Mercedes-Benz S 600 Auto mit Reflexen

Im automobilen Oberhaus geht's zurzeit hoch her. Immer mehr Hersteller drängeln sich inzwischen in der Eingangshalle. Hausherr Mercedes kann da nicht länger tatenlos zusehen. Mit einer überarbeiteten S-Klasse wollen die Stuttgarter die alte Ordnung wieder herstellen.
Von Frank Wald

Seit seiner Premiere vor vier Jahren ist das Stuttgarter Topmodell auf allen Märkten der Welt die unangefochtene Nummer eins. Über 300.000 Autos haben die Schwaben inzwischen verkauft. Hinzu kommen noch einmal rund 30.000 Exemplare der Coupé-Version CL.

Doch die Konkurrenz wächst. Volkswagen debütiert mit dem Phaeton, BMW rüstet den 7er mit neuer Dieselpower aus, Audi pressiert mit einen gestärkten A8, und auch Lexus drängt mit dem LS 430, Jaguar mit der Ankündigung einer neuen XJ-Limousine und sogar Bentley mit einem GT-Coupé ins kleine, aber prestige- und profitträchtige Luxussegment.

Deshalb spielen die Schwaben mit der Überarbeitung der S-Klasse einen Trumpf aus, den die Emporkömmlinge (noch) nicht stechen können: ein neuer Zwölfzylinder-Biturbomotor mit 500 PS (368 kW) und dem sagenhaften Drehmoment von 800 Newtonmeter. Schon auf dem Papier flößen die Fahrleistungen des neuen S-Klasse-Topmodells Respekt ein: von null auf hundert in 4,8 Sekunden, Zwischenspurts von 60 auf 120 km/h in 5,2 Sekunden.

Die Höchstgeschwindigkeit liegt irgendwo jenseits der 300 km/h, wird aber bei 250 km/h elektronisch begrenzt, was auch besser ist. Denn auf der Straße werden aus den nackten Zahlen: katapultartiger Antritt, Kraft in jeder Situation und ohne erkennbares Ende sowie ein permanentes Bauchkribbeln, sobald der Gasfuß zu schnell gedrückt wird. Der gewaltige Durchzug setzt schon bei 1800 Touren ein und lässt vergessen, dass der S 600, der nur in der 5,16 Meter Langversion zu haben ist, immerhin über zwei Tonnen (2135 Kg) auf die Waage bringt.

Doch es geht auch gemächlicher. Beispielsweise mit den Einstiegsmodellen S 320 CDI oder S 350. Beide Sechszylinder wurden überarbeitet. Der Common-Rail-Diesel leistet jetzt 150 kW / 204 PS und erreicht wie der neue Münchener Konkurrent, 500 Newtonmeter Drehmoment. Der Hubraum des V6-Benziners wurde auf 3,7 Liter erweitert, wodurch die Leistung auf 180 kW / 245 PS und das Drehmoment auf 350 Newtonmeter stieg. Die drei Achtzylinder-Modelle S 430 und S 500 sowie die Dieselvariante S 400 CDI komplettieren das Motorenprogramm. Alle Modelle, mit Ausnahme des S 600, sind auf allgemeinen Kundenwunsch nun auch gegen Aufpreis mit dem permanenten Allradantrieb "4Matic" zu haben.

Neues Sichherheitssystem erkennt Unfälle im Voraus

Doch nicht nur in punkto Leistung, auch in Sachen Sicherheit will Mercedes mit der S-Klasse neue Maßstäbe setzen. Die "neue Ära der Mercedes-Sicherheitstechnik" heißt: "Pre-Safe", ein System, das einen Unfall im Voraus erkennt. Nach den Erkenntnissen der Mercedes-Unfallforschung kündigen sich zwei Drittel aller Verkehrsunfälle durch kritische Fahrsituationen - Schleudern, Vollbremsungen oder plötzliches Ausweichen - an, die bereits Rückschlüsse auf drohende Kollisionen erlauben. Durch Einsatz des Bremsassistenten und des elektronischen Fahrstabilisator ESP erkennt das Pre-Safe-System die Gefahr und nutzt diese Zeit um Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Dazu gehören das Straffen der Gurte, eine bessere Positionierung des Beifahrersitzes und der Einzelsitze im Fond sowie bei drohendem Überschlag das Schließen des Schiebedachs.

Damit wird die S-Klasse "ein Auto mit Reflexen". Gerade so wie jedes Lebewesen bei Gefahr reflexartig reagiert und Schutz sucht. Geht die Situation glimpflich ab, fährt das System in seine Ausgangsposition zurück und ist sofort wieder einsatzbereit. Die Ingenieure in Sindelfingen arbeiten bereits an weiteren Komponenten, die am Ende auch individuelle Faktoren wie Größe, Gewicht und Alter der Passagiere in die Vorsichtsmaßnahmen einbeziehen sollen. Dazu gehört schon jetzt so genannte Up-Front-Sensoren die den Beifahrer-Airbag je nach Schwere der zu erwartenden Kollision steuert sowie eine Spezialfolie im Sitzpolster, die das Gewicht des Mitfahrers berücksichtigt und den rechten Frontairbag differenziert auslöst.

Kaum angetastet haben die Schwaben hingegen die äußere und innere Erscheinung - abgesehen davon, dass alles noch einen Tick eleganter und komfortabler wurde. Von außen ist die S-Klasse des Modelljahrgangs 2003 nur an den neu geformten unteren Lufteinlässen, den funkelnden Reflektorflächen unter den Klarglas-Scheinwerfern und der modifizierten Rücklicht-Grafik zu erkennen. Im Innenraum herrschen nach wie vor fürstliche Platzverhältnisse, neues Sitzpolster auf Wunsch auch mit Massage- und Lüftungsfunktion sowie reichlich Leder und Holz sorgen für Wohlfühl-Ambiente.

Der aus der E-Klasse bekannte Multikontursitz, der in Kurven die rechte oder linke Körperhälfte durch blitzschnelles Aufpusten der Luftkammern abstützt, ist jetzt auch in der S-Klasse gegen Aufpreis zu haben. Serienmäßig an Bord ist außerdem das zentrale Bedien- und Anzeigesystem Command mit größerem Farbdisplay. Vorausgesetzt natürlich, man zahlt zuvor den S-Klasse Eintrittspreis von 58.870 Euro für den S 320 CDI. Wer 126.556 für das Topmodell S 600 hinlegt, bekommt neben anderen Goodies auch noch das Navigationssystem ab Werk dazu.

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