VW Golf GTI W12-650 Rasanter Kraftprotz

1975 ließ der Prototyp eines Golf GTI auf der IAA Männerherzen höher schlagen. In der vergangenen Woche sorgte VW mit dem 650 PS starken Golf erneut für Furore - auf dem GTI-Treffen in Österreich.

Ferrari-Fahrer aufgepasst: Wenn dieser Golf im Rückspiegel auftaucht, dann wird es sogar für Sie langsam Zeit, die linke Spur zu räumen. Denn auch wenn der Silberling aussieht wie ein pubertärer Kompaktwagen im Anabolika-Rausch, ist er ein ernstzunehmender Spitzensportler. Zwölf Zylinder, 650 PS und 750 Nm sind die Eckwerte, mit denen er am Selbstbewusstsein fast aller Sportwagenfahrer sägen könnte.

Doch keine Sorge, allzu häufig wird es nicht zu solch erniedrigenden Duellen auf der Überholspur kommen. Denn der Golf mit dem kryptischen Typenkürzel GTI W12-650 ist weder ein Serienmodell noch ein Auswuchs größenwahnsinniger Tuner, sondern ein reines Showcar, mit dem VW am vergangenen Himmelfahrtswochenende der Fangemeinde des GTI bei ihrem Jahrestreffen am Wörthersee die Ehre erwiesen hat.

Weil es diese Vollgasfreunde sind, die mit ihrer Begeisterung für den Wolf im Golf-Pelz bereits 1,67 Millionen solcher Autos gekauft und die drei Buchstaben zu einem berühmten Sportabzeichen gemacht haben, erweist ihnen VW nun eine besondere Ehre: "Dieser Sportwagen ist eine Verneigung vor den GTI-Freunden am Wörthersee, jenen Menschen, durch die der GTI zum Mythos wurde. Allein für sie wurde er konzipiert", heißt es im Begleittext zur Studie.

Bei 325 km/h ist Schluss

Dass die Entwickler dabei so ziemlich alles über den Haufen geworfen haben, was in der Kompaktklasse gängige Praxis ist, hat beim GTI eine gute Tradition. Denn schon die erste Auflage des kompakten Sportlers ist in dem zivilen Ungehorsam der Entwickler zu verdanken, die 1976 am Vorstand vorbei aus dem Allerweltsauto einen rasanten Breitensportler für den kleinen Geldbeutel gemacht haben.

Für den kleinen Geldbeutel ist der neue König aller Kraftmeier zwar sicher nicht mehr. Doch an seiner Rasanz gibt es nicht die Spur eines Zweifels: Der längs hinter den Sitzen montierte und über eine sechsstufige Automatik an der Hinterachse angeflantschte W12 aus dem Phaeton katapultiert den Zweitürer binnen 3,7 Sekunden auf Tempo 100.

Damit zeigt er damit nicht nur allen anderen Volkswagen die Rücklichter und seine vier armdicken Endrohre, deren Chrom kess in der Sonne blinkt. Auch die Audis haben keine Chance, und selbst Lamborghini-Fahrer müssen schon den großen Murciélago kaufen, wenn sie da eine Chance haben wollen.

Eine freie Strecke, einen festen Blick und viel Vertrauen in die Schaffenskraft der Ingenieure vorausgesetzt, muss sich der GTI-Fahrer in der Rakete aus Wolfsburg nicht mit schnöden 250 km/h begnügen. Wo die allermeisten Autos aus dem VW-Konzern elektronisch abgeregelt werden, bekommt die Golf-Granate einen zweiten Wind und schiebt noch einmal mächtig an. Erst wenn die meisten Porsche schon die Segel gestrichen haben, findet der Rausch der Geschwindigkeit bei 325 km/h auch in diesem Golf sein Ende.

Das Design ist wie ein Fingerabdruck

Das Design ist wie ein Fingerabdruck

Bei allen Freiheiten der Techniker haben die Designer die Nähe zum Original gesucht: "Unser Ziel war klar definiert – trotz der zum Teil dramatischen technischen Änderungen sollte der GTI ganz klar ein klassischer GTI bleiben. Das Design des Golf ist ja wie ein Fingerabdruck. Wenn man den verwischt, wird der Charakter des Autos zerstört. Das durfte auf keinen Fall passieren", sagt Designchef Klaus Bischoff.

Zwar saugt der GTI deshalb vorne nun mehr Luft ein als ein Industriestaubsauger, doch erinnert zum Beispiel der schmale, quer betonte Kühlergrill mit seinem roten Rahmen ganz bewusst an den GTI der ersten Stunde. Und Bauteile wie Scheinwerfer, Türen, Motorhaube oder Rückleuchten haben sie direkt aus der Serie übernommen. Alle anderen Karosserieteile allerdings sind neu: Denn mit 1,42 Metern Höhe ist die wie ein Schweizer Käse mit Luftein- und -auslässen förmlich perforierte Studie acht Zentimeter flacher und mit 1,88 Metern Breite zwölf Zentimeter breiter als der Seriengolf.

Bußgelder für die GTI-Treffen-Teilnehmer

Zwar sieht der Golf der Gölfe ganz so aus, als könnte er vielleicht sogar eine Straßenzulassung bekommen. Doch den Weg an den Wörthersee hat er im geschützten Transport gemacht. Das war sicher kein Fehler. Denn so hat er das GTI-Treffen wenigstens pünktlich und unbehelligt erreicht. Dieses Glück hatten nicht alle Teilnehmer.

So berichten österreichische Zeitungen, dass er bereits am Anreise- und am ersten Veranstaltungstag rund 1100 Bußgelder und 3800 Anzeigen gegeben habe. Die allermeisten davon an den Kontrollstellen auf der Tauernautobahn. Dort wurden zum Beispiel in Kuchl von 92 Autos gleich zehn aus dem Verkehr gezogen. 21 Fahrer wurden angezeigt.

Der häufigste Grund: Viele GTI-Fans haben ihre Autos tiefer gelegt als es in Österreich erlaubt. Während dort nämlich mindestens elf Zentimeter Bodenfreiheit vorgeschrieben sind, reichen zum Beispiel in Deutschland nur acht. Nicht immer allerdings war die Fahrt in solchen Fällen schon auf der Autobahn zu Ende, zitiert der Fernsehsender ORF den Polizeisprecher Heinrich Weber: "Die schrauben dann an Ort und Stelle ihre Stoßdämpfer wieder höher und bekommen nach einer Stunde ihre Kennzeichen wieder zurück."

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