911 Turbo Cabrio Der Sonne entgegen

In lediglich 3,8 Sekunden auf Tempo 100, eine Höchstgeschwindigkeit von 310 Stundenkilometern und 480 PS im Heck. Das neue Porsche 911 Turbo Cabrio geizt nicht mit Superlativen. Wer an seinem Führerschein hängt, sollte angesichts solch ungezügelter Kräfte den Tacho also besser nicht aus dem Blick verlieren.

Hamburg - Das Auto polarisiert schon im Stand, denn allein der Blick ins Datenblatt genügt, um die einen in Träumerei zu versetzten und die anderen zum Toben zu bringen. Das neue Porsche Turbo Cabrio ist faszinierend und unfassbar zugleich.

Denn abstrakt betrachtet, ist es unfassbar, wie rasant und präzise Offenfahren sein kann. Und auf der anderen Seite gibt es kein einziges vernünftiges Argument für diese Fahrmaschine, die literweise Benzin verbrennt und kiloweise CO2 in die Luft pustet, nur um den beiden Insassen einen Vollgas-Kick zu verschaffen, während ihnen die Sonne auf die mit Adrenalin überschwemmten Köpfe knallt.

Der jüngste Ableger der 911-Familie ist zugleich der teuerste Porsche im derzeitigen Angebot. Gegenüber dem Turbo Coupé steigt der Preis des neuen Cabrios um beachtliche 13.000 Euro und gegenüber dem bislang teuersten Cabrio der Marke um knapp 30.000 Euro auf künftig 150.862 Euro.

Wer angesichts dieser Summe auf eine gewisse Kaufzurückhaltung schließt, den belehrt Dau eines Besseren: Der Turbo bediene keine Nische in der Nische, sondern sei eine feste Größe. Jeder sechste der rund 36.000 Elfer im aktuellen Geschäftsjahr war ein Turbomodell. Und vom Turbo-Cabrio sollen nun weitere 3000 Autos dazu kommen.

Gefärbte Sicherheitsgurte für 400 Euro

Gefärbte Sicherheitsgurte für 400 Euro

Geld spielt offenbar bei dieser Art von Fahrzeugen keine entscheidende Rolle. Sonst könnte Porsche auch nicht dreist für gefärbte Sicherheitsgurte 400 Euro Aufpreis und ein Alu-Harttop mehr als 3000 Euro extra verlangen. Doch ein Vermögen hortet man nicht durch Verschwendung. Deshalb argumentiert Porsche mit nüchternen Werten wie den Unterhaltskosten: Sie wurden beim Turbo gegenüber dem Vorgänger noch einmal um 3 Prozent gesenkt und sichern ihm angeblich den Spitzenplatz unter den Supersportlern.

Dafür verantwortlich sind neben dem trotz höherer Leistung unveränderten Verbrauch von durchschnittlich 12,9 Liter je 100 Kilometer auch die um 10.000 Kilometer verlängerten Werkstattintervalle, mit denen die Wartungskosten um 22 Prozent sinken. Außerdem wurde die Serienausstattung erweitert, so dass nun endlich auch das Windschott dazu zählt.

Das Teil kann man gut gebrauchen. Denn wenn man auf Knopfdruck die Stoffhaube einklappt, die sich – übrigens auch in Fahrt bei bis zu 50 km/h – binnen 20 Sekunden wie ein Z zwischen Rückbank und Motor faltet, wähnt man sich plötzlich im Orkan. Nur einmal kurz das Gaspedal angetippt, wechselt der 480 PS starke Boxer-Motor die Tonlage, beginnt ein heißeres Kreischen und treibt den 2+2-Sitzer in aller Offenheit der Sonne entgegen.

Weil das Cabrio gerade einmal 70 Kilogramm mehr wiegt als das Coupé, haben die 620 Nm auch ohne den Overboost des Sportpakets mit seinem zusätzlichen 60 Nm leichtes Spiel. Während es einen in die Sitze drückt wie im Flugzeug beim Start, katapultiert der Sechszylinder das Cabrio als Handschalter in 4,0 und mit Tiptronic-Getriebe in 3,8 Sekunden auf Tempo 100. Und noch bevor man das nächste Mal auf den Tacho geschaut hat, steht die Nadel bei 200.

Tacho im Auge behalten

Tacho im Auge behalten

Wem sein Führerschein lieb ist, sollte sich um einen feinfühligen Gasfuß bemühen und beim Optiker eine neue Brille bestellen, um den Tacho stets im Auge zu behalten. Wer ohne Reue genießen will, klickt im Bordcomputer den Verbrauch weg, weil es nicht lange bei den offiziellen Normwerten von 12,9 Litern beim Schalter und 13,7 Litern bei der Tiptronic-Version bleibt.

Und wer den Wagen tatsächlich einmal ausfahren möchte, der sucht besser eine lange, freie Gerade. Denn erst bei 310 km/h siegt der Luftwiderstand. Dabei ist die Straßenlage stets tadellos und die Lenkung so bestimmt und präzise, dass man den Wagen auch mit dem kleinen Finger fahren kann. Und der Allradantrieb sowie das sensible ESP sorgen dafür, dass man auch bei einem heißen Ritt stets auf dem Pfad der Tugend bleibt.

Mit dem offenen Turbo demonstrieren die Schwaben erneut, dass sie eine Grundmodell - in diesem Fall den Klassiker 911 - wie kein anderes Unternehmen variieren können und aus jeder noch so kleinen Spielart eine eigene Version entwickeln. Der Trick dabei: Die Derivate sind stets teuerer als das Standard-Original, obwohl der Grad an Gleichteilen und damit an Einspareffekten erheblich ist. Und es geht vermutlich weiter mit der Aufsplitterung der 911er-Familie.

Zwar gibt es von Porsche-Sprecher Eckard Eybl auf Fragen zu künftigen Modellen nur ein mattes "möglich ist alles", doch lässt das immerhin Raum für Spekulationen um einen neuen GT2 oder gar ein Modell Turbo S. Als gäbe es weder ein Klimaproblem noch ein Verbrauchsproblem noch ein Ressourcenproblem, beharren die Schwaben auf ihrer Sonderstellung als Vollgasmarke. Sprecher Dau hat dafür eine schlichte Formel: "Porsche bleibt Porsche."

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