Autodesign Alles im Griff

Karosserie, Kühlerhaube oder Cockpit - für Designer eine beliebte Spielwiese. Wurde der Schaltknüppel lange Zeit vernachlässigt, hat sich das Blatt inzwischen gewendet. Es gibt kaum ein neues Serienmodell oder Konzeptfahrzeug, bei dem der Wählhebel nicht besondere Aufmerksamkeit erfahren hätte. Herausgekommen sind überraschende Neuheiten.

Frankfurt am Main - Türgriff, Zündschloss, Lenkrad und Schaltknauf - das sind die Bauteile eines Autos, mit denen der Fahrer wohl am häufigsten in Berührung kommt. Türgriff und Zündschloss braucht er pro Fahrt nur einmal, und bei der Form des Lenkrads sind die Variationsmöglichkeiten beschränkt. Doch der Schaltknauf hat sich in den vergangenen Jahren zur Spielwiese der Designer entwickelt. Es gibt kaum ein neues Serienmodell oder Konzeptfahrzeug, bei dem dem Wählhebel nicht besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden wäre.

Die Gründe dafür liegen für Michael Ninic auf oder besser in der Hand: Erstens gibt der Schaltknauf dem Fahrer das Gefühl der Kontrolle über Wagen und Motor, zweitens schafft der technische Fortschritt einen erweiterten Gestaltungsspielraum, sagt der Leiter des Interieur-Designs bei BMW in München. "Das ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, hier hat der Fahrer buchstäblich "alles im Griff". Bei vielen Fahrzeugen mit Automatikgetriebe gebe es statt der mechanischen Verbindung von einst nur noch einen elektrischen Schaltimpuls, erläutert der BMW-Designer die neuen Freiheitsgrade der Designer.

BMW hat diesen Spielraum zum Beispiel bei der zweiten Generation des X5 und bei der Überarbeitung des 5ers für einen neu gestalteten Wählhebel genutzt. Er sieht wie der Kopf einer Schlange aus und neigt sich dem Fahrer zu. Obwohl man nur zwischen "P" wie Parken, "D" wie Drive und "R" wie Reverse wechselt, sind die Bewegungsabläufe so angelegt, dass der Fahrer das Gefühl von Schalten hat, erläutert Ninic. Entsprechend groß ist der Entwicklungsaufwand, der hinter einem so vermeintlich kleinen Bauteil steht.

Davon kann auch Jaguar-Designer Ian Callum ein Lied singen. Denn beim S-Type-Nachfolger XF haben die Briten vollends auf den Schalthebel verzichtet und als kleine Revolution einen Drehhebel mit eingebautem Showeffekt entworfen. "Der neue Wählschalter verbirgt sich in der Mittelkonsole und taucht wie von Geisterhand erst dann auf, wenn man die Zündung aktiviert und den Motor anlässt", erläutert Callum. Danach genügt Drehen, um zwischen P, R und D zu wechseln.

Während solche Konzepte bei Serienfahrzeugen funktionieren müssen und die Designer deshalb gewissen Zwängen unterworfen sind, haben sie bei Studien und Showcars freie Hand. So hat Audi zum Beispiel bei der Studie Cross Coupé Quattro nach Angaben von Projektleiter Ulrich Haller mit einem Wählhebel experimentiert, der vom Yachtbau inspiriert ist. Fast so breit wie die gesamte Mittelkonsole, wird er nach vorn oder hinten geschoben, um die Gänge zu wechseln. "Wir wollten eine Lösung, die gut in der Hand liegt, wenig Platz braucht und interessant aussieht", erläutert Haller.

Ein Schalthebel im Zippo-Design

Ein Schalthebel im Zippo-Design

Wie viel Gedanken sich die Designer um den Schalthebel machen, zeigt auch ein Blick in die Studien der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Während der VW Up! noch einen zwar etwas klobigen, aber dennoch konventionellen Wählhebel zwischen den Sitzen trägt, gibt es beim Seat-Geländewagen Tribu nur noch ein Rändelrad auf dem Mitteltunnel. Beim Mitsubishi cX-Concept oder beim Hyundai Veloster ragen aus der Konsole fast schon armdicke Knüppel heraus, die geformt sind wie die Dose eines Energy-Drinks.

Beim Opel-Elektroauto Flextreme gibt es nur noch ein Tastenfeld in der Form eines stilisierten Hundes, auf dem der Fahrer seine Befehle per Knopfdruck übermittelt. Den wohl spektakulärsten Schalthebel allerdings hat der Kia Kee. Schwarz gummiert ragt er handtellergroß aus einer Mittelkonsole aus poliertem Metall und lässt sich wie ein Zippo-Feuerzeug öffnen. Selbst den Funkenflug haben die Designer übernommen - zumindest indirekt: Wo man sonst das Feuer zündet, zündet man hier mit einem Starterknopf den Motor.

Während bei Automatikgetrieben wild variiert wird, bleibt den Designern beim konventionellen Schaltgetriebe wenig Spielraum. Weil die Techniker hier nicht ohne eine mechanische Verbindung zwischen Knauf, Knüppel und den Ritzeln unterm Mitteltunnel auskommen, müssen sich die Designer bremsen. Aber ganz in den Schoß legen sie die Hände nicht.

Stattdessen mustern sie wie im Audi R8 oder bei Ferrari die alten Ledersäcke über der Schaltkulisse aus und lassen den Hebel durch eine offene Schablone sausen. Und auch am Knauf selbst, der spätestens seit dem Golf-Ball auf dem Schalthebel des ersten Golf GTI zum Gestaltungsmerkmal geworden ist, experimentieren sie mit neuen Formen und Materialien: Mal wird er aus dem Vollen gefräst und als Metall gearbeitet, mal wird er komplett beledert.

Zwar gibt es auch Fahrzeuge wie den 7er-BMW oder die S-Klasse von Mercedes, bei denen der Wählhebel für das Getriebe hinter das Lenkrad gerückt und dort beinahe versteckt wurde. Schließlich gehe es bei solchen Limousinen eher um Fahrkomfort als um Fahrdynamik, sagt BMW-Designer Nimic. Doch das sei eine Ausnahme. Auch wenn die Technik einen klassischen Schalthebel längst überflüssig gemacht habe und im Prinzip auch ein paar Tasten für die Wahl der Fahrtstufe reichten, macht er sich über die Zukunft des Bauteils keine Sorgen: "Den Schalthebel wird es auch in 20 oder 30 Jahren noch geben."

Thomas Geiger, dpa