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Zwei Zeitforscher erklären den Takt unseres Lebens Ticken wir eigentlich noch ganz richtig?

Von Denise Du Rieux

Frage: Herr Geißler, Sie tragen keine Uhr, stimmt das?

Karlheinz Geißler: Ja, das stimmt. Ich habe auch früher keine Uhr getragen. Uhren muss man ertragen, nicht tragen.

Frage: Trotzdem haben wir uns für dieses Interview zu einer bestimmten Zeit verabredet. Wie machen Sie das?

Karlheinz Geißler: Das fragen viele. Aber das fragen sie, weil sie die Zeit mit der Uhr verwechseln. Aber ich bin ein sehr präziser Mensch, was den Umgang mit Zeit betrifft. Ich muss nur dazu keine Uhr tragen. Ich richte mich nach der Zeit, aber nicht nach der Uhr. Zudem hat sich die UHRzeit überholt, sie hat sich sozusagen selbst erfolgreich überlebt.

Frage: Dennoch schreiben Sie in Ihrem Buch "Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine", dass die Uhr als Erfindung den Menschen sehr viel mobiler und wohlhabender gemacht hat …

Karlheinz Geißler: Die Uhr hat es überhaupt ermöglicht, dass Zeit in Geld verrechnet werden konnte, weil sie die Zeit abstrahiert. Sie transformiert Raum in Zeit und entqualifiziert damit die Zeit. Sie löst sie von Natur- oder Körpersignalen und macht sie zu leerer Zeit. Diese Leere kann mit einer neuen Wertigkeit besetzt werden, und das ist Geld. Deshalb lässt es die Uhr zu, die (Uhr-)Zeit in Geld zu verrechnen. Das ist quasi das Startsignal für den Kapitalismus, der die Uhr zur Voraussetzung hat. Die Uhr entrhythmisiert die Zeit und vertaktet sie.

Vertaktete Zeit lässt sich beschleunigen. Und genau das ist geschehen - bis hin zur Lichtgeschwindigkeit, die nicht mehr schneller gemacht werden kann. Deshalb wird heute nicht mehr über Schnelligkeit, sondern über Zeitverdichtung beschleunigt. Damit einher geht ein Wechsel von der Starrheit zur Flexibilität. Der Takt der Uhr und die Uhr als Ordnungsprinzip verlieren an Einfluss. Das Mobiltelefon übernimmt die Funktion der Zeitkoordination.

Frage: Wenn es darum geht, Zeit konstruktiv und produktiv zu nutzen, glauben Sie, dass es eine Art der "inneren Zeit" gibt, nach der wir uns richten müssen?

Karlheinz Geißler: In jenem Moment, in dem wir die Uhr ablegen, haben wir wieder die Möglichkeit, die eigenen Zeitimpulse, und das heißt uns selbst, wahrzunehmen. Denn Zeit ist ja nichts anderes als Leben, das heißt, man ist selbst die Zeit. Die menschliche Zeitnatur ist rhythmisch organisiert, und diesen Rhythmus müssen wir wieder lernen, da wir ihn allzu oft dem Takt geopfert haben.

Jonas Geißler: Es geht darum, die Zeitsignale nicht auf der Uhr zu suchen, sondern in sich selbst. Der eigene Rhythmus und der soziale Rhythmus der Umwelt sollte bei der eigenen Zeitorganisation mitbeachtet werden. Diese Kompetenzen kann man tatsächlich trainieren. Hierzu gehört neben einem bewussteren Umgang mit der Zeit auch die Zeitvielfalt. Zeitvielfalt heißt, dass verschiedene Zeitformen gelebt werden - nicht immer schnelle und aktive Zeiten, sondern auch langsame.

Langsamkeit hat eine hohe Qualität und kann auch im Sinne der Produktivität interessant sein: Pausen, Anfänge, Abschlüsse, Reflexionszeiten, ja auch die Langeweile, all das sind hoch produktive Zeitformen, deren Qualität darin liegt, dass sie nicht beliebig beschleunigt werden können. Die großen Innovationen und Ideen fallen einem nicht unbedingt zwischen 15 Telefonaten ein, sondern unter der Dusche, beim Spaziergang mit dem Hund, beim Joggen, kurz vorm Einschlafen im Bett, auf der Toilette. Man muss sich also von dem Mantra verabschieden, dass Zeitknappheit Funktionalität und automatisch Erfolg bedeutet. Die wesentlichen Dinge des Lebens - und auch des Erwerbslebens - lassen sich übrigens gar nicht beliebig beschleunigen: Vertrauen, tragfähige Beziehungen, Liebe, Genuss, Innovationsgeist, Lernen etc.

"Zeit ist eine Vorstellung. Sie können sich Zeit als Linie oder auch als Kreis vorstellen"

Frage: Zeit ist ja auch durch ihre Unumkehrbarkeit definiert. Kann ein vermehrtes Bewusstsein für diese Endlichkeit belastend sein?

Karlheinz Geißler: Zeit ist eine Vorstellung. Sie können sich Zeit als Linie oder auch als Kreis vorstellen. Der Tod ist das Ende der individuellen Zeit, nicht aber das Ende der Zeit. Die Zeit überlebt den Menschen. Beerdigt wird der Mensch, nicht die Zeit. Naturnahe Völker denken zum Beispiel in Generationen. Wenn wir in sozialen Zusammenhängen denken, ist Zeit etwas, das die Menschen nicht verlässt. Der Zeitpfeil, wie ihn die Physiker lieben, ist auch nur eine Denkweise.

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Jonas Geißler: Die Physik unterstreicht diese Sichtweise und gibt der Zeit eine Richtung. Die Tasse, die vom Tisch fällt und kaputt ist, setzt sich nicht mehr von selbst zusammen. Entropie ist hier das Stichwort. Aber das ist nur eine von vielen Perspektiven auf die Zeit. Für das Alltagsleben viel relevanter ist der schon erwähnte eigene Rhythmus und die kulturelle bzw. soziale Zeitdimension. Erwartungen und Erwartungs-Erwartungen an das eigene Verhalten, an Entscheidungsmuster, an Regeln des allgegenwärtigen Zeit-Spiels, prägen unseren Umgang mit Zeit und vor allem die Spannungen, die wir darin erleben. Unser Job ist es, Reflexionszeiträume zu gestalten und gemeinsam mit unseren Kunden durch die zeitliche Brille hindurch auf die eigene Situation zu blicken. Das Thema der eigenen Endlichkeit wird dort auch immer mal wieder aktuell, weil es die eigene Zeitwahrnehmung und das Verhalten im Jetzt beeinflusst. Tatsächlich ist die Frage, ob man sich die eigene Endlichkeit bewusst machen sollte und inwieweit sie belastend sein kann, eine Frage, die sich nicht mit einer eindeutigen Antwort versehen lässt.

Karlheinz Geißler: Entscheiden wir über Zeit, haben wir seit der Erfindung der Uhr (vor 700 Jahren) immer die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Richte ich mich nach der Uhrzeit, oder richte ich mich an meiner eigenen Zeitnatur aus.

Frage: Haben wir tatsächlich die Option, zwischen beiden zu wählen?

Karlheinz Geißler: Die haben Sie! Die Frage ist nur, welche Folgen sich ergeben und ob Sie diese akzeptieren möchten. Doch die Option haben Sie erst mal.

Jonas Geißler: Also: Sind wir Opfer oder Täter? Tatsächlich sind wir immer beides, Opfer der zeitlichen Umstände, des Chefs, des Systems. Aber auch immer Täter der eigenen Zeitwahrnehmung und Zeitgestaltung. Teil meiner Arbeit ist es oft, aus Opfern Täter zu machen - im zeitlichen Sinne, versteht sich. Wir haben oft mehr Gestaltungspotenzial, als wir annehmen. Der Spruch "Leiden ist leichter als lösen" trifft oftmals im Umgang mit der Zeit zu, und es ist erstaunlich, wie viel Leid viele Menschen gewillt sind auf sich zu nehmen, bloß um den Status quo beizubehalten. Häufig sind es dann Schicksalsschläge wie Verluste, Nahtoderlebnisse, Unfälle, Krankheit, die einen Perspektivenwandel und Veränderung bringen. Hier einen Perspektivwechsel ohne solche einschneidenden Ereignisse hinzubekommen, ist mitunter Teil unserer Arbeit.

"Was hat man vom Leben im Jetzt, wenn man es gedanklich dauernd mit der eigenen Endlichkeit füllt?"

Frage: Glauben Sie, derartige Erkenntnisse erfordern auch eine gewisse Reife, diesen Paradigmenwechsel konsequent zu beschließen?

Jonas Geißler: Ich kenne junge Leute, die diesbezüglich sehr klar sind; und ich kenne alte Leute, die diesbezüglich sehr unklar sind. Tatsächlich sind es aber schon Fragen von Erwachsenen. Kinder haben eine andere Sicht auf Zeit, zu der viele Erwachsene wieder hinwollen, nämlich eine sehr konkrete - Kinder haben die Fähigkeit, Jetzt-Erfahrungen sehr unmittelbar zu leben.

Karlheinz Geißler: Kinder leben nicht im Bewusstsein ihrer Endlichkeit. Über Endlichkeit und über Zeit kann man nur abstrakt reden. Und zur Abstraktionsfähigkeit braucht es eine geistige Entwicklungsstufe. Fähig zur Abstraktion sind Kinder erst mit etwa sechs bis sieben Jahren. Deswegen können sie ja auch erst mit sechs Jahren die Uhr lesen und werden deshalb mit sechs Jahren eingeschult.

Frage: Meinen Sie mit Abstraktion die Metaebene, die es womöglich zu umgehen gilt bzw. die auszublenden ist?

Jonas Geißler: Was hat man vom Leben im Jetzt, wenn man es gedanklich dauernd mit der eigenen Endlichkeit füllt? Was fördert das? Was hindert das? Ich denke, es behindert eben jene puren Jetzt-Erfahrungen, die reine Sinneswahrnehmung. Gleichzeitig erlebe ich, dass im bewussten Spiegel der eigenen Endlichkeit einem auch viele Gedanken, Entscheidungen, Klärungen kommen, die das Leben positiv beeinflussen. An dieser Stelle aktualisiert sich die alte Frage nach dem rechten Maß.

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