Sonntag, 17. November 2019

Wiesmann Roadster "Die Konzerne haben sich totgelacht"

Wie macht man ohne Werbegeld einen exklusiven Roadster bekannt? Friedhelm Wiesmann parkte den selbstgebauten Boliden vor einem Nobelhotel und wartete auf neugierige Tennis-Prominenz. Das Kalkül ging auf, inzwischen fertigt Wiesmann in Serie. Im Interview erzählt er die Geschichte seines modernen Klassikers.

mm.de:

Herr Wiesmann, Sie und Ihr Bruder besitzen nicht nur einen exklusiven Roadster, Sie haben ihn selbst konstruiert und fertigen ihn in Kleinserie. Wie ist es dazu gekommen?

Wiesmann: 1984 trugen sich mein Bruder Martin und ich mit dem Gedanken, uns beruflich zu verändern. Unsere Eltern hatten ein Autohaus - aber dort einzusteigen war uns zu banal. Wie jedes Jahr sind wir zur Essener Motorshow gefahren und haben uns die Kleinseriensportwagen und die Oldtimer-Repliken angesehen. Wir waren entsetzt über die Bastelqualität vieler Autos aus Italien und England: Antiquierte Technik, schludrige Verarbeitung. Da sagten wir uns: Mein Gott, das muss besser gehen.

 In memoriam E-Type: Bei der Wiesmann-Front schimmern alte Jaguar-Modelle durch  Symboltracht: Wie der Gecko an den Baum, so spreizt sich der Wiesmann auf die Straße  Extremist: Der MF 3 wiegt kaum 1200 Kilo und fährt in der Spitze 255 Stundenkilometer
 Bella macchina: Der BMW 6-Zylinder-Motor holt aus 3246 Kubikzentimeter Hubraum 343 PS  Fiat lux: Am Lenkrad sind nur die Kontrollleuchten platziert  Detailfinesse: Der polierte Tankdeckel

Showroom "Wiesmann Roadster":
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mm.de: Das denken viele. Es ist aber nicht für jeden ein Grund, tatsächlich selbst zur Blechschere zu greifen.

Wiesmann: Wir wollten solch ein Auto zunächst für uns bauen. Das hat rund vier Jahre gedauert. Danach standen wir vor der Entscheidung: Ziehen wir das professionell auf oder bleibt es beim Unikat.

Bis dahin hatte das Projekt so viel Geld verschlungen, dass uns kaum etwas anderes übrig blieb als die Serienproduktion. Wir brauchten aber ein anderes Standbein, eine Geschäftsidee, mit der wir das Geld hereinholen, das in Prototypen und Entwicklung fließt. So kommt es, dass wir Hardtops für Cabrios aufgelegt haben, damals eine echte Marktlücke. Ohne die aufsetzbaren Dächer wäre aus dem Wiesmann Roadster nie etwas geworden: Die Entwicklung zog sich noch bis 1993 hin.

mm.de: Woher hatten Sie das Know-how?

Wiesmann: Ehrlich gesagt: In vielen Bereichen hatten wir gar keins. Der Wiesmann ist nie gezeichnet worden - das kann bei uns keiner. Wir haben die Karosserieform aus Ton und Spachtelmaterial modelliert, erst im kleinen, dann im 1:1-Modell. Mein Bruder brachte als Diplomingenieur einiges an Vorwissen mit, zum Beispiel was die Statik eines Karosserierahmens angeht. In anderen Bereichen, wie etwa Kunststoff- oder Lederarbeiten, haben wir bei Null angefangen.

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