdem sagen die Chefs: "Wir sind hier groß geworden, warum sollten wir wegziehen?"

Die Bürokratie, in Deutschland zu Recht mit schlechtem Ruf, sei in anderen Ländern teils noch schlimmer, ergänzt Friedhelm. Das merken sie zum Beispiel in internationalen Zulassungsverfahren. Derweil erklärt Martin, warum es ab 2009 zwar die Roadster mit Rechtslenker geben wird, aber vorerst nicht die Coupés.

Metallic-Violett für König Kunde

Metallic-Violett für König Kunde

Dann auch sollen endlich Airbags lieferbar sein. Ihre Entwicklung ist sehr aufwendig, es werden systematisch Crashtests mit Wiesmann-Modellen gemacht, erstmals in diesem Umfang. Bei vielen entscheidenden Teilen - Motoren, Getriebe, Elektronik - hatte man sich bisher problemlos auf bewährte BMW-Technik verlassen können, doch Airbags müssen jedem Modell eigens angepasst werden.

"Wegen solcher Entwicklungsprojekte sind wir gezwungen, zu expandieren", erklärt Friedhelm Wiesmann. Gleich, ob Verbesserungen in der Sicherheitstechnik oder Anpassungen an neue Emissionsvorschriften - nur mit größeren Stückzahlen sind die Kosten einzuspielen. Die Gefahr, dass auf dem Parkplatz nebenan der gleiche Wiesmann steht, bleibt dennoch gering.

Das Ziel für eine Jahresproduktion liegt mittelfristig bei 350 Stück. Da stört auch nicht, dass mit dem Artega demnächst noch ein Kleinserien-Roadster aus Westfalen kommt. Der habe einen ganz anderen Charakter, sagen die beiden. Und wahrscheinlich kommt es im boomenden Super-Luxussegment wirklich nicht so drauf an. Wiesmann-Kunden besitzen mehr als ein Auto.

Bestimmte Neuerungen wird es allerdings auch auf Drängen der verwöhnten Klientel nie geben, erklären die Brüder. Eine Klimaautomatik, elektrische Fensterheber oder ein Blechverdeck passen nicht zu einem puristischen Roadster. Das sei hier schließlich kein Nachbau des Mercedes SL.

Ansonsten ist der Kunde König, selbstverständlich bei einem Basispreis von 100.000 Euro. Das ist für die Autobauer wohl nicht immer leicht zu ertragen. "Manche Extravaganz lassen sich die Leute einfach nicht ausreden", sagt Friedhelm beim Blick auf eine frisch lackierte Fronthaube in Metallic-Violett. Eine Farbe wie für einen amerikanischen Showauftritt.

Wiesmann-Bildergalerie: Nicht einsteigen - überziehen

Wiesmanns Werk: Drei Wochen Handarbeit

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.