Audi R8 Fauchen und knurren

Audi drängt auf die Überholspur: Als neues Topmodell und als erster echter Sportwagen der Marke kommt im Mai der R8 auf den Markt. Der Zweisitzer mit Mittelmotor und Allradantrieb dürfte nur der Auftakt einer neuen Serie sein. Wir waren auf Testfahrt.

Porschefahrer aufgepasst: Im Rückspiegel taucht ein neuer Gegner auf. Denn auf dem Weg zum "erfolgreichsten Premiumhersteller der Welt" sind Audi schnelle Limousinen und Kombis oder Design-Sportler wie das Modell TT nicht mehr genug. Nun bringen die Bayern als ersten echten Sportwagen der jüngeren Firmengeschichte ab Mai für kühn kalkulierte 104.400 Euro den R8 an den Start. Inspiriert vom Le-Mans-Siegerauto und technisch abgeleitet vom Lamborghini Gallardo soll das Mittelmotor-Coupé die Marke auf der Überholspur in die Pole Position bringen.

Dafür braucht der Zweisitzer eigentlich nicht einmal einen Motor. Schon im Stand sieht er rasend schnell aus. Die flache Schnauze klebt förmlich auf dem Asphalt und saugt durch riesige Gitter scheinbar gierig die Hitze der Straße ein. Die von einem farbig abgesetzten Luftleitblech hinter den Türen, einer riesigen Kieme und breiten Muskelsträngen durchzogene Flanke steigt nur minimal an und gipfelt bereits bei 1,25 Metern, und nach 4,43 Metern sieht man den Teil des R8, den auch die meisten Verkehrsteilnehmer am häufigsten sehen werden:

Sein flaches und breites Heck mit dem ausfahrbaren Spoiler und den vielen Luftauslässen. Absoluter Blickfang allerdings ist der 4,2 Liter große V8-Motor aus dem RS4, der eingebettet in Carbonkonsolen und bestrahlt von LED-Spots unter einer Glashaube liegt wie Brillantschmuck beim Juwelier.

Das Triebwerk wird - ganz konventionell mit dem Zündschlüssel und eben nicht mit einem Startknopf - zum Leben erweckt. Fauchend quittiert die Maschine jeden Gasstoß und knurrt dabei wie ein Wachhund an der Kette.

Es kann losgehen: Per Mini-Schaltknüppel auf dem hohen Mitteltunnel wird Gang eins eingelegt, dann dreht der Sauger auf 8000 Touren, der Fahrer krallt sich im dicken Kranz des Lenkrads fest und jagt wie ein Jetpilot im Tiefflug dem Horizont entgegen. Nur 4,6 Sekunden vergehen, dann haben die 420 PS und 430 Nm den R8 auf Tempo 100 beschleunigt, zehn Sekunden später steht die Nadel bei 200 km/h, und wo andere Autos von Audi kurz darauf in den Begrenzer fahren, schnurrt der R8 immer weiter.

Präzise und feinfühlig am Steuerrad

Präzise und feinfühlig am Steuerrad

Erst bei 301 km/h ist - ohne elektronischen Hemmschuh - der Spaß am Benzinvergeuden vorbei. Denn neben den Radarpistolen der Ordnungshüter ist das wichtigste Korrektiv der Verbrauch.

Er liegt schon im Normzyklus bei 14,6 Litern und schnellt bei flotter Fahrt so weit in die Höhe, dass Audi alternativ zum 75-Liter-Tank vorsichtshalber auch eine Version mit 90 Liter-Fass anbietet. Unter dem Strich sprintet der R8 einen Tick besser als der Porsche 911er und fährt ihm bei Vollgas ganz langsam davon, doch läst sich Audi diesen Vorsprung auch teurer bezahlen.

Egal, wie schnell man nun unterwegs ist – man fühlt sich am Steuer stets als Herr der Lage. Präzise und feinfühlig lässt sich der R8 dirigieren. Der serienmäßige Quattro-Allrad-Antrieb bringt die Kraft ohne allzu häufigen ESP-Eingriff sauber auf die Straße, und die Bremsen packen auch ohne die erst zum Jahresende lieferbaren Keramikscheiben zu wie eine eiserne Hand.

Obwohl der R8 im Grunde ein reinrassiger Sportwagen sein will und die Gene des Le-Mans-Siegerautos in sich trägt, ist er lange nicht von solch kompromissloser Härte wie etwa sein Lamborghini-Vetter aus Italien. Während man den stets mit Adrenalin statt Benzin fährt oder im Porsche zumeist dem Lockruf der Leistung erliegt, kann man mit dem neuen R8 auch so gelassen cruisen, dass die Cops entlang der Teststrecken rund um Las Vegas nur freundlich winken.

"Auf der Autobahn so bequem wie im A8 von München nach Hamburg zu fahren und auf der Nordschleife trotzdem eine Bestzeit herausholen zu können" waren laut Entwicklungskoordinator Thomas Soppa die beiden Extreme, die der R8 vereinen sollte. Denn bei aller Liebe zum Rennsport muss das Coupé auch alltagstauglich sein.

Der R8 ist für bequem, bietet aber kaum Stauraum

Der R8 ist für bequem, bietet aber kaum Stauraum

Das gilt auch für den Innenraum, der für diese Fahrzeuggattung auch überraschend großzügig ausfällt. Obwohl der Wagen extrem flach ist und man nahezu auf dem Asphalt sitzt, muss man nicht selbst ein Sportler sein, um elegant am unten abgeflachten Lenkrad vorbei in den Fahrersitz zu gleiten. Nur beim Gepäck heißt es knausern: Die Höhle unter der vorderen Haube bietet lediglich 100 und die Nische hinter den Sitzen weitere 90 Litern Stauvolumen.

"Viel mehr als ein paar Schrauben hat unser Auto mit dem Lamborghini Gallardo nicht mehr gemein“, behauptet Soppa mit Blick auf den eigenen Motor, das komplett überarbeitete Getriebe, das neue Fahrwerk und natürlich die selbst gestaltete Karosserie. Sie entsteht - wie das gesamte Fahrzeug - in einer Manufaktur in Neckarsulm, wo pro Tag maximal 20 Autos weitgehend von Hand zusammengebaut werden.

Dabei setzt Audi auf Leichtbau. Die gesamte Karosserie wird, ähnlich wie beim A8, komplett aus Aluminium gefertigt und spart damit gegenüber einer Stahlkonstruktion 120 Kilogramm. Auch Carbon kommt zum Einsatz - allerdings nur als Dekorelement rund um den Motor, im Innenraum oder bei den farblich abgesetzten Sideblades, mit denen Audi die Flanke schmückt und dem Motor Luft zuführt. Dennoch wiegt das Auto 1,6 Tonnen und weckt sogleich den Wunsch nach einer abgespeckten Alternative.

Ärgerliche Kleinigkeiten in der Aufpreisliste

Der R8 ist kein billiges Vergnügen. Auch wenn Xenon-Scheinwerfer oder LED-Technik für das Tagfahrlicht sowie für Blink-, Brems-, und Rückleuchten serienmäßig sind, muss man sich auf dem Bestellzettel über kleinliche Positionen wie 110 Euro für die Berganfahrhilfe oder 1740 Euro für das empfehlenswerte Magnetic-Ride-Fahrwerk mit einer breiten Spannweite für die Dämpfungseinstellung ärgern. Doch es trifft wohl keine Armen.

Die Käufer des R8 sind nach den Erfahrungen von Produktmanager Jens Meier erstens sehr solvent und zweitens meist männlich. "Trotzdem durfte das Coupé keinesfalls zu einer Macho-Maschine werden", sagt Soppa, der das Auto so entwickelte, dass die Toleranz einer weiblichen Begleitung nicht überstrapazieren wird. Denn gekauft wird das Auto vom Mann, aber die Entscheidung fällt oft genug die Frau, so die Erfahrung bei Audi. Die Marketingleute schätzen sie das Segment zwischen Audi TT und Fahrmaschinen à la Lamborghini auf weltweit lediglich 40.000 Exemplare pro Jahr. Doch die R8-Produktion dieses Jahres ist bereits ausverkauft.

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