F 400 Carving Schwäbisches Spaßmobil

Wer das nicht gesehen hat, glaubt es nicht: ein Auto, das in der Kurve die Räder zur Seite knickt und bei Vollbremsung sogar "alle Viere" von sich streckt. "F 400 Carving" heißt das seltsame Gefährt, DaimlerChrysler hat es gebaut und auf einem streng bewachten Versuchsgelände erstmals vorgestellt.
Von Frank Wald

Für Erlkönig-Fotografen ist das IDIADA-Areal knapp 130 Kilometer südlich von Barcelona ein Paradies. Denn auf dem spanischen Versuchsgelände testen viele namhafte Automobilhersteller ihre geheimen Prototypen. Ohne Ausweis, schriftlicher Geheimhaltungserklärung sowie zeitweiser Beschlagnahme sämtlicher Bild- und Tonaufnahmegeräte, kommt hier keiner rein.

Patent von der Skipiste

Auto-Paparazzi waren am vergangenen Wochenende nicht zu sehen, dafür eine Handvoll neugieriger Journalisten, denen DaimlerChrysler das erste (und vermutlich auch das einzige) Mal erlaubte, ihr neuestes Technik-Kunststück zu erfahren: den F 400 Carving. Der aufregend gestylte Roadster verblüffte auf der Tokio Motor Show im Oktober vergangenen Jahres die Fachwelt durch seine völlig neuartige Fahrwerkstechnik.

Der Name "Carving" deutet an, was sich hinter dem Versuchsträger verbirgt: Bei Kurvenfahrten verhalten sich die beiden äußeren Räder so wie die "Carver" auf den Skipisten, um ein Höchstmaß an Tempo und Dynamik zu erreichen. Mittels computergesteuertem System neigen sie sich bis zu 20 Prozent zur Seite. Die Reifen an der Kurveninnenseite ebenso wie die Karosserie bleiben dabei in Normalposition.

Der filmreife Trick nennt sich "aktive Sturzwinkelverstellung" und ermöglicht im Vergleich zu konventionellen Pkw-Fahrwerken bis zu 30 Prozent höhere Seitenführungskräfte und ebenso größere Querbeschleunigungswerte. In der Praxis heißt das, der Roadster geht so flott und sicher wie zurzeit kein anderer Sportwagen um die Ecken.

Warum das Auto "in die Knie geht"

Am Lenkrad ist davon nur wenig zu spüren. Außer vielleicht, dass man nie das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Slalom-Parcours oder enge Kreisbahnen durcheilt der Wagen in bisher ungekanntem Tempo. Selbst wenn die Kurve mal zu schnell angefahren wurde oder ein plötzliches Ausweichmanöver ansteht - der F 400 Carving bleibt sicher in der Spur.

Quasi "in die Knie" geht der Wagen schließlich bei einer Vollbremsung, wenn er blitzschnell alle vier Räder von sich streckt. Gerade so, als ob ein riesiger Daumen ihn auf den Asphalt drücken würde. Der "Showeffekt" sorgt nicht nur für Heiterkeit bei den Umstehenden, sondern auch für einen rund fünf Meter kürzeren Bremsweg aus 100 km/h.

Maßgeblich beteiligt an diesen Kunststücken sind die asymmetrischen Reifen, die die Vorteile eines Pkw-Pneus mit denen eines Motorradreifens verbinden. Jeder Reifen besitzt zwei verschiedene Profile, Gummimischungen und Konturen.

Forschungslabor auf "Saug-Reifen"

Rollendes Forschungslabor auf "Saug-Reifen"

Die äußere Reifenschulter hat ein hartes Pkw-Profil für den normalen Geradeauslauf, die Innenseite, die nur bei Kurvenfahrten mit der Fahrbahn in Kontakt kommt, ist dagegen weich und abgerundet wie bei einem Motorrad, um eine bessere Bodenhaftung zu erzielen - so saugen sich die Reifen sozusagen in Kurvenfahrten an der Fahrbahn fest. Damit trotz des größeren Radsturzes die Aufstandsfläche des Reifens ausreichend bleibt, haben auch die Felgen zwei unterschiedliche Durchmesser: 17 Zoll an der Innenseite und 19 Zoll an der Außenseite.

Dennoch ist der F 400 Carving für die Stuttgarter Ingenieure kein reines Spaßmobil, sondern ein "rollendes Forschungslabor". Neben der aktiven Sturzverstellung wurde hier jede Menge neue Technologie verbaut. Allen voran die neuesten "Drive-by-Wire"-Systeme. Mechanische Verbindungen wie die Lenksäule mit ihren Spindeln und Gelenken oder das Gestänge zwischen Bremspedal und Bremskraftverstärker gibt es im F 400 Carving nicht.

An ihre Stelle treten Kabel, die die Lenk- oder Bremsbefehle ausschließlich elektronisch übertragen. Gleiches gilt beim so genannten "Shift-by-Wire" für das Getriebe. Neu ist ebenfalls das Scheinwerfersystem, bei dem DaimlerChrysler erstmals die moderne Glasfasertechnik nutzt, um das Licht der Xenon-Lampen zu übertragen.

Kunststoffkarosserie aus dem Formel-1-Sport

Diese Lichtleiter bestehen aus mehren tausend einzelnen Glasfasern und ermöglicht eine räumliche Trennung von der Lichtquelle und dem eigentlichen Scheinwerfer. Ein Vorteil, der vor allem den Designern freie Hand bei der Gestaltung gab.

Denn ebenso wie die Techniker, durften sich auch die Formgeber beim F 400 Carving austoben. Die dynamisch gestylte Karosserie besteht aus extrem leichtem, kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff, wie es auch bei den Formel-1-Rennwagen verwendet wird. An die McLaren-Mercedes-Boliden erinnert auch die Front mit der pfeilförmigen Bugspitze. Durch die flügelähnlichen Konturen in der Seitenansicht bekommt der Zweisitzer eine sehr dynamische Linie. Kleinere Flügelprofile vor und hinter den Rädern verstärken diesen Effekt noch einmal.

Dazu passend geben zwei Flügeltüren, die ähnlich wie im Mercedes-Supersportwagen SLR im 60-Grad-Winkel nach oben schwenken, den Innenraum frei. Der wirkt sehr puristisch, wenn auch hier modernste Technik dahinter steckt.

Wetterfeste Sitze, Hebel wie im Jumbo-Cockpit

Eine Windschutzscheibe gibt es nicht, dafür Handschuhe, Brille und Fliegermütze. An ein Flugzeug-Cockpit erinnern auch die Schalter und Hebel für Handbremse, Heizung und Lüftung. Die Sitze bestehen aus Carbon, die wind- und wetterfesten Bezüge aus wasserabweisendem Material. Ein Dach gibt es für den F 400 Carving nicht. Und wird es auch nicht geben.

Denn für die DaimlerChrysler-Forscher ist mit dem Bau dieses Prototypen das Projekt F 400 Carving abgeschlossen. Auf die Frage, wo und wann es in die Serie geht, hüllen sich die Forscher in Schweigen. Wahrscheinlich ist, dass sich einzelne Systeme in kommenden Mercedes-, Chrysler- oder Mitsubishi-Modellen wieder finden. Der Trick mit den abknickenden Rädern würde aber auch zu "Men in Black III" passen.

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