Autodesign Virtuelle Supersportler

Beim Stichwort Schweden-Design denken die meisten wohl zuallererst an Billy-Regale und klobige Familienkutschen à la Volvo und Saab. Doch die Skandinavier können mehr. Was, zeigt sich an den gewagten Sportwagenentwürfen einiger Design-Rebellen.

Eigentlich könnte Daniel Paulin ruhig und zufrieden seinen Stift führen. Immerhin hat er als verantwortlicher Exterieur-Designer an den Studien für den aktuellen Ford Focus mitgearbeitet und auch der Karosserie des C-Max seinen Stempel aufgedrückt. Doch als echtem Künstler fällt es ihm offenbar schwer, seinen Namen zu verbergen und die Lorbeeren dem Auftraggeber zu überlassen.

Paulin geht deshalb mittlerweile eigene Wege und schreibt seinen Namen auf die Autoentwürfe - ähnlich wie Berufskollege Henrik Fisker, der bei Aston Martin und BMW arbeitete und quasi über Nacht seinen Job im Advanced Design von Ford aufgab, um eine eigene Firma zu gründen.

Anders als bei Fisker, wo der Verkauf schon begonnen hat, existieren die Paulin'schen Renner bislang nur im Computer. Denn der Designer hat nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft im Blick. Zwar arbeitet er mit seiner neuen Firma vom schwedischen Göteborg aus auch an Auftragsprojekten für die Lkw-Sparte von Volvo, für Hyundai, Tata oder Peugeot, doch sein Traum ist ein Sportwagen für das Jahr 2012, der nun unter dem Namen VR Concept langsam Gestalt annimmt.

VR steht für Virtual Reality und bezeichnet den digitalen Raum, in dem Paulins Renner bislang unterwegs ist. Es gibt weder Skizzen, noch ein Tonmodell und schon gar keinen fahrfähigen Prototypen. Sondern einzig einen gewaltigen Datensatz, den Paulin im Rechner zum Leben erweckt, wenn er auf die Suche nach Investoren geht. Ihnen zeigt er in bewegten Animationen von beeindruckender Qualität die Vision von einem zweisitzigen Supersportler, der alle künftigen Anforderungen an dieses Fahrzeugsegment erfüllen soll.

Das weckt Hoffnungen auf saubere, sparsame Antriebe, erhöhte Sicherheit und kostengünstige Produktionsmethoden. Zu den technischen Details schweigt Paulin jedoch geflissentlich. Ihm geht es vor allem um die Form. "Wenn man sich die Entwicklung der letzten zehn Jahre anschaut, ist dieses Auto die logische Konsequenz", sagt er und spricht von "skulpturalen Oberflächen, die auf dynamische, grafische Brüche treffen". In der Theorie klingt das ähnlich abgehoben wie die Interpretation eines Kunstwerks von Joseph Beuys.

Was bitte, ist eine Porschette?

Highspeed auf der Datenautobahn

In der Praxis allerdings sieht der Wagen einfach verdammt gut aus: Als hätte man BMW-Designer Chris Bangle noch einmal einen Z4 und eine ungestörte Woche im Modellbau gegeben. Mit groben Schnitten wurde eine glatte Flunder aus dem virtuellen Tonblock geschält und dann mit ganz wenigen scharfen Schmissen akzentuiert.

Die Oberflächen sind glatt, die Haube ist lang und das Heck zieht sich zusammen wie einst bei der Corvette Stingray. Dazu gibt es eine Art Schuppenpanzer anstelle der Heckscheibe, tief in der Karosserie verborgene Leuchtschlitze, glühende Innereien als Bremslichter und kleine Kamerastummel anstelle von Rückspiegeln.

Weil zu einem Showcar auch ein Showeffekt gehört, hat sich Paulin einen ganz besonderen Türmechanismus einfallen lassen. Ähnlich wie bei Saabs AeroX-Konzept muss man erst das Dach mitsamt der Frontscheibe anheben, bevor man die beiden Flügeltüren öffnen kann. Damit erinnert Paulin an die startbereiten Düsenjäger auf einem Militärflughafen. Deren Cockpit war auch Vorbild für den Innenraum des "VR Concept". "Nach dem Motto 'weniger ist mehr' gibt es lediglich zwei Schalensitze, das Lenkrad, einen Schaltknüppel und ein paar Anzeigen", beschreibt der Designer seinen Entwurf, der den Fahrer zum Piloten machen und ins Zentrum des Geschehens rücken soll. Darüber verliert der Schwede blumige Worte, zum Antrieb allerdings sagt er nichts.

Was bitte, ist eine Porschette?

Paulin ist nicht der einzige Meister des schnellen Mausklicks in Schweden. Auch Bo Zolland hat sich bei Fachmagazinen und in Internetforen mit ausgesprochen hochwertigen Animationen attraktiver Autos einen Namen gemacht. Allerdings blickt er - anders als Paulin - nicht nach vorn, sondern in die Vergangenheit. Mal arrangiert er glühend heiße Hot-Rods auf virtuellen Rennstrecken, mal zeichnet er klassische Wohnwagen-Gespanne für die "Great Journey", und mal wunderschöne Pickups.

Auch sein jüngstes Projekt ist ein Blick in den Rückspiegel: Die Porschette, für die er einen neuen Porsche 911 mit einem alten VW Käfer gekreuzt hat. Anders als bei Paulin gibt es bei ihm sogar Motordaten: So schwebt ihm für die Porschette der 3,6-Liter-Boxermotor aus Stuttgart vor, der auch im alten Gewand muntere 250 Sachen schaffen sollte. Die Bitte nach einer Probefahrt allerdings kann auch Zolland nicht erfüllen: Die Porschette fährt bislang nur auf der Datenautobahn.

Fotostrecke: Design-Flitzer aus Schweden

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