Russo-Baltique Der Adler fliegt

In Russland läuft das Geschäft mit Luxusgütern hervorragend - das gilt auch für Oberklassewagen. Nun will die heimische Manufaktur Russo-Baltique von dem Boom profitieren. Auf dem Genfer Autosalon zeigt der Hersteller seine Version eines Prachtfahrzeugs.

Ivan Shishkin trägt seine Locken schulterlang und wirkt in seinem überlangen, reich bestickten schwarzen Jacket eher wie ein Conferencier denn wie ein Autoboss. Doch das täuscht. Shishkin hat vor drei Jahren die ehemalige russische Automarke Russo-Baltique neu gegründet. Nach einem Auftritt mit einem Prototypen beim Concorso d'Eleganza am Comer See im vergangenen Jahr zeigt die Firma nun beim Autosalon in Genf die Serienversion eines Luxuscoupés, das – entsprechende Nachfrage vorausgesetzt – in etwa einem Jahr verkaufsfertig sein wird.

Die Marke Russo-Baltique wurde 1907 als Autosparte des damals größten russischen Industriekonglomerats gegründet. Zwei Jahre später war das erste Fahrzeug fertig, ein zweisitziges Cabriolet, das sportlich konstruiert und luxuriös ausgestattet war. Im Jahre 1910 machte die Marke erstmals international auf sich aufmerksam, als Chefingenieur André Nagel ohne jedwedes technische Problem an seinem Wagen an der Fernfahrt Sankt Petersburg-Berlin-Prag-Rom-Neapel und wieder retour teilnahm.

Kurier des Zaren

1911 wiederum gewannen Ingenieur Nagel mit seinem Beifahrer Vadim Michailoff bei der Rallye Monte Carlo sowohl die Langstrecken- als auch die Ausdauer-Wertung. Beinahe zwangsläufig wurde Russo-Baltique in der Folge zum Hoflieferanten des Zaren. 1913 oderte Nikolaus II. zwei Modelle des Typs K 12-20 und C 24-40 mit Landaulet-Aufbauten. Noch heute ist das Markenlogo vom russischen Doppeladler geprägt. Doch unter der vom Georgier Zviad Tsikolia designten Karosserie des neuen Modells arbeitet überwiegend deutsche Technik.

"Der Motor stammt von Maybach", sagt Shishkin nicht ohne Stolz. Es handelt sich um einen Zwölfzylinder-Biturbo mit 555 PS, der das knapp zwei Tonnen schwere und 5,50 Meter lange Coupé in exakt vier Sekunden von 0 auf Tempo 100 beschleunigt und – so jedenfalls steht es im Datenblatt zum Auto – eine Maximalgeschwindigkeit von 314 km/h ermöglicht. Die beiden Türen des merkwürdig altertümlich und doch auch wieder modern anmutenden Automobils sind hinten angeschlagen, der Innenraum fast vollständig mit hellem Leder, hellen Teppichen und ebenfalls hellem Zebranoholz ausgekleidet.

Man warte nun auf Interessenten und definitive Bestellungen, teilt Shishkin mit. In Genf, so die Hoffnung, wird eventuell schon der eine oder andere Vertrag angebahnt. Wie teuer der neue Russo-Baltique wird, bleibt noch geheim. "Uns kostet das Auto mindestens eine Million Euro", sagt der Chef; also müssen Kunden wohl mit Preisen bis zu 1,5 Millionen rechnen. Wer jedoch einen Russo-Baltique fahren möchte, hat kaum Alternativen zu dem Investment. Von den historischen Modellen aus der Zarenzeit sollen lediglich drei die Wirren der Oktoberrevolution 1917 überstanden haben, in deren Folge auch die Firma für lange Zeit verschwand.

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