Baijah Tulos Rollender Granitfelsen

Gut, Extras wie eine Klimaanlage oder einen Airbag besitzt der Baijah Tulos 4x4 nicht. Aber immerhin fühlt man sich in dem russischen Geländewagen wie ein König auf dem Weg in die Schlacht: Über den Dingen und unverwundbar.

Hamburg - Beim Anblick dieses Autos bekommt der Begriff Ost-Block eine ganz neue Bedeutung. Nicht die Weltpolitik kommt einem in den Sinn, sondern irgendein Berg im Ural, wenn man zum ersten Mal vor dem Tulos steht. Schließlich ragt der knapp 4,70 Meter lange Wagen mehr als zwei Meter hoch auf und lässt mit seiner etwas grobschlächtigen Form, den gewaltigen Stoßfängern, den breiten Trittleisten und den riesigen Reifen selbst einen Mercedes beinahe zierlich wirken.

Das Bild blieb deutschen Autofahren bislang erspart, denn es gab den Geländewagen nur in Osteuropa. Doch geht es nach Markus Nöske, dann wird das Modell bald auch in Mannheim statt in Moskau oder in Paderborn statt Sankt Petersburg auftauchen.

Nachdem Nöske mit seiner auf derlei Nischenfahrzeuge spezialisierten Dachmarke Baijah vor Jahresfrist als russische Antwort auf urtümliche Allradler wie den Land Rover Defender oder den Jeep Wrangler den UAZ Taigah ins Land holte und von diesem Modell bundesweit knapp 80 Exemplare verkaufte, versucht er sein Glück jetzt mit dem großen und etwas zivileren Brudermodell. In Russland heißt das Auto Patriot, hierzulande wird er unter dem unverdächtigen Namen Tulos feilgeboten.

Fuge als Ablagefach

Technisch ist der Tulos nichts anderes als ein verkleideter, im Radstand um 45 und in der Gesamtlänge um 60 Zentimeter gestreckter Taigah, der jetzt allerdings nicht mehr so aussieht, als wäre er noch unter Breschnew entwickelt worden. Stattdessen erinnert er nun an den ebenfalls längst abgelösten Opel Monterey – zumindest von außen.

Innen dagegen hinkt der Tulos seiner Zeit hinterher. Zwar gibt es elektrische Fensterheber und eine Zentralverriegelung. Und in der Mittelkonsole baut Nöske eine ordentliche Musikanlage ein. Doch der Schlüssel passt noch nicht so recht in das VW und Co. entlehnte Kunststoffgehäuse, die Sitzbezüge sind aus grauem Flockvinyl und die Fugen mitunter so breit, dass man sie fast schon als zusätzliche Ablagen oder zumindest als Klemme für die Fahrzeugpapiere ausgeben könnte. Über allem liegt an warmen Tagen ein Geruch, der Ostalgiker wahrscheinlich an Spaziergänge in Bitterfeld anno 1984 erinnert.

Doch es ist nicht alles schlecht am Russen-Jeep auf Westurlaub. Natürlich würde man sich zumindest einen Airbag oder eine Klimaanlage wünschen – doch was nicht da ist, kann auch nicht kaputt gehen. Nicht umsonst führt Nöske den Tulos nicht wie alle anderen Modelle als "Sport-", sondern als "Rough-Utility-Vehicle".

Motor von Toyota

Motor von Toyota

Außerdem lockt der Tulos mit jeder Menge Platz. Vorn und hinten sitzt man wie ein König und thront einen guten Meter über der Straße. Und hinter der seitlich angeschlagenen Hecktür mit dem außen montierten Reserverad bleibt soviel Raum, dass man sogar mit Waschmaschine in die Wildnis fahren könnte. Oder mit Pfadfindern.

Denn wie früher im Defender gibt es im Kofferraum zwei seitliche Sitzbänke zum Herunterklappen. "Die darf man heute auf der Straße zwar nicht mehr benutzen", sagt Nöske, doch spätestens beim Schlechtwetter-Picknick könnten sie hilfreich sein. Und falls beim Schmaus gekleckert wird, kann der mit Riffelblech ausgekleidete Kofferraum ausgespritzt werden.

Den Weg in die Wildnis findet der auf einem Leiterrahmen aufgebaute Tulos mit seinem zuschaltbaren Allradantrieb, der mit einer Geländeuntersetzung und auf Wunsch auch mit Differentialsperren kombiniert ist. Im Zentrum der Kraft steht, wie schon im Taigah, ein 2,7 Liter großer Vierzylinder, den die Russen bei Toyota einkaufen und mit kyrillischen Warnhinweisen zieren.

Unschlagbarer Preis

Der Motor klingt zwar rauh wie ein Diesel, braucht aber Normalbenzin und kann auf Wunsch auch für Ethanol-Antrieb umgerüstet werden. Er kommt auf 128 PS und knapp 220 Nm, mit denen er den fast 1,8 Tonnen schweren Tulos unbeirrt und gemütlich in Fahrt bringt.

Dass damit nicht viel mehr als 140 km/h drin sind, ist kein Schaden. Zwar hat der Allradler ein modernes ABS von Bosch, und mit dem nachgerüsteten Bielstein-Fahrwerk kann man nun zumindest eine Hand auch mal kurz vom Lenkrad nehmen, ohne den Kurs zu verlieren. Doch schneller muss es nun wirklich nicht sein. So hält sich auch der Verbrauch im Rahmen, den Nöske im Mittel mit 12,2 Litern ausweist.

Das beste Argument für den Tulos ist der Preis. Zwar kostet der vergleichsweise kleine, aber dafür ungleich bekanntere Lada Niva nur etwas mehr als die Hälfte. Doch wer einen ausgewachsenen Allradler sucht, ist bei beim Tulos mit 22.900 Euro zu einem konkurrenzlos günstigen Tarif dabei. Selbst der Hyundai Terracan ist um ein Viertel teurer, und eine Mercedes M-Klasse oder einen VW Touareg gibt es für das Geld nicht einmal gebraucht.

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