Citroën C6 Die Göttin und ihr Erbe

Es ist lange her, dass man sich nach Citroën-Limousinen umdrehte. Doch das wollen die Franzosen nun ändern. Mit dem neuen Flaggschiff C6 finden sie endlich zur alten Avantgarde zurück.

Hamburg - Vor 50 Jahren war für Citroën die Welt noch in Ordnung. Als die Franzosen im Oktober 1955 auf dem Pariser Salon die Tücher von ihrer neuen Oberklasse-Limousine DS zogen, ging ein Raunen durch die Menge. Eine so elegante und zukunftsweisende Konstruktion, so atemberaubend in Design und Technik, hatte niemand erwartet - und von Citroën schon gar nicht.

Entsprechend groß war der Erfolg der Schönheitskönigin auf vier Rädern, deren französisch ausgesprochene Modellbezeichnung "déesse" ihr den Beinahmen "Die Göttin" eingetragen hat. Damals in Paris wurde eine Legende geboren, 20 Jahre und rund 1,5 Millionen Autos später war die Erfolgsgeschichte jedoch vorüber. Natürlich folgten der DS weitere Citroën-Modelle in der Oberklasse, aber dem CX oder dem riesigen XM trauert heute kaum jemand nach.

Lichtbogen am Heck: Wie ein Lavastrom ergießt sich die rote Rückleuchte von der Wurzel der C-Säule entlang der Kofferraumklappe in die Heckansicht.

Lichtbogen am Heck: Wie ein Lavastrom ergießt sich die rote Rückleuchte von der Wurzel der C-Säule entlang der Kofferraumklappe in die Heckansicht.

Neue Sachlichkeit: Die kühne Eleganz der Karosserie fehlt dem Innenraum. Hier dominiert schwarze Sachlichkeit in konventionellem Design.

Neue Sachlichkeit: Die kühne Eleganz der Karosserie fehlt dem Innenraum. Hier dominiert schwarze Sachlichkeit in konventionellem Design.

Kürzel der Sinnlichkeit: Was so technisch klingt, bezeichnet endlich wieder einen großen Citroen, der an die formale Tradition des legendären Modells DS ankünpft.

Kürzel der Sinnlichkeit: Was so technisch klingt, bezeichnet endlich wieder einen großen Citroen, der an die formale Tradition des legendären Modells DS ankünpft.


Citroen C6: Zurück zur Avantgarde
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Jetzt endlich weht wieder der Geist der Göttin durch die Flure der Pariser Hauptverwaltung der Marke. Denn statt ein weiteres Allerweltsmodell in den fast aussichtlosen Kampf gegen 5er BMW, Audi A6 oder Mercedes E-Klasse zu schicken, haben die Franzosen mit viel Mut den C6 auf die Räder gestellt. Der 4,91 Meter lange Viertürer passt - ähnlich wie die DS vor 50 Jahren - in keine der üblichen Schubladen: Er ist weder Limousine, noch Schrägheck, noch Coupé - vereint aber mit Ausnahme von Kombi und Van so ziemlich alle Karosseriekonzepte, die in der gehobenen Mittelklasse angeboten werden.

Vorne trägt der C6 eine lange und sehr glatte Motorhaube, in die wie üblich der reich verchromte Doppelwinkel des Markenlogos als Kühlergrill und zwei große, weit in den Kotflügel ragende Scheinwerfer mit hoch gerückten Blinkern hinein geschnitten wurden. Erst sehr weit hinten steigt die Silhouette dann mit der Frontscheibe flach an, folgt in Bausch und Bogen einem runden Kuppeldach und fällt weit hinter den Rädern auf den kurzen, elegant geschwungenen Stummel, der das Gepäckabteil verschließt.

Als wäre diese Linie nicht schon auffällig genug, wird das Heck noch von riesigen Rückleuchten betont, die aus der C-Säule über den Kofferraum hinab fließen. Einen weiteren Akzent setzt der "adaptive Aerodynamik-Stabilisator" auf dem Kofferraumdeckel, ein kleiner Spoiler also, der bei höheren Geschwindigkeiten aus dem Falz unter der Rückscheibe klappt. Ist das tolles Design? Jedenfalls ist der C6 damit weder zu übersehen noch zu verwechseln.

Solide Handwerkskunst im Innenraum

Solide Handwerkskunst im Innenraum

Bei einem rekordverdächtigen Radstand von 2,90 Metern schafft diese ungewöhnliche Silhouette innen reichlich Platz: Vorn sitzt man auf riesigen Fauteuils fast wie daheim im Wohnzimmer. Und wer für 1300 Euro Aufpreis die "Lounge-Ausstattung" mit den beiden elektrisch verstellbaren Einzelsitzen im Fond bestellt, der reist in der zweiten Reihe sogar noch besser. Nur der Kofferraum ist mit einem Volumen von 421 Litern eher klein, und die schmale Luke erschwert die Beladung.

Der Mut, den die Designer außen bewiesen haben, fehlte ihnen im Innenraum. Vom Esprit einer Marke, die in der Kompaktklasse mit einer feststehenden Nabe für das Lenkrad oder einem eingebauten Parfümspender experimentiert, ist im Flaggschiff nicht viel zu spüren. Stattdessen gibt es solide Handwerkskunst, die sich in ein paar netten Holzeinlagen, feinem Leder, hochwertigen Kunststoffoberflächen und einer augenscheinlich akkuraten Verarbeitung niederschlägt. Der Schlüssel jedoch ist eine Enttäuschung. Er sieht zwar edel aus, doch fühlt er sich so billig an, als hätte ihn Citroën bei Aldi eingekauft.

Zumindest etwas Nonkonformismus haben die Franzosen dann doch in den Innenraum gerettet: Das Kombi-Instrument schrumpfte zu einer Schießscharte hinter dem Lenkrad, auf dem die digitale Skala für die Drehzahl und die numerische Anzeige für die Geschwindigkeit nur mit Mühe zu erkennen sind. Das ist allerdings kein Makel - denn das serienmäßige Head-up-Display präsentiert alle wichtigen Anzeigen direkt im Blickfeld des Fahrers auf der Frontscheibe.

Ebenfalls abseits der Norm sind die vielen Ablagen: Damit sich niemand am sichtbaren Krimskrams stört, sind fast alle Staufächer fein verschlossen. Um sie zu öffnen, genügt - wie in den Türen - ein Knopfdruck, dann gleitet wie von Geisterhand eine große halbrunde Holzscheibe nach unten und gibt einen kleinen Aktenschrank frei.

Bevorzugen Sie "Skyhook" oder "Roadhook"?

Der C6 ist ein Gleiter, konstruiert für die lange Reise. Mit nahezu perfekter Geräuschdämmung und hydroaktivem Fahrwerk schwebt der Wagen flüsterleise und frei von jeder Schwingung durch die Champagne. Dabei kann das Fahrwerk dank adaptiver Dämpfung und variabler Federung auf Knopfdruck seinen Charakter wechseln. Mal hängt der Wagen dann im Modus "Skyhook" buchstäblich am Himmel und bügelt jede Welle aus, und mal klemmt er fest auf der Straße ("Roadhook"), und der Fahrer erhält eine präzisere Rückmeldung. Wem auch das noch zu weich ist, der kann mit einem weiteren Knopfdruck den Sportmodus aktivieren, der bei BMW oder Audi freilich noch immer das Etikett "Komfort" tragen würde.

Zum Start gibt es den C6 mit zwei Sechszylinder-Motoren - einem Benziner mit drei Litern Hubraum und 215 PS (155 kW) und dem 2,7 Liter großen Diesel aus der Kooperation mit Ford, der es auf 208 PS (150 kW) bringt. Obwohl der Selbstzünder 3000 Euro mehr kostet, ist er die bessere Wahl. Der Diesel tritt zwar mit weniger Leistung an, macht dies aber mit 440 Nm Drehmoment und einem viel spontaneren Anzug wieder wett. Dieser Eindruck findet sich auch im Datenblatt wieder. Während der Benziner für den Spurt von 0 auf 100 km/h 9,4 Sekunden braucht, erreicht der ebenfalls mit einer Sechsstufen-Automatik kombinierte Diesel diese Marke bereits nach 8,9 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt für beide Varianten bei 230 km/h, beim Verbrauch ist der stets mit Rußpartikelfilter bestückte Diesel dann wieder um 30 Prozent besser (8,7 Liter je 100 Kilometer).

Präsident Chirac fährt einen C6

Präsident Chirac fährt einen C6

Die Preise für den großen Citroën beginnen bei 42.500 Euro, die Serienausstattung ist ordentlich. Grundsätzlich sind Klimaautomatik, elektrischer Parkbremse und Xenonscheinwerfen an Bord; ESP, aktive Kopfstützen und neun Airbags sorgen für Sicherheit. Und weil die Motorhaube bei einer Kollision um fast sieben Zentimeter angehoben wird, müssen sich auch Fußgänger nicht vor dem Luxusliner fürchten. Gegen Aufpreis gibt es unter anderem Kurvenlicht oder Spurführungsassistenten, der den Sitz vibrieren lässt, wenn man ohne Blinker die Fahrbahnmarkierung quert. Außerdem sind Lederpolster, Navigation und allerlei andere Extras verfügbar. Was komplett fehlt, ist ein schlüsselloses Zugangssystem, das andere Wettbewerber selbst in Kleinwagen anbieten.

Nach mehr als fünf Jahren Pause in diesem Segment hat sich Citroën mit dem C6 keine allzu hohen Ziele gesetzt. 100 Exemplare werden im Werk in Rennes pro Tag gebaut, die Franzosen wären die mit einem Jahresabsatz von 20.000 Modellen schon zufrieden. Dabei komme dem deutschen Markt eine tragende Rolle zu, sagt Citroën-Sprecher Thomas Albrecht, der nach der Markteinführung im nächsten Februar mit 5000 Zulassungen im Restjahr rechnet. Das klingt ambitioniert, doch vom XM verkaufte Citroën in guten Jahren deutlich mehr. "Mit insgesamt 42.000 XM und 110.000 CX haben wir in Deutschland durchaus Spuren in diesem Segment hinterlassen", sagt Albrecht.

Obwohl das Auto auch in Frankreich noch gar nicht auf dem Markt ist, hat Citroën einen wichtigen Kunden schon gewonnen: Pünktlich zum Nationalfeiertag am 14. Juli hat Staatspräsident Chirac seinen Peugeot 607 gegen einen C6 getauscht. Chirac ist damit für die Nummer drei unter den französischen Herstellern nicht nur prominenter Werbeträger, sondern auch erfolgreicher Türöffner. Diesen Joker hat Citroën jetzt für die Pressevorstellung in Paris gezogen, die in einer Abendgala im Invaliden-Dom gipfelte. Die Verwaltung des Prunkbaus hat kommerzielle Events bis dato immer abgelehnt und beschied der Autoindustrie, sie müsse schon den Wagen des Präsidenten enthüllen, um in den Ehrensaal zu kommen. Citroën ist das nun gelungen.

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