Faurecia Fahren und chillen

Durchgestylte Sitzlandschaften aus feinsten Designerstoffen, edle Hölzer, rötlich schimmerndes Licht und jede Menge elektronisches Spielzeug. Der französische Innenraumausstatter Faurecia hat sich Gedanken gemacht, wie die nächste Generation von Nobelautos aussehen könnte. Das Ergebnis präsentierte er jetzt in einer Studie.

Wer bei der Automobilindustrie in der zweiten Reihe steht, hat kaum Öffentlichkeit. Während sich Mercedes, Audi, BMW, VW oder Toyota für ihre Innovationen feiern lassen, gehen die wahren Innovatoren häufig unter. Natürlich beschäftigen die Hersteller Tausende von Entwicklern und verdienen Anerkennung. Aber sie sammeln auch die Lorbeeren, die eigentlich den Zulieferern gebühren.

Der französische Innenraumausstatter Faurecia ist dieses Spiel leid: Um sich selbst bekannt zu machen, entwickelte man eine eigene Designstudie mit rund einem Dutzend Innovationen. Das Konzept trägt den Namen "Premium Attitude" und zeigt, welche Lösungen sich die Designer für den Innenraum der nächsten Generation von Nobelautos vorstellen.

Zwar können die Franzosen auch billig - sonst hätten sie es im letzten Jahr kaum zu 11,6 Milliarden Euro Umsatz mit allen namhaften Autoherstellern gebracht.

Doch Premium ist für Designchef Andreas Wlasak zumindest auf den arrivierten Märkten in Nordamerika und Europa der bestimmende Trend der nächsten Jahre. "Allerdings heißt Premium nicht immer auch Oberklasse", sagt Wlasak und erinnert an Fahrzeuge wie den Mini oder den Renault Laguna, die von Faurecia ausgekleidet werden.

Für die Studie allerdings wurde eine andere Basis gewählt: Das neues Interieur steckt in einem alten Tatra 603 aus dem Jahr 1972. Das ist insofern clever, als dass damit keiner der aktuellen Kunden bevorzugt oder benachteiligt wird.

Zudem passt es ins Budget, weil der in Berlin aufgestöberte Gebrauchtwagen nur ein Bruchteil dessen gekostet hat, was italienische Modellbauer für eine neue Designstudie verlangt hätten. "Wir haben sicherheitshalber zwei Originale gekauft und dafür nicht einmal einen fünfstelligen Betrag bezahlt", berichtet Wlasak.

Fahrbares Loft

Fahrbares Loft

Der schwarze Lack ist neu und auf Hochglanz poliert, und weil Faurecia auch Front- und Heckschürzen im Portfolio hat, trägt der Tatra nun einen futuristischen weißen Kühlergrill. Ansonsten sieht der Wagen aus wie ein gut gepflegter Klassiker. Erst wenn sich die nachgerüsteten Portaltüren öffnen, erschließt sich einem die aufgehübschte Ästhetik.

Als erstes kommt einem das Bild einer mit Designermöbeln ausstaffierten Yuppie-Wohnung in den Sinn, wenn man die durchgestylte Sitzlandschaft im rötlich schimmernden Ambiente-Licht sieht.

"Wir wollten die iPod-Idee auf ein Loft-Auto übertragen", werbetextet Süß. Das Design müsse intelligent, die Bedienung einfach sein, kleine, angenehme Überraschungen und unerwartete Details sollen dem Fahrer auch nach vielen hundert Malen noch Spaß machen.

In punkto Sitze lösen sich die Franzosen zum ersten Mal von der Symmetrie von Fahrer und Beifahrer. Sie spendieren dem Lenker eine Art Chaiselongue, einen bis auf die hohe Mittelkonsole verlängerten Sitz. Dank der hohen Lehne fällt die Hand fast automatisch auf ein großes Bedienfeld, mit dem fast alle Fahrzeugfunktionen gesteuert werden können, elektronische Spielzeuge inklusive.

"Blackberry, iPod und Palm werden kabellos integriert", sagt Süß. Man legt die Technik einfach ins Handschuhfach, dann surrt zur Bedienung aus der Mittelkonsole ein kleiner Touchscreen heraus, auf einem der drei Bildschirme in der Armaturentafel tauchen E-Mails oder Songlisten auf.

Neben der hochgezogenen Lehne gehören noch viele weitere Verstellmöglichkeiten zum Sitzkonzept. So hebt sich vor dem Ein- und Aussteigen automatisch die Sitzfläche, damit man leichter über die Seitenwangen kommt. Im Fond surren, sobald jemand Platz nimmt, Kopfstützen aus der Sofalehne. Die Armlehne wickelt sich wie eine Lakritzschnecke auf.

Sogar die Sitze helfen beim aussteigen

Sogar die Sitze helfen beim aussteigen

Neue Ideen stecken auch im Instrumententräger. Während das komplexe Bauteil in der Regel um ein Stahlrohr konstruiert wird und viel Platz benötigt, hat Faurecia eine selbsttragende Struktur entwickelt.

Das spart Bauraum, maximiert das Raumgefühl für Fahrer und Beifahrer und erlaubt zudem Gimmicks wie die hübsch versteckten Lüfterfelder in der Mitte, die in die Ausströmer der Klimaanlage integrierten Bedienelemente an den Seiten, die riesigen Staufächer oder die Abdeckung, die sich immer dann über Teile der Instrumente legt, wenn der Fahrer sich auf das Wesentliche konzentrieren will.

Unerwartet ist auch der Blick in den Kofferraum, nicht nur, weil dort bei Tatra eigentlich ein V8-Motor stecken sollte und nun gar kein Antrieb mehr eingebaut ist, sondern vor allem, weil sich dort ein Ladeboden wie eine riesige Schublade aus dem Wagen ziehen lässt. Möglich wird das durch eine ultraflache Auspuffanlage, die allerdings erst noch entwickelt werden muss.

Garniert werden all die vielen neuen Formen und Funktionen mit einem angenehmen Materialmix und einer aufwändigen Beleuchtung. Rote Farb- und Lichtkanten zitieren an zahlreichen Stellen die bunten Innenfutter des Kultschneiders Paul Smith. Die dunkel eingefärbten Hölzer an den Rückenlehnen oder in den Türen sind weniger als einen Millimeter dünne Furniere.

Noch könne man die Innovationen in keinem Fahrzeug kaufen, muss Wlasak zugeben. "Doch haben wir uns stark an der Machbarkeit orientiert. Die meisten Lösungen sind fertig entwickelt. Und bei den anderen wissen wir zumindest, bis wann sie serienreif sein könnten."

Faurecia-Studie: Das Interieur in Bildern

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