Bestseller Ungeliebte Schmöker

Sie sind oft Bestseller, und doch werden sie nur selten gelesen: Bedienungsanleitungen von Autos. Sinnentleerte Sätze, umständliche Beschreibungen, wer mag sich schon durch so ein Werk durchquälen? Experten geben jedoch Entwarnung. Die deutschen Hersteller haben viel verbessert. Die Lektüre lohnt sich.

Rüsselsheim/Stuttgart - "Warum sollte ein Fahrer da hineinschauen, wenn er mit dem Wagen keine Probleme hat", sagt Thomas Steinbach aus der technischen Redaktion von Opel in Rüsselsheim über das Druckwerk im Handschuhfach. Deshalb gibt es bei zahlreichen Herstellern neue Konzepte, mit deren Hilfe das Schattendasein der Anleitung beendet werden soll.

Bedienungsanleitungen entspringen nicht literarischen Ansprüchen, sie folgen allein einer Vorgabe des Gesetzgebers: "Der verpflichtet uns, in unmittelbarer Nähe des Fahrers eine Anleitung zu deponieren", sagt Steinbach. Wirklich zufrieden ist die Industrie damit nicht. "Wir haben festgestellt, dass viele Kunden gar nicht alle Funktionen und Möglichkeiten kennen, die ihnen ihr Wagen bietet", sagt Mark Tworek, bei Audi in Ingolstadt für die Anleitungen zuständig.

Für Thomas Maier, Professor am Institut für Konstruktionstechnik und Technisches Design an der Universität Stuttgart, ist das kein Wunder: "Bei den Herstellern haben wir in den letzten Jahren eine regelrechte "Featuritis" festgestellt." Es sollen möglichst viele Funktionen in einer Steuerung integriert werden. "Das führt dazu, dass bis zu 700 davon in so einer Steuerung drin sind."

Vieles ist besser geworden

Zwar ist die Funktionsdichte gewachsen, doch so schlecht wie ihr Ruf ist die Bedienungsanleitung im Auto gar nicht, ist Tim Bosenick aus Hamburg überzeugt. "Generell kann man sagen, dass die Anleitungen heute besser sind als noch vor 20 Jahren", sagt der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Sirvaluse, das im Industrieauftrag die Benutzerfreundlichkeit von Produkten und Informationsmedien testet. "Zum einen wird heute verständlicher geschrieben, zum anderen werden mehr und bessere Abbildungen angeboten."

Das deckt sich mit den Vorgaben aus der Industrie. "Wir achten streng auf einen verständlichen Schreibstil aus der Sicht eines Nicht-Technikers", sagt Mercedes-Sprecher Norbert Giesen in Stuttgart. Das wird aber offenbar nicht bei allen Herstellern umgesetzt, wie Tim Bosenick erzählt: "Es gibt nach wie vor auch Handbücher, die in Fernost von einem Programm übersetzt werden und dem entsprechend sinnentleerte Sätze bieten."

Aber um den Kunden Lust am Lesen zu machen, ist es nach Thomas Steinachs Einschätzung nicht mit ein paar neuen Worten getan. "Nur mit einem anderen Schreibstil wird man die Autofahrer nicht zum Umdenken bringen", sagt er - und spielt den Ball damit weiter an die Marketing-Kollegen: "Dort gibt es viele Möglichkeiten, ein größeres Interesse zu schaffen und mit neuen Medien die Inhalte aus der Bedienungsanleitung besser zu transportieren."

Richtig Lust aufs Fahren

Richtig Lust aufs Fahren

Andreas Schlenkhoff von der Tanner AG in Lindau am Bodensee, einem Dienstleister für Technische Dokumentationen, pflichtet Steinbach bei und rät den Automobilherstellern, über den Einsatz von Animationen nachzudenken:

"Mittlerweile ist fast jedes höherwertige Fahrzeug mit einem Monitor ausgestattet. Darauf können Animationen laufen, interaktive Warnungen im Klartext oder Handlungsempfehlungen". Zudem empfiehlt Schlenkhoff motivierende Kurzanleitungen, in denen die wichtigsten Begriffe schnell erklärt werden und nur Verweise in den dicken Wälzer führen.

Viele Hersteller haben sich solche Kritik schon zu Herzen genommen und die neuen Medien für sich entdeckt. So gibt es bei Mercedes etwa für die C-, S- und CL-Klasse eine Kunden-DVD. "Sie erklärt nicht nur die technischen Highlights und die Bedienung des Fahrzeugs - sie soll richtig Lust aufs Fahren machen", sagt Norbert Giesen.

Darüber hinaus haben die Schwaben für alle Baureihen interaktive Anleitungen entwickelt, die online verfügbar sind: "Mehr Probieren und weniger Lesen" sei deren Motto, sagt Norbert Giesen. Der Kunde kann ausgewählte Funktionen seines Autos am Bildschirm simulieren. "Detailansichten und Informationsclips veranschaulichen komplexe Bedienvorgänge und machen mit den Innovationen vertraut."

Das Angebot werde rege genutzt: "Jeden Monat klicken mehr als 25.000 Menschen auf die Seite und bleiben dort im Durchschnitt 18 Minuten." Bei Audi werden wichtige Kapitel aus Bedienungsanleitungen derzeit überarbeitet und zunächst in den Modellen A3 und A4 als kostenlose Audio-CD beigelegt, sagt Redakteur Mark Tworek. Er hofft dabei auf einen ähnlichen Erfolg wie bei Hörbüchern: "Was bei Harry Potter oder Bertolt Brecht funktioniert, müsste doch auch mit einer entsprechend attraktiv gestalteten Hörbedienungsanleitung klappen."

Thomas Geiger, dpa

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