Fahrertraining Bremsschlag und Fluchtwende

Das zweitägige Cheffahrertraining von Volkswagen bietet reichlich Action. Doch auch die Sensibilisierung für die Gefahren jenseits der Fahrphysik kommt nicht zu kurz. manager-magazin.de war bei der "Phaeton Experience" dabei.
Von Arne Stuhr

Ehra-Lessien - "Bremsen, jetzt brems' doch endlich", dröhnt die Stimme des Instruktors aus dem Walkie-Talkie. Doch egal, wie stark der Fahrer das Bremspedal auch durchdrückt, der fast zweieinhalb Tonnen schwere VW Phaeton schießt scheinbar ohne an Geschwindigkeit zu verlieren über das bewässerte Testgelände. Erst einige hundert Meter weiter kommt der Zehnzylinder zum Stehen.

So ergeht es heute allen Teilnehmern beim Volkswagen-Cheffahrertraining, denn was trotz intensiver Begutachtung wie eine scheinbar griffige Fahrbahn aussah, entpuppt sich bei einer Vollbremsung mit 100 Stundenkilometern als die Simulation einer festgefahrenen Schneedecke. Die gespielte Empörung des Trainers tut ihr Übriges. Nur dank ABS und ESP wurde ein Schleudern und Ausbrechen des Fahrzeuges verhindert.

Als die sichtlich beeindruckten Berufsfahrer bei einer der nächsten Übungen - einem Ausweichmanöver mit durchgetretener Bremse - bei Erreichen der vorgesehenen Geschwindigkeit von 70 Stundenkilometern den Motor abstellen, wird klar, wie einem heutzutage die zahlreichen elektronischen Helfer zur Seite stehen. Es gibt angenehmere Erfahrungen, als sich mit einem Auto um die eigene Achse zu drehen.

"Bei Mercedes waren die mit ihren Autos kleinlicher"

Auf die Fahrzeuge müssen die von Banken, Versicherungen und Staatsunternehmen zum Profi-Training entsandten Chauffeure keine Rücksicht nehmen. Immer wieder quietschen die Reifen der 313 PS (V10 TDI) und 335 PS (V8 Benziner) starken Allradboliden. "Bei Mercedes waren die mit ihren Autos kleinlicher", berichtet einer der Teilnehmer, bevor er "seinen" Phaeton in unter sieben Sekunden auf 100 Sachen beschleunigt, um dann per Bremsschlag dem Spiel der Kräfte ein jähes Ende zu setzen. Der Scherz, dass VW es sich ja auch leisten könne, die sich eh nur schleppend verkaufenden Phaetons (zuletzt 220 Stück im Monat) gleich selbst zu verheizen, macht im Kreis der Fahrer nur kurz die Runde.

Verwechslungsgefahr: Selbst der Konzernchef hat Schwierigkeiten

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Foto: Arne Stuhr
Edles Interieur: Die Automatik ermöglicht auch sportliches Fahren

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Foto: Arne Stuhr
Doppeltes Lottchen: Kurze Verschnaufpause für Fahrer und Wagen

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Foto: Arne Stuhr
Im Rückwärtsgang: Spiegel- oder Schulterblick, das ist hier die Frage

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Foto: Arne Stuhr
Wasserspiele: Bremsen macht Beine und Reifen schlapp

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Foto: Arne Stuhr
Kampf den Liegesitzen: Der Trainer zeigt die beste Sitzposition

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Foto: Arne Stuhr
Nase runter, Hintern hoch: Vollbremsung mit dem Phaeton

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Foto: Arne Stuhr
Auch privat Phaeton-Fahrer: Ex-"Autobahnpolizist" Marc Keller

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Foto: Arne Stuhr
Rückwärtsgang, und tschüss: Dem Schurken keine Chance

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Foto: Arne Stuhr

Angriff mit gezogener Waffe


Und Dean Martin singt dazu ...
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Außerdem geht es ohne Pause zur nächsten Station auf dem riesigen, nördlich von Wolfsburg gelegenen Testgelände, das mit Straßen von insgesamt 100 Kilometer Länge alle nur erdenklichen Tests ermöglicht. Die Teilnehmer des Cheffahrertrainings bekommen Serpentinen, Schlammdurchfahrten, Holperpisten und Steilkurven aber lediglich per Video zu sehen. Nur manchmal ist durch den die 500 mal 500 Meter große topfebene "Dynamikfläche" umgebenden Wald für wenige Sekunden ein Testfahrzeug zu erhaschen.



Angriff mit gezogener Waffe

Die Jagd auf Erlkönige haben die Teilnehmer aber sowieso nicht im Sinn. Vielmehr sollen sie in der nächsten Übung selbst einem Angriff ausweichen - und zwar rückwärts. Eine Aufgabe wie gemacht für Marc Keller. Immer wieder beschleunigt der einst als Dean-Martin-Imitator von Rudi Carell entdeckte Schauspieler, der bis vor einigen Jahren in der RTL-Serie "Alarm für Cobra 11" als Autobahnpolizist im Einsatz war, den Phaeton im Rückwärtsgang auf 50 Stundenkilometer, kuppelt aus, reißt das Lenkrad herum, fängt den Wagen nach einer 180-Grad-Drehung ab, legt einen Gang ein und gibt Vollgas. Keller, der auch privat einen Phaeton fährt und daher am Training teilnimmt, hat sichtlich Spaß dabei und gibt später als Beifahrer den einen oder anderen Song zum besten.

"Die Fluchtwende wird heute zwar nicht mehr überall geübt, gehört aber sicherlich zu den besten Möglichkeiten, sich so schnell wie möglich von einer Gefahrensituation zu entfernen", so Klaus Hoffmann. Bevor er vor einigen Jahren zur Werksicherheit von Volkswagen wechselte, war er 16 Jahre lang beim Personenschutz der Kriminalpolizei und erlebte dort die Realität hautnah. Um den Stress für den jeweiligen Fahrer zu erhöhen, rennt Hoffmann zum Beispiel plötzlich mit einer gezogenen Waffe auf das Fahrzeug zu oder klopft lediglich mit der Hand zweimal kräftig auf die Motorhaube. Eine kurze Ablenkung reicht, und schon rasiert ein Phaeton eine ganze Reihe als Hindernis aufgestellter Pylonen.

Immer mit verschlossenen Türen fahren

Damit seine Schüler aber erst gar nicht in eine brenzlige Situation kommen, gibt Ex-Kripomann Hoffmann ihnen auch reichlich theoretisches Wissen mit auf den Weg. Wie lebenswichtig der auf den ersten Blick banale Tipp, immer mit verschlossenen Türen zu fahren, sein kann, verdeutlicht er dabei zum Beispiel mit belgischen Polizeivideos. Diese zeigen Überfälle sehr gewaltbereiter Täter, die sich darauf spezialisiert haben, an Ampeln haltende Fahrzeuge auszurauben. Aber auch das Aufspüren von Manipulationen am Dienstfahrzeug, Verhaltensregeln beim Fahren in einer Kolonne oder die Tricks so genannter Car-Napper stehen auf dem Lehrplan.

Hinzu kommt eine Übung, auf die einige Teilnehmer mit dem Hinweis, diese Erfahrung schon bei anderen Herstellern gemacht zu haben, dankend verzichten. In einem so genannten Rettungssimulator wird ein VW Passat samt Fahrer auf den Kopf gestellt. Dieser muss dann unter Anleitung versuchen, den Sicherheitsgurt vorsichtig zu lösen und sich so aus dem Fahrzeug befreien, dass er sich im Notfall nicht das Genick brechen würde. Selbst erfahrenen Cheffahrern ist die Erleichterung darüber anzumerken, nach wenigen Sekunden aus der beklemmenden Situation wieder erlöst zu werden.

Im Wettlauf gegen die Stoppuhr

In erster Linie sind die Fahrer aber nach Ehra-Lessien gekommen, um ihre Fahrkünste zu verbessern. Und dazu haben sie auch reichlich Gelegenheit. Dabei wird kein Teilnehmer gezwungen, ein aus seiner Sicht zu hohes Risiko einzugehen. "Dennoch sollen die Fahrer natürlich die Chance nutzen, die Grenzen der Physik zu erfahren", so Cheftrainer Hoffmann. Das langsame Herantasten ist vor allem bei der Übung "schneller Spurwechsel" zu beobachten. Durchfahren die Teilnehmer die Simulation eines Ausweichmanövers auf der Autobahn zunächst nur mit mäßiger Geschwindigkeit, ist wenige Minuten später der zur Stabilisierung des Fahrzeugs nötige zusätzliche Gasstoß auch bei Geschwindigkeiten jenseits der 100 Stundenkilometer allen Fahrern in Fleisch und Blut übergegangen.

Abschluss und Höhepunkt des Trainings, das von allen Teilnehmern in den höchsten Tönen gelobt wurde, ist ein Parcours, in dem die Fahrer noch einmal im Wettlauf gegen die Stoppuhr alle gelernten Übungen am Stück absolvieren müssen. Jeder fallende Pylon bedeutet dabei (nur) fünf Strafsekunden. Einen Tipp gibt VW-Mann Hoffmann daher allen Chauffeuren noch mit auf den Heimweg: "Wenn ihr draußen etwas Rot-weißes seht, handelt es sich um eine Baustelle."

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