Furioser Flitzer Lamborghini light

Weniger ist mehr - das gilt auch für schnelle Autos. Auf dieses Prinzip setzt auch Lamborghini mit seinem neuen Modell Gallardo Superleggera. Er ist leichter, hat aber mehr PS und beschleunigt schneller als sein Vorgänger. Und das hat seinen Preis.

Wie muss man sich ein Autohaus vorstellen, in dem pro Werktag mindestens fünf Traumwagen für mehr als jeweils 100.000 Euro verkauft werden? Ein funkelnder Glaspalast in Dubai, ein Stadtschloss in Paris oder ein Luxusladen in Manhattan? Alles falsch: Wenn die Autos nur anziehend genug sind, reicht auch ein schmuckloser Zweckbau in einem Gewerbegebiet. Das zumindest zeigt das Beispiel von Champion Motors auf Long Island, wo sich offenbar die Reichen und Schönen aus New York und Umgebung die Klinke in die Hand geben.

"Pro Monat verkaufen wir etwa 140 Autos", sagt Service-Manager Peter Rodney und lässt den Blick durch den riesigen Showroom schweifen, in dem neben den Vertragsmarken Lamborghini und Bentley auch einige Ferrari und Porsche und auch klassische Musclecars - zu Preisen bis 400.000 Dollar - feilgeboten werden.

Auf einer Fläche von etwa drei Tennisplätzen stehen in einem nüchternen Ambiente unter dem gleißenden Licht von Baustellenlampen Luxuslimousinen und Supersportwagen ohne jeden weiteren Firlefanz. Arnage, Murciélago und Gallardo so weit das Auge reicht. So viele Luxusschlitten stehen wahrscheinlich nicht einmal in der Vorstandsgarage in Wolfsburg. Da ist es auch kein Wunder, dass der fast schon banale Bentley Continental gleich dutzendweise draußen im Nieselregen stehen muss. Peter Rodney und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun. Das belegen das gute Dutzend Glasbürokästen für vertrauliche Verkaufsgespräche und die 17 Hebebühnen im Werkstatt-Trakt.

100 Kilogramm abgespeckt

100 Kilogramm abgespeckt

Die Lamborghini-Verkäufer werden künftig wohl noch mehr Arbeit bekommen. Denn in diesen Tagen beginnt die italienische Audi-Tochter mit der Auslieferung des Modells Gallardo Superleggera, der durch Carbon, Kunststoff und andere Kniffe 100 Kilogramm abgespeckt hat und für Lamborghini-Chef Stefan Winkelmann eine "Reaktion auf aktuelle Entwicklungen am Markt" ist. Nein, dabei geht es ausnahmsweise nicht um die CO2-Diskussion und um Verbrauchsminderungen. Fasten um zu sparen sollen die anderen Marken des Konzerns. "Hier geht es um Leistung durch Leichtbau", sagt Winkelmann und freut sich, dass der neue Wagen jetzt noch schneller sprintet, noch direkter einlenkt und noch besser auf der Straße liegt.

Natürlich ist "superleicht" ein Adjektiv, das bei 1330 Kilogramm paradox klingt. Doch wenn man den Gallardo Superleggera etwa mit einem Porsche 911 Turbo (1585 Kilo) oder einem Mercedes SLR (1768 Kilo) vergleicht, geht er als erfolgreiches Diätmodell durch.

Zu verdanken ist das neue Idealgewicht unter anderem der transparenten Motorhaube und den hinteren Seitenteilen aus Kunststoff, sowie Rückspiegeln, Seitenspoilern, Heckdiffusor, Unterbodenabdeckung und Türinnenverkleidungen, die aus Kohlefasern gebacken wurden. Einziges gewichtstreibendes Extra ist ein schwarzer Zierstreifen mit dem Schriftzug "Superleggera", der sich nun quer über die Türen bis in die Kiemen vor den breiten Hinterrädern zieht.

Aber die paar Gramm für den Aufkleber kann der Wagen locker verschmerzen. Schließlich haben die Italiener gleichzeitig den Motor trainiert und noch einmal zehn PS mehr aus dem fünf Liter großen V10 gekitzelt. Die Endgeschwindigkeit bleibt allerdings bei 315 km/h. Doch wer beherzt aufs Gaspedal steigt und die maximal 510 Nm fein genug dosiert, schafft den Spurt auf Tempo jetzt in 3,8 Sekunden und ist dem normalen Gallardo damit um immerhin zwei Zehntel voraus.

Trotzdem muss man mit dem Auto nicht auf die Rennstrecke, sondern kann mit dem Zweisitzer getrost auch ins Büro fahren. Vielleicht knittert der Anzug etwas schneller, wenn man sich mit den neuen Hosenträgergurten in den schmalen Rennschalen festzurrt, statt einfach auf bequemen Lederpolstern durch die Stadt zu rauschen. Und auch der Motor klingt durch die dünnen Scheiben noch lauter. Doch mit eingeschalteter Traktionskontrolle, automatisiertem Getriebe und dem obligatorischen Allradantrieb lässt sich der Sportler spielend auf Kurs halten. Stark ins Schwitzen kommt man hinter dem griffigen Sportlenkrad auch nicht.

Diät bringt zwei Zehntelsekunden

Diät bringt zwei Zehntelsekunden

"Auf ein Mindestmaß an Komfort wollten wir nicht verzichten", sagt Winkelmann und rechtfertigt so die zusätzlichen Kilo der Klimaanlage oder die elektrischen Fensterheber. Dennoch wollten es die italienischen Weight Watchers nicht zu weit treiben: Einen Superleggera Roadster wird es aus Gewichtsgründen nicht geben, sagt Winkelmann und zeigt eine Grafik zur Modellpalette, die auf eine Leichtbauversion des Murciélago hindeutet.

Wie bei jeder anständigen Diät muss man auch bei Lamborghini für den Gewichtsverlust hart arbeiten – allerdings weniger im Fitnessstudio als im Beruf. Denn ohne eine kräftige Bonuszahlung wird der Spitzensportler wohl immer ein Traum bleiben. Schon der normale Gallardo kostet in Deutschland 154.700 Euro. Und für die um 100 Kilogramm leichtere Version muss man glatt 20 Prozent mehr bezahlen. Schlägt man die Steuer drauf, stehen exakt 187.603 Euro auf der Rechnung.

Die Kunden bei Champion Motors auf Long Island scheint das nicht zu stören. Sie kaufen wie im Rausch: Allein in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres haben Peter Rodney und sein Team sieben Lamborghini verkauft, im ersten Quartal waren es 57. Damit sind die Neu-Engländer nach ihren Kollegen in der Nähe von Los Angeles der zweitgrößte Lamborghini-Händler der Welt. In Deutschland zum Beispiel verkauft ein Lamborghini-Händler im Schnitt 30 Autos im Jahr.

Unter dem Strich kommen die Italiener weltweit auf mehr als 2000 Zulassungen, rechnet Winkelmann vor und betont den riesigen Sprung seit der Übernahme durch Audi. "Von damals etwa 300 Autos haben wir unsere Jahresproduktion im Vergleich 1998 um das Siebenfache gesteigert." Obwohl vom Superleggera nur zwei Exemplare pro Tag gebaut werden, dürfte er am weiteren Erfolg der Marke einen gehörigen Anteil haben. Wer sich jetzt für diesen Wagen entscheide, müsse viel Geduld mitbringen, sagt Winkelmann. "Für dieses Jahr ist das Coupé komplett ausverkauft." Das ist schade, aber für Peter Rodney auf Long Island kein Beinbruch: "Dann nehmen Sie doch einfach eines von den drei Dutzend anderen Autos hier im Showroom."

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