Exotische Materialien Sitze aus Soja

Früher war die Fahrzeugentsorgung einfach: Der fahrbare Untersatz rostete einfach weg. Heute experimentieren Autobauer mit neuen, umweltgerechten Materialien - und fertigen Sitze aus Soja, Kunststoffe aus Mais und Lederimitate aus Plastikflaschen. Luxuskarossen dagegen kommen mit einem Innenleben aus Hölzern und Granit daher.

Detroit/Stadthagen - Ein Auto besteht aus Stahl, Kunststoff, Glas und Gummi. Zwar haben sich die Verhältnisse über die Jahre etwas verschoben, doch im Grunde hat sich seit Beginn der Massenproduktion nur wenig daran geändert. In jüngster Zeit stellen jedoch immer mehr Autobauer diesen Materialmix auf den Prüfstand: Getrieben von der Forderung nach möglichst umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Fahrzeugen, nutzen sie immer mehr Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen oder aus dem Recycling-Kreislauf.

Sie bauen zum Beispiel Sitze aus Soja, nutzen Kunststoffe aus Mais, weben Dämmstoffe und Konsolen aus Naturfasern oder gießen die Stoßstangen aus eingeschmolzenem PET-Granulat. Das mag zwar für den Kunden ungewohnt klingen, fällt aber im Alltag der Serienproduktion überhaupt nicht auf, sagt Audi-Sprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt: "Egal ob konventionell hergestellt, aus nachwachsenden Rohstoffen oder aus Recyclaten - die Anforderungen an die Komponenten sind identisch: Nur wenn sich bei Sicherheit, Haltbarkeit und Qualität die hohen internen Vorgaben erfüllen, bekommen die Teile eine Serienfreigabe. Und zwar unabhängig vom Ausgangmaterial."

Wildleder aus alten Plastikflaschen

Während die vermeintlich exotischen Stoffe in der Serienproduktion meist hinter Zierleisten und Schmuckbezügen verschwinden, werden sie bei Designstudien in den Vordergrund gerückt. Das jüngste Beispiel ist der LRX, mit dem Land Rover Kunden auf einen kleinen Offroader einstimmen möchte: Was dort auf den Türinnenseiten und am Dachhimmel aussieht wie vanillefarbenes Wildleder, ist ein Spezialstoff, der aus alten Kunststoffflaschen und -fasern hergestellt wurde.

Die Leder auf den Sitzen wurden mit pflanzlichen Stoffen gegerbt, die Scheiben sind aus leichtem Spezialkunststoff, und statt Teppich aus synthetischen Fasern nutzen die Briten im Fußraum Filz, der dünn geschnitten und in Streifen verarbeitet an gemasertes Holz erinnert, in das kleine Leuchtdioden als künstliche Astlöcher eingearbeitet wurden.

"Umweltfreundlichkeit ist ein Schlüsselelement unseres künftigen Produktdesigns", sagt Land Rover-Chef Phil Popham und gibt dem Thema einen weiten Raum: "Natürlich meint das vor allem sparsame Antriebe. Doch wer das Thema ernst nimmt, darf seine Bemühungen nicht nur auf die Motoren beschränken."

Abkehr von der "Vinyl-Eiche"

Abkehr von der "Vinyl-Eiche"

Eine Renaissance feiert auch Holz. Bislang waren Zierblenden im Innenraum oft aus Kunststoff gefertigt und wurden deshalb als "Vinyl-Eiche" geschmäht. Nun wird immer öfter wieder das Naturprodukt verwendet. Bei Luxusmarken wie Maybach, Rolls-Royce oder Bentley war das Schnitzwerk nie aus der Mode. Nun will es der Zulieferer Faurecia aus Stadthagen (Niedersachsen) auch in anderen Klassen wieder populär machen. Bei der Studie "Premium Attitude" wurden nach Angaben von Designer Andreas Wlasak erstmals auch große Flächen wie die Sitzrückenlehne mit einer hauchdünnen Schicht Echtholz verkleidet.

"Für die ersten Holzsorten haben wir bereits eine Serienfreigabe." Auch viele andere Rohstoffe kommen nicht mehr aus dem Stahlwerk oder der Chemiefabrik, sondern wachsen buchstäblich auf dem Acker: So hat die Industrie zum Beispiel Soja als wichtiges Ausgangsmaterial für die Unterkonstruktion von Sitzen entdeckt, sagt Chrysler-Sprecher Markus Hauf. Er verweist auf die biologisch abbaubaren Sitze in den Studien Eco Voyager, Zeo und Renegade, die im Januar auf der Automesse in Detroit vorgestellt wurden.

Bei Ford ist dieses Verfahren schon in der Serienproduktion: Als weltweit erstes Unternehmen nutzt der Detroiter Konzern Soja-basierte Schaumstoffe für die Polsterung der Sitze. So spart er nach eigenen Angaben beim Ford Mustang pro Jahr rund 275 Tonnen Kohlendioxid (CO2) ein. Daneben kommen diese Auflagen auch im Pick-up F-150 und in den Geländewagen Lincoln Navigator und Ford Expedition zum Einsatz.

Neben Soja rückt bei Ford auch Mais in den Fokus. Nach Angaben der Entwicklerin Debbie Mielewski entsteht aus der Pflanze im Labor ein neuer Kunststoff, der ähnliche Eigenschaften hat wie Plastik auf Petroleumbasis. Neben der umweltfreundlichen Herkunft hat das neue Material noch einen weiteren Vorteil: Man kann es problemlos kompostieren. "Statt 1000 Jahre auf einer Deponie lagern zu müssen, baut sich das Material unter den richtigen Bedingungen binnen 90 bis 120 Tagen ab", erläutert die Entwicklerin.

Edler Gabbro-Granit aus Indien

Zwar sind es gerade solche Eigenschaften, die neue Rohstoffe im Auto interessant erscheinen lassen. Doch machen sie den Entwicklern einen Serieneinsatz auch besonders schwer: "Dass sich eine arglos aus dem Fenster geworfene Plastikflasche nach ein paar Tagen von selbst auflöst, ist ein wünschenswertes Ziel", sagt Chrysler-Designchef Trevor Creed. "Doch im Wagen sollten die Teile schon ein Autoleben lang halten." Sonst hätte sich die Industrie in den vergangenen Jahrzehnten mit der Konservierung nicht so viel Mühe geben müssen. "Schließlich waren unsere Autos vor 20, 30 Jahren alle schon einmal umweltfreundlich recyclebar: Da sind sie einfach weggerostet."

Mercedes und Maybach nutzen für für das Interieur ihrer Luxuswagen hingegen einen ungewöhnlichen Natur-Rohstoff: Wer sich an Holz und Leder sattgesehen hat, dem bieten die Schwaben nach Angaben von Pressesprecher Michael Allner als einziger Hersteller der Welt auch Zierteile aus Naturstein. Der Gabbro aus Indien und der Syenit aus Norwegen werden in einem geheim gehaltenen Verfahren derart dünn geschliffen und auf ein Trägermaterial aufgebracht, dass der Stein buchstäblich "flexibel" wird und sich den Innenraum-Konturen anpassen lässt. Kostenpunkt des echten Granit-Dekors: mindestens 3185 Euro.

Thomas Geiger, dpa

Fotostrecke: Autobau mit Granit, Mais und Soja

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