Lamborghini-Treffen Die mit dem Stier tanzen

Wo sonst Promis flanieren und das Alpenpanorama genießen, feierten jetzt rund 150 Lamborghini-Besitzer einen Almabtrieb der ganz eigenen Art. Mit dem Röhren ihrer Zehn- und Zwölfzylindermotoren rissen sie das sonst so ruhige St. Moritz gehörig aus dem Sommerschlaf.

St. Moritz - Die Anreise war für viele eine Qual. Ein gerade mal hüfthoher Sportwagen ist eben kein Gran Tourismo für entspannte Langstreckenfahrten, und dazu macht ein Renngerät mit mehr als 500 PS auf Schweizer Autobahnen in etwa so viel Spaß wie eine Tour aufs Jungfraujoch im Schneetreiben. Doch wie sonst soll man zu einem Lamborghini-Treffen ins mondäne Bergdorf St. Moritz kommen, als auf der eigenen Achse? Und zwar bitte stilecht mit Stier statt mit Stern auf der Haube.

Uns so zwängten sich auf Einladung des International Lamborghini Owners Clubs (ILOC) aus Deutschland sowie der Clubs aus Italien und der Schweiz am vergangenen Wochenende mehr als 300 Besserverdiener wie Sardinen in ihre strömungsgünstigen Büchsen, zügelten den Gasfuß und röhrten gen Engadin. Die Mission: Das beschauliche Promidorf mit dem Röhren der Zehn- und Zwölfzylindermotoren aus dem Sommerschlaf zu reißen. Der Spaß kostete samt Übernachtung im Luxushotel, Galadiner, Panoramaflug im Helikopter und geführter Ausfahrt über einige der schönsten Alpenpässe zwischen 590 und 790 Euro.

In den engen Durchschlupfen des Julier- oder Albula-Passes, zwischen Steilwand und Stützmauer, dröhnen die Lamborghinis, als kämen sie direkt aus dem Höllenschlund. Die Passhöhe und der Zieleinlauf auf dem Hochplateau im Südosten der Schweiz erinnert nicht von ungefähr an die brachialste Form des Almabtriebs, wenn mehr als 150 Supersportwagen den Berg hinab und das Tal entlang rollen, bevor sie im Schritttempo im Ort einfallen.

Ballermann-Parade in St. Moritz

Ballermann-Parade in St. Moritz

Nun ist man in St. Moritz laute Aufläufe von Prominenz und Luxusautos gewohnt. Schließlich zählt der Adel von Geld und Blut sommers wie winters zu den Dauergästen, und kaum ein Monat vergeht ohne Sternfahrt oder Oldtimerparade. Doch ein solches Heer von Tieffliegern wie beim Lamborghini-Treffen haben selbst die Graubündner noch nicht gesehen. Das Straßenbild wird bestimmt von den aktuellen Modellen Murcielago und Gallardo. Letzterer Typ ist das "Einstiegsmodell" der Marke, das in seiner billigsten Form 154.700 Euro kostet. Dem Wagen ist es zu verdanken, dass die Produktionszahlen der Marke von einst 300 auf mittlerweile mehr als 2200 Autos im Jahr gestiegen sind und Deutschland nach den USA, aber vor England und Italien, der größte Markt für die Autobauer aus dem Audi-Konzern ist.

Auftritt der Autos aus der wilden Vor-Audi-Zeit

Zwischen die Fahrzeuge der aktuellen Palette mischen sich in St. Moritz allerdings auch dutzende Autos aus der ganz besonders wilden Vor-Audi-Zeit: Flach, kantig, protzig, prollig und böse wie ein Außerirdischer auf Eroberungsfeldzug grollen Diablos und Countachs am Kurpark vorbei. Und ab und an wummern zwischen diesen Donnerkeilen sogar ein paar Modelle aus jener Zeit vorüber, in denen Sportwagen noch schön und nicht nur schnell waren. Hier ein Espada, dort ein 350 GT, mit dem die Geschichte Lamborghinis begann - nach einem Streit Ferruccio Lamborghinis mit Enzo Ferrari vor mehr als 40 Jahren. Nur vom Miura, dem zweiten und bei Preisen ab 300.000 Euro mittlerweile teuersten Lamborghini aller Zeiten, hat es keiner in die Schweiz geschafft.

Bei der PS-Parade im Ortskern wiederholt sich, was man auch bei vielen Tankstopps bei der Anreise beobachten konnte: Entweder bemühen sich die Passanten um demonstratives Desinteresse, oder aber der sonst eher reservierte und zurückhaltende Schweizer spürt plötzlich das Feuer von Neugier und Begeisterung, beugt sich ans Fenster herunter und bittet den Fahrer, noch einmal im Leerlauf aufs Gaspedal zu treten, damit er endlich den langweiligen Klingelton seines Handys überspielen kann.

Spoiler streicheln und ins Cockpit spähen

Spoiler streicheln und ins Cockpit spähen

So ist es auch kein Wunder, dass sich spätestens vor dem Grand Hotel Menschentrauben bilden und Groß und Klein zwischen den Sportwagen aus Sant'Agata umher gehen, zärtlich über Spoiler im Bürgelbrett-Format streicheln, nach den Ziffern auf den Tachoskalen schielen und große Ohren machen, wenn irgendwo wieder ein Motor aufjault.

Weil nur einen Steinwurf weiter ein Jodlerfest stattfindet, kommt es immer wieder zu bizarren Aufeinandertreffen von Trachten und Smoking, von krummem Stumpen und Havanna-Zigarren, von Highheel und Bergschuh.

Die von besorgten Lamborghini-Eignern eigens angestellten Security-Mitarbeiter in leuchtenden Westen stehen derweil im Schatten und unterdrücken ein Gähnen. Für sie gibt es hier wenig zu tun. Während andernorts bei solchen Veranstaltungen schon mal ein paar Neider und Nörgler ihren Unmut kundtun, gibt es in St. Moritz weder böse Worte noch ärgerliche Spuren im Lack. Einzig ein Feuer in der Tiefgarage hält die Mitarbeiter in Atem. Einem der Supersportwagen wurde es beim Peitschen über die Pässe wohl ein wenig zu heiß.

Während draußen also das Volk zwischen den PS-Protzen und automobilen Penisprothesen flaniert und die Klimadiskussion noch Lichtjahre entfernt scheint, köpfen die Teilnehmer drinnen nach der Ausfahrt und dem Corso auf der Flaniermeile die Champagner-Flaschen.

Die Gäste sind so schrill, bunt und extrovertiert, wie es die gängigen Klischees und Vorurteile erwarten lassen. Zwar spricht ILOC-Präsident Stefan Sehring von "ganz normalen Leuten" und legt Wert darauf, dass die Halbwelt in seinem Club keinen Platz habe.

Die Klischee-Blondine im Arm

Die Klischee-Blondine im Arm

Er räumt aber ein: "Natürlich gibt es bei uns auch ein paar Privatiers, für die Geld keine Rolle spielt." Sehring selbst ist Hesse und hat mit Kies und anderen Baustoffen offensichtlich jede Menge Schotter gemacht. Die meisten Mitglieder aber, betont er, seien Menschen wie Du und Ich, darunter auch viele Handwerker und Enthusiasten, die am Wochenende in der Garage stünden und an ihren Sportwagen schraubten. Gern beschwört er das Bild vom leidenschaftlichen Sammler, der sich seinen Traum vom Munde abgespart hat. Ganz sicher gibt es auch solche Menschen unter den hier anwesenden Lamborghini-Fahrern, und manch einer der seriösen Herren an der Bar ginge vielleicht sogar als Pfarrer oder Buchhalter durch, wenn er nicht gerade von einer Klischee-Blondine umschlungen würde. Doch bei der Mehrheit der Lambo-Eigner sind die Hemden einfach zu bunt, die Brillen zu schrill, die Hosen zu eng, die Dekolletées zu tief und der goldene Stier an der Panzerkette im offenen Kragen zu protzig, als dass man sie allesamt für Anwälte, Börsenmakler, Architekten oder Werber hält.

Doch der Schweizer ist der Neutralität verpflichtet, schweigt und genießt den Augenblick. Selbst beim freundlichen Kulturkampf vor dem Hotel gibt es ein Unentscheiden: Alphorn oder Auspuff? Was besser klingt, muss jeder für sich entscheiden. Und das ist nicht nur eine Frage der Melodie.

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