Liebhaberstück Jaguar im Maßanzug

Es war das Jahr 1961. Auf der Automesse in Genf stellte Jaguar seinen neuen E-Type vor und avancierte zum Star. Die Briten hatten ein Fahrzeug geschaffen, das noch heute als Inbegriff des rassigen Sportwagens gilt.

Liverpool - Im Grunde ist es immer das gleiche Spiel: Auf den großen Automessen stellen die Hersteller mit viel Aufwand ihre neuesten Modelle ins Scheinwerferlicht - die werden dann eine Weile in den Medien gefeiert, laufen ein paar Jahre vom Band und sind dann vergessen. Ausnahmen gibt es eher selten.

Nur in ganz wenigen Fällen folgt einer solchen Neuvorstellung echte Euphorie, so dass ein Fahrzeug als Blech gewordener Traum gilt, der über Jahrzehnte kaum etwas von einer Anziehungskraft einbüßt. Der britischen Marke Jaguar ist so etwas einmal gelungen: Und zwar mit dem E-Type, der zum Zeitpunkt seiner Präsentation weltweit für Aufsehen sorgte und der bis heute als Inbegriff des rassigen britischen Sportwagens gilt. Begonnen hat die Geschichte dieses einzigartigen Autos vor 50 Jahren.

Jaguar hatte in den 50er Jahren ein Problem. Auf der einen Seite lief es richtig gut, und man konnte mit den D-Type genannten Rennsportwagen reichlich Siege einfahren. Auf der anderen Seite jedoch gab die Palette der Serienfahrzeuge nicht wirklich etwas her, das diese Erfolge imageträchtig auf der Straße umsetzen konnte. Der aktuelle Straßensportwagen hieß seinerzeit XK 150 S. Doch der kam langsam in die Jahre, hatte ein Design, das nicht mehr als zeitgemäß gelten konnte und musste zudem noch mit dem Ruf kämpfen, recht übergewichtig zu sein.

Ein Star war geboren

Der erste Schritt zur Beseitigung des Problems mochte zwar logisch klingen, war jedoch nicht wirklich erfolgreich. Zunächst wurde der D-Type zu einem Straßenfahrzeug umgebastelt und sollte so an den Sportwagenfahrer gebracht werden. Das Ergebnis trug die Bezeichnung XK-SS und war nicht einmal wirklich freiwillig entstanden: Jaguar hatte seinen Werksrennstall aufgelöst und versuchte nun auf diese Weise, die verbliebenen D-Type in einem leicht zivilisierten Anzug auf die Straße zu bringen. Allerdings war das Auto im Grunde immer noch ein Rennwagen und nicht einer jener offenen Zweisitzer, die vornehmlich für das Befahren geschwungener Landstraßen an sonnigen Tagen gebaut sind.

Also ging man zum nächsten Schritt über und startete die Entwicklung eines echten zivilen Straßensportwagens. Bereits im Winter 1957/58 soll der erste Prototyp des nun E-Type genannten Wagens gebaut worden sein. Doch es sollte noch einige weitere Versuchsmodelle brauchen, bis alles wirklich passte. Wie gut es passte, konnten dann die Besucher des Genfer Automobilsalons im Jahr 1961 feststellen.

Der neue E-Type war der absolute Star jener Messe - was einerseits an seiner Form lag. Die fast schon zierlich wirkende Karosserie beeindruckte vor allem mit ihrer schier endlosen Motorhaube und den elegant unter transparenten Abdeckungen verbauten Scheinwerfern. Doch nicht nur die Blechhülle versprach einiges. Die Daten zeigten, dass sich auch darunter Bemerkenswertes verbarg. So war der 3,8 Liter große Sechszylinder-Motor zwar nicht neu, hatte er doch schon im XK 150 S gedient. Im E-Type jedoch sollten die 195 kW/265 PS gut für bis zu 240 Stundenkilometer (km/h) sein - das ist heute noch eine Menge.

Edles Schmuckstück, Blickfang in Filmen

Edles Schmuckstück, Blickfang in Filmen

Dass so etwas nicht für jedermann erschwinglich war, versteht sich von selbst. Doch die eigentliche Sensation bestand darin, dass sich der Preis des E-Type nicht in Regionen bewegte, die eigentlich zu erwarten waren. Umgerechnet gut 25.000 Mark wurden seinerzeit für den britischen Sportwagen fällig. Für vergleichbare Erzeugnisse italienischer Bauart wurde gut und gern das Doppelte verlangt.

Der Preis musste nicht einmal mit Einsparungen im Detail erkauft werden. Im Gegenteil, der E-Type war ein durch und durch modern konstruiertes Fahrzeug, das sogar - zu dieser Zeit nicht selbstverständlich - Scheibenbremsen an der Hinterachse aufwies. Im Innenraum saß man auf schicken Sportsitzen, die allerdings nicht als wirklich bequem galten, und hielt ein edles Holzlenkrad in Händen. Und während das Öffnen der Motorhaube bei herkömmlichen Autos eigentlich nur signalisiert, dass mal wieder der Ölstand kontrolliert wird, war es beim Jaguar ein Aufsehen erregendes Ereignis, wenn fast die Hälfte der Karosserie nach vorne aufschwang.

Gewählt werden konnte auch - nämlich zwischen offen und geschlossen. Zur Auswahl stand der E-Type als FHC oder OTS - was nichts anderes bedeutete als Fixed-Head-Coupé, also eine geschlossene zweisitzige Ausführung, oder Open-Two-Seater, ein zweisitziger Roadster eben. Doch all diese technischen Einzelheiten waren eigentlich zweitrangig. In erster Linie war der E-Typ ein Blickfang. Einer, mit dem sich der Geldadel schmückte, der auch als fahrbarer Untersatz in Filmen immer wieder gern genommen wurde. Ganz nebenbei waren da natürlich all die Quartett spielenden Kinder dieser Welt, die ihn liebten, weil er so gut wie alles ausstach.

Eingeengt auf dem Fahrersitz

Auf der anderen Seite ist aber auch ein E-Type nur ein Auto. Und was wäre ein Auto, wenn es nicht seine Fehler hätte? So war es zwar schön, mit dem Jaguar schnell zu fahren - das Bremsen konnte jedoch schon mal den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Die Bremsen neigten zum sogenannten Fading und ließen bei mehrmaligem Betätigen in der Leistung nach. Außerdem hatten die Konstrukteure eine Kleinigkeit vergessen - nämlich, dass so ein Auto auch Insassen befördern soll.

Speziell in den ersten Modellen ging es derart beengt zu, dass sich Jaguar bald an eine Überarbeitung machte. Man senkte die Bodenbleche ab und entwarf eine Aussparung hinter den Sitzschalen, um deren Verstellmöglichkeiten zu verbessern. Mit dem Erfolg, dass nun auch normal gewachsene Personen nach längerer Fahrt ohne ärztliche Hilfe den Wagen wieder verlassen konnten.

Die Ursprungsmodelle tragen heute die Zusatzbezeichnung "Flat Floor"-Ausführung und werden nur von jenen Oldtimerliebhabern geschätzt, die mit dem Begriff Komfort ohnehin nichts anfangen können. Nicht verändert hat sich im Laufe der Bauzeit jedoch die Tatsache, dass die Verarbeitung Mängel aufwies.

Strenge Gesetze in den USA

Strenge Gesetze in den USA

Doch auch das tat dem Erfolg des E-Type keinen Abbruch. Außerdem bekam der Jaguar immer mal wieder eine Modellpflege. Schon 1965 wurde der 3,8-Liter-Motor durch eine Version mit 4,2 Litern Hubraum ersetzt. Die Leistung blieb unverändert, allerdings verbesserte sich das Durchzugsvermögen. Eine gänzlich neue Modellvariante folgte im März 1966: Zu den Zweisitzern gesellte sich ein 2+2-Sitzer mit verlängertem Radstand, der zwei zusätzliche Plätze auf einer Rückbank bot. Erstmals kam nun auf Wunsch auch eine Automatik zum Einsatz.

Im Juli 1967 mussten wegen der Gesetze in den USA die Glasabdeckungen über den Scheinwerfern weichen - E-Type-Anhänger sprechen bei diesen Fahrzeugen von der Serie 1,5. Serie 2 folgte im Oktober 1968 mit größerer Kühleröffnung und größeren Rückleuchten.

Probleme mit den Gesetzen in Nordamerika waren es auch, die zur letzten großen Veränderung am E-Type führten. Wegen der Abgasrichtlinien leisteten die US-Versionen nur noch 125 kW/170 PS - kaum mehr standesgemäß für ein solches Auto. Also folgte 1971 die Serie 3: Die sah mit breiteren Rädern und verbreiterten Kotflügeln nicht nur stämmiger aus - sie trug vor allem unter der Haube fortan einen Zwölfzylinder-Motor mit 5,3 Litern Hubraum und 200 kW/272 PS. Mittlerweile hatte sich das Auto allerdings weit von seinen Ursprüngen entfernt: Das V12-Modell war mit dem verlängerten Radstand des 2+2 unterwegs und galt bei den Anhängern als etwas verweichlicht.

Erschwerend hinzu kam die Tatsache, dass der schluckfreudige Zwölfzylinder ausgerechnet in die Zeit der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre fuhr. Aber auch ohne dieses Handicap hätte sich die Geschichte des E-Type wohl langsam dem Ende zugeneigt - schließlich war er seit mehr als einem Jahrzehnt unterwegs. 1974 war es dann so weit: Die Produktion wurde nach insgesamt 72 520 Exemplaren eingestellt. Natürlich gab es einen Nachfolger: Der hieß XJS und ist vor allem ein Beispiel dafür, wie schnell Fahrzeuge vergessen sein können, die mit viel Tamtam auf einer Automesse präsentiert werden.

Heiko Haupt, dpa

Jaguar E-Type: Ein einzigartiges Auto in Bildern

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