Elektronik Fiepen, Piepsen, auf die Nerven gehen

Der Dialog zwischen Mensch und Auto wird zunehmend von Gereiztheit geprägt. Besserwisserische Warnsysteme piepsen den Insassen die Ohren voll. Nicht immer ist klar, was das Fahrzeug vom Fahrer will: Gurt anlegen? Licht ausschalten? Türen schließen? Auf Glatteis achten?

Landsberg/Marburg - Autos machen Geräusche. Das war immer so, und wird wohl auch immer so bleiben. Doch während die Autohersteller sich auf der einen Seite Mühe geben, die in den Innenraum dringenden Fahrgeräusche zu minimieren, nimmt auf der anderen Seite die Zahl möglicher Lärmquellen zu: Verstärkt gehen die Unternehmen nämlich dazu über, den Fahrer akustisch auf Probleme oder Gefahren aufmerksam zu machen.

Da wird automatisch mit Fiep- und Piepstönen gewarnt, wenn das Licht bei abgestelltem Wagen noch brennt, eine Tür nicht ganz geschlossen ist oder der Gurt nicht angelegt wurde. Fachleute halten solche Warnungen für sinnvoll, weisen jedoch auch darauf hin, dass die tönenden Hinweise nicht immer eindeutig sind - und manchmal mehr verwirren als zur Problemlösung beitragen.

Akustische Warnungen können recht unterschiedlich ausfallen. Als ein hilfreiches Beispiel gilt der Hinweis auf den nicht angelegten Sicherheitsgurt: "Dieser Gurtwarner macht Sinn", meint Hubert Paulus vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg. "Man fährt los und wird durch einen unangenehmen Ton darauf hingewiesen, dass der Sicherheitsgurt nicht angelegt ist." Der Ton wird dann meist mit der Zeit noch intensiver, so dass der Fahrer schon um der lieben Ruhe willen den Gurt anlegt - jedenfalls in der Theorie.

Was will der Gong dem Fahrer sagen?

Andere Warnungen sind im Grunde ebenfalls sinnvoll, wenn der Fahrer denn wirklich wüsste, was der Wagen ihm zu sagen versucht. Zum Beispiel, wenn der Fahrer nach einer längeren Autobahnfahrt am Ziel ankommt, die Zündung ausschaltet - und plötzlich mit einem in kurzen Abständen ertönenden Gong-Geräusch konfrontiert ist.

Das Auto beschränkt sich jedoch auf diese Geräuschwarnung, ohne weitere Hinweise zu geben. Der Fahrer kommt womöglich erst nach längerem Überlegen - oder dem Studium der Bedienungsanleitung - darauf, dass er auf der Autobahn auch am Tage das Licht eingeschaltet hatte und nun drauf hingewiesen wird, dieses doch bitte auszuschalten.

Auch der eigentlich sinnvolle Gurtwarner führt nicht immer zu dem vom Hersteller gewünschten Ergebnis. "Das Dauerpiepsen des Gurtwarners kann auch zur Folge haben, dass der Fahrer genervt ist und den Gurt hinter der Sitzlehne vorbeiführt, um ihn in das Gurtschloss zu stecken", sagt Bastian Roet vom Automobilclub von Deutschland (AvD) in Frankfurt/Main.

Ein plötzliches "Pling" gibt Rätsel auf

Ein plötzliches "Pling" gibt Rätsel auf

Das Geräusch führt also zu einer Art Trotzhaltung - mit dem Ergebnis, dass der Fahrer zwar nicht von Warngeräuschen belästigt wird, die Sicherheit aber nicht erhöht wurde. "Eine andere Möglichkeit im Hinblick auf die Sicherheit wäre zum Beispiel, die Gurtwarnung mit anderen Funktionen zu verbinden - etwa, dass bei einem nicht angelegten Gurt das Radio nicht funktioniert."

Prinzipiell steht jedoch außer Frage, dass Warntöne die Aufmerksamkeit der Insassen auf sich ziehen. "Menschen reagieren auf alle Töne, das Gehirn entscheidet dann, was wichtig ist", sagt Martina Stein-Lesniak, Sprecherin der Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) in Marburg. "Und schrille Pieptöne kann man eben nicht überhören, weil sie sich stark von Alltagsgeräuschen unterscheiden."

Gerade die schnelle Erkennbarkeit des jeweiligen Defekts ist oft noch das Problem der akustischen Warnungen. "Es gibt das Phänomen, dass die Insassen nicht zuordnen können, auf welche Funktion sich die Warnung bezieht, weil vor zu vielen unterschiedlichen Dingen gewarnt wird", so Bastian Roet. Denn während der Gurtwarner als sinnvoll gilt, wäre zu überlegen, ob es wirklich Vorteile bringt, wenn die Elektronik lärmend darauf hinweist, dass die Birne des Rückfahrlichts nicht mehr funktioniert.

Im Dickicht der Geräuschvielfalt

Auch kann ein plötzliches "Pling" den Fahrer gerade in Herbst und Winter ratlos zurücklassen, wenn nicht zusätzlich darauf hingewiesen wird, dass hier wegen der niedrigen Temperaturen vor einer möglichen Glatteisgefahr gewarnt wird. "Wenn es immer nur Warntöne gibt und die auch noch ähnlich sind, dann hilft das im Endeffekt wenig", so Hubert Paulus. "Sinnvoll ist es, wenn es zusätzlich zu dem Warngeräusch in einem Display am Armaturenbrett noch den entsprechenden Hinweis gibt, was denn wirklich los ist." Das allerdings ist nicht immer der Fall.

Ein weiteres Problem kann daraus entstehen, dass die Hersteller auf ihre individuellen Klangkonstruktionen setzen. "Eine Vereinheitlichung wäre in diesem Zusammenhang sicher sinnvoll", sagt Martina Stein-Lesniak. Dann wüsste der Fahrer zum Beispiel, dass ein "Pling" auf die noch eingeschalteten Scheinwerfer deutet, während der "Gong" der Hinweis auf die nicht geschlossene Tür ist.

Gefährliche Warnung bei hohem Tempo

Gefährliche Warnung bei hohem Tempo

Machbar sollte das sein: Schließlich haben es die Hersteller laut Bastian Roet ja auch geschafft, die Piktogramme auf den Schaltern am Armaturenbrett so ähnlich zu gestalten, dass heute jeder Autofahrer erkennt, wo der Lichtschalter sitzt. Bis das auch in Sachen Warnton einmal so weit ist, werden die Insassen aber wohl noch so einige unterschiedliche "Piep" und "Tüt" über sich ergehen lassen müssen.

Weil Töne die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, kommt es darauf an, wann und wie sie eingesetzt werden. "Es soll so alarmiert werden, dass man entweder gar nicht erst losfährt oder aber sofort anhält", sagt Martina Stein-Lesniak, Sprecherin der Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) in Marburg.

Gefährlich kann es werden, wenn der Wagen zum Beispiel bei hohem Tempo auf der Autobahn beginnt, den Fahrer mit Warngeräuschen zu malträtieren - und ihn so vom Verkehr ablenkt, ohne dass sofort zu erkennen ist, welches Problem vorliegt.

Heiko Haupt, dpa

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