Silberpfeil Der Lack ist ab

Der Streit mag bizarr anmuten, doch er beschäftigt Wissenschaftler, Fans und Journalisten. Ausgangspunkt ist der legendäre Sieg Manfred von Brauchitschs auf dem Nürburgring im Jahr 1934 - der Geburtsstunde der Silberpfeile. Ursprünglich trug der Rennwagen eine andere Farbe, doch der Lack kam aus Gewichtsgründen ab. Oder doch nicht?

Stuttgart - Zeugen werden befragt, Dokumente gesichtet, Filme und Fotos akribisch untersucht - was wie eine Szene aus einem Pathologie-Thriller wirkt, ist nur ein "Tribunal um einen Haufen abgekratzten Lack". So sagt es etwas spöttisch ein Teilnehmer im Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach bei Stuttgart.

Dort, wo millionenteure Autoraritäten stehen, trafen sich in dieser Woche rund 30 Historiker, Journalisten und Mercedes-Experten zu einer kontroversen Diskussion: Es geht um eine Legende des deutschen Rennsports und der Automobilgeschichte - den "Silberpfeil".

Am 3. Juni 1934 gewann auf dem Nürburgring Manfred von Brauchitsch mit seinem neuen Mercedes das Eifelrennen, gefolgt von Hans Stuck auf Auto Union. Jahrzehntelang wurde dieser Tag als Geburtsstunde der "Silberpfeile" von Mercedes-Benz gefeiert. Denn um die Gewichtsgrenze von 750 Kilogramm einzuhalten, sei der schwergewichtige Rennleiter Alfred Neubauer auf die Idee gekommen, in der Nacht vor dem Rennen den weißen Lack vom Mercedes W 25 bis auf das silberne Blech abzukratzen.

Alles nur eine Anekdote?

Denn das Auto habe auf der Waage ein Kilogramm zu viel gehabt - also Lack ab und Gewicht in Ordnung. Die schöne Geschichte wurde lange Zeit für bare Münze genommen. Bis 1994 ein ehemaliger "Silberpfeil"-Mechaniker erklärte, die Autos seien bereits silbern gewesen und die Lack-Story eine Anekdote. Dies setzte eine heftige und bis heute andauernde Diskussion in Gang.

Harry Niemann, Leiter des Konzernarchivs, verteidigt die bisherige Position von Mercedes. Sowohl der Rennleiter als auch Siegfahrer von Brauchitsch - durchaus kein Neubauer-Freund - hätten die Lack-Version mehrfach bestätigt und dies 60 Jahre lang unwidersprochen. Auch habe ein Trainingsbericht in einer Zeitung von weißen Mercedes-Fahrzeugen gesprochen.

SWR-Reporter Eberhard Reuss, Wortführer der Anti-Lack-Fraktion, brachte neuen Schwung in die Debatte, als er vor einem Jahr mit Filmen und Artikeln recht plausibel nachweisen konnte, dass es weder Fotos noch Zeitzeugen-Berichte für ein Verschwinden des weißen Lacks über Nacht gibt. Tatsächlich hatte kein Zeuge den verblüffenden nächtlichen Farbwechsel beschrieben, auch zeigten akribische Analysen der auffindbaren Fotos und Filme nur silberne Mercedes-Rennwagen, lediglich ein Bild könnte einen weißen Renner zeigen.

Einst hießen alle Silberpfeil

Damals hießen alle Rennwagen Silberpfeil

Der Begriff "Silberpfeil" schloss in den 30er Jahren übrigens alle deutschen Rennwagen ein. Also auch die ebenfalls sehr erfolgreichen Renner der Auto-Union (heute Audi), die übrigens schon immer silbern waren, wie Experte Peter Kirchberg bestätigt. Allerdings hat sich der Stuttgarter Autobauer den Namen "Silberpfeil" inzwischen schützen lassen; nur er darf bei neuen Auto-Modellen und neuen Rennwagen diesen Begriff benutzen.

Die Diskussion im Classic Center verlief recht konstruktiv. Der Eindruck verstärkte sich, dass der Lack wohl kaum in der Nacht vor dem Eifelrennen abgekratzt worden sei. Vielleicht aber vor dem Avus-Rennen nur eine Woche zuvor - und wohl auch nur bei zwei Fahrzeugen.

Es war eine hektische Zeit mit zwei Rennen in einer Woche, völlig neuen Autos und einem starken Druck der Nazi-Propagandisten auf die deutschen Autobauer, es der italienischen und französischen Konkurrenz zu zeigen. Die Geschichte über die Entstehung der über 400 PS starken Mercedes-"Silberpfeile" müsse wohl doch etwas relativiert werden, meinte deshalb jetzt ein Vertreter des Autokonzerns.

Lack ab oder nicht - völlig geklärt werden konnte der Autokrimi von 1934 auch diesmal nicht. Als stummer Zeuge der Diskussion stand übrigens der Original-Eifel-Siegerwagen des Manfred von Brauchitsch mit im Raum - unumstritten und eindeutig silbern.

Frank Heidmann, dpa

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