Start-ups, Mode-Imperien, Burger-Ketten Hier sind fünf sehr gute neue Wirtschaftsspiele

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Silicon Valley Start-ups: Soso, Ihre Firma verkauft Lebensmittelimitate für Leute mit schrecklichen Mitbewohnern? Interessant. Aber wie sieht Ihre Carsharing-Strategie aus?

Foto: manager magazin

Zwischen den Jahren ist die beste Zeit für Gesellschaftsspiele. Langweilig? Mitnichten. Die neuen Spiele haben mit Monopoly und Mensch-ärgere-dich-nicht ungefähr so viel gemeinsam wie ein iPhone 11 Pro mit einem alten Wählscheibentelefon: Fein austarierte Mechanismen, starke Themen und hinreißend gestaltetes Material zeichnen die besten Spiele aus, die für erwachsene Menschen strategische Herausforderungen vom Feinsten bieten. Ökonomieaffine können sich über Wirtschaftssimulationen aus den verschiedensten Branchen freuen - aber auch wer nur Lust auf gepflegten Blödsinn mit Freunden hat und sich dabei nach Herzenslust über Business-Bullshit lustig machen will, wird im Spieleregal fündig.

Hier sind fünf sehr gute neue Wirtschaftsspiele - ein sehr leicht zu lernendes, ein mittelschweres und drei wirklich anspruchsvolle:

Silicon Valley Start-ups: Babybedarf für Menschen mit Schluckauf

Überschaubare zwei Seiten umfasst die Anleitung von "Silicon Valley Start-ups". Die Regeln des munteren Partyspiels ließen sich aber auch auf einer halben zusammenfassen: Reihum gibt einer von bis zu zehn Spielern einen Investor, die anderen pitchen ihre Start-up-Idee. Dafür ziehen sie zunächst Karten, die Firmennamen, Zielgruppe und Branche vorgeben. Etwa so: Eine Firma, die heißt, wie eine Frisbee-Scheibe klingt, die gegen eine Autotür prallt, stellt Babybedarf für Menschen mit Schluckauf her. Völlig klar: Das braucht der Markt natürlich dringend.

Aber der Investor fragt dann, mit Hilfe eines eigenen Kartensatzes, trotzdem kritisch nach: "Haben Sie sich denn auch Gedanken über eine gute Drohnenstrategie gemacht?" Darauf sollte man dann schon schnell eine gute Antwort haben. Wer den Investor überzeugt, gewinnt eine Karte - und wer die meisten Karten gesammelt hat, gewinnt das Spiel. In der richtigen Runde kann das herrlichen Blödsinn hervorbringen, der noch tagelang für Gesprächsstoff sorgt - und man lernt seine Mitspieler von einer völlig neuen Seite kennen: Als begeisterte Verkäufer von Ideen, auf die die Welt nun wirklich nicht gewartet hat.

Geeignet für: Extrovertierte Menschen, die Freude an spontanem Blödsinn haben und eine gewisse Schlagfertigkeit mitbringen. Wer gewinnt, ist eigentlich egal.

Finger weg: Introvertierte Menschen. Leute, die es hassen, in größerer Runde auf Kommando schlagfertig sein zu müssen.

Gruppengröße: Drei bis zehn Personen

Spieldauer: Beliebig. Eine Runde dauert je nach Gruppengröße und Erzähllust nur wenige Minuten bis eine Viertelstunde.

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Funkenschlag: Deutschland unter Strom

Man hätte ja schon gern ein Öko-Kraftwerk. Aber Atomkraft ist leider einfach billiger!

Foto: manager magazin

Kohle, Öl, Müll oder Uran? Oder lieber Öko? Bei "Funkenschlag" treten zwei bis vier Spieler mit ihren Energiekonzernen gegeneinander an - Ziel ist es, möglichst viele Städte effektiv mit Strom zu versorgen. Dabei bietet man gegeneinander auf die besten Kraftwerke - und muss dafür natürlich ausreichend Einnahmen generieren. Friedemann Frieses Spiel ist ein Klassiker, der zu zweit ebenso gut funktioniert wie mit vier Spielern. Das Spiel stand schon 2005 auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres, die allererste Ausgabe erschien sogar schon 2001, damals noch mit deutlich sperrigerem Regelwerk.

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2019 kam nun eine überarbeitete "Recharged Edition" mit dem besonders attraktivem Spielmaterial der früheren De-Luxe-Edition heraus. Als Spielplan stehen eine Deutschland- und eine USA-Karte zur Auswahl (als Erweiterungen gibt es bereits jede Menge anderer Regionen und Länder). Wenn man das Spielprinzip einmal begriffen hat, ist Funkenschlag komplex genug, um reizvoll zu sein, aber einfach genug, um auch Teenagern und Gelegenheitsspielern Spaß zu machen. Statt Geldmarkern gibt es herrlich altmodische Papierscheine - und wer im Spiel hinten liegt, bekommt freundlicherweise in der Bieterphase einen Ausgleichsvorteil.

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Geeignet für: Optimierer, die Freude an einem konstruktiven Aufbauspiel haben. Ästheten, die das schöne Material lieben werden. Eltern, die dem Nachwuchs heimlich Geographiekenntnisse unterjubeln wollen.

Finger weg: Leute, die Grundsatzdiskussionen führen möchten, ob man im Spiel auf Atomkraft setzen darf, wenn man sie sonst ablehnt.

Gruppengröße: zwei bis sechs Personen

Spieldauer: Rund zwei Stunden zu viert

Preis: Rund 35 Euro

Prêt-à-Porter: Die grausame Welt des schönen Scheins

Prêt-à-Porter: Huschhusch, auf den Laufsteg! Wir brauchen das Geld!

Foto: manager magazin

Dieses Spiel des polnischen Autors Ignacy Trzewiczek ist Wirtschaft pur: Die knallharte Simulation von Aufstieg (und, wenn man Pech hat, Fall) von Modeimperien machte bereits 2010 Furore, war aber schnell vergriffen. Mit Hilfe des Crowdfunding-Portals Kickstarter kam 2019 die dritte, überarbeitete Edition auf den Markt. Das viel gelobte Strategiespiel läuft über ein Geschäftsjahr mit vier Quartalen. Jedes Quartal muss man eine Modenschau auf die Beine stellen - dafür braucht man Mitarbeiter, Verträge und Produktionsgebäude. Das alles kostet. Und wenn man sich verkalkuliert, muss man Kredite aufnehmen - und falls man die nicht ablösen kann, gerät man sehr schnell in eine Abwärtsspirale des finanziellen Verderbens. Natürlich kann man schwache Mitarbeiter entlassen, aber auch das kostet: Ohne Abfindungen läuft da nämlich gar nichts.

Klug einkaufen, die richtigen Leute einstellen, Trends bedienen, Qualität sichern, PR betreiben und am Ende die eigene Kollektion zu Höchstpreisen an den Mann bringen - wer dieses Optimierungsvieleck zum ersten Mal bedient, wundert sich, wie überhaupt jemals irgendein Modeunternehmen überleben konnte. Die Unterteilung in vier Quartale mit je drei unterschiedlichen Phasen lässt keine Langeweile aufkommen. Das Thema ist auch für Vielspieler ungewohnt, aber ungemein reizvoll - und schafft es vielleicht, auch Leute an den Tisch zu locken, die mit klassischen Wirtschaftsspielen weniger am Hut haben. Auch wenn sie es nach dem Ende des ersten Quartals unter Umständen bereuen könnten.

Geeignet für: Modeaffine Menschen, die Lust auf Ökonomie haben, und Ökonomiebegeisterte, die das Thema Mode spannend finden.

Finger weg: Optionsparalytiker, die schon beim Setzen ihrer drei Mitarbeitersteine in der ersten Phase in quälend langes Grübeln geraten würden.

Gruppengröße: zwei bis vier Personen

Spieldauer: Mindestens zwei Stunden

Preis: Rund 50 Euro

Brass Birmingham: Gnadenloser Kapitalismus

Gnadenloser Frühkapitalismus: Brass Birmingham

Foto: manager magazin

Das wichtigste Zubehör für diese üppige Wirtschaftssimulation von Martin Wallace ist nicht in der Schachtel enthalten: Bequeme Stühle. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass man länger als drei Stunden am Tisch verbringt, bis sich im Zeitraffer des Jahrhunderts der industriellen Revolution zwischen 1770 und 1870 entschieden hat, wer das erfolgreichste Firmenimperium mit Baumwollspinnereien, Kohleminen, Stahlindustrie und Brauereien aufbaut. Bis es soweit ist, vergehen im Spiel schließlich hundert Jahre in zwei Phasen: In der ersten baut man am Kanalsystem, in der zweiten am Eisenbahnnetz, muss Rohstoffe gewinnen, seine Erzeugnisse verkaufen und möglichst viele Siegpunkte generieren.

Das Spiel ist hochkompetitiv und sollte vielleicht mit dem Warnhinweis versehen werden, dass es angespannte Beziehungen belasten kann - Brass Birmingham ist alles andere als ein gemütliches "komm, wir spielen mal was zusammen". Es geht brutal gegeneinander. Das Spiel ist zwar nur auf Englisch erschienen, aber da das Material sprachneutral ist, ist das egal - eine kostenlose deutsche Version der Spielregel kann man sich (nach einer kostenlosen Registrierung) als PDF auf der Brettspieler-Seite Boardgamegeek  herunterladen. Wer Englisch kann und lieber visuell lernt, findet hier ein gutes Tutorial .

Geeignet für: Expansionsfreudige Strategen mit Geschichtsinteresse. Knallharte Kapitalisten.

Finger weg: Spieler, die lieber nach Gefühl statt nach Kalkül spielen - das rächt sich schmerzhaft. Harmoniesüchtige.

Gruppengröße: zwei bis vier Personen

Spieldauer: Mindestens zwei Stunden

Preis: Rund 60 Euro

Food Chain Magnate: Wer ist hier der Burger-King?

Garantiert 100 Prozent würfelfrei: Food Chain Magnate kommt komplett ohne Glückskomponente aus

Foto: manager magazin

Fast Food, slow play: Vom hübschen, angenehm dezenten Retro-Look der Spielschachtel und den lustigen Namen der Burgerketten ("Gluttony Inc.") sollte man sich nicht täuschen lassen. Im mehrstündigen Kampf um das größte Fast-Food-Imperium ist den Konkurrenten jedes Mittel recht - da werden Kunden weggeschnappt, fiese Preiskämpfe ausgetragen, einander die besten Mitarbeiter weggeschnappt und wird die Werbestrategie der Mitspieler hinterhältig torpediert.

Wer verliert, kann sich nicht darauf berufen, er habe auch Pech gehabt - das Spiel hat keinerlei Zufallselemente, die überlegene Strategie gewinnt unweigerlich. Das muss man aushalten können. Das Spiel dauert so lange, bis die Bank zum zweiten Mal gesprengt wird.

Das Grundspiel ist bereits 2015 erschienen, aber 2019 kam eine anspruchsvolle Erweiterung hinzu ("The Ketchup Mechanism and Other Ideas"). Neu unter anderem: Kimchi und Sushi. Und man kann den Konkurrenten erbarmungslos Baustellen vor deren Hütten knallen. Wer gewinnt? Am Ende natürlich immer noch der reichste Spieler.

Geeignet für: Kluge Planer mit einem Hang zur Ironie. Schachspieler, die es bei Brettspielen sonst nervt, dass Würfel- oder Kartenglück mitspielt. Sprachlich gemischte Runden (Anleitungen und Übersichtsbögen sind sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch enthalten).

Finger weg: Kapitalismuskritiker, die nicht gern mit ansehen, wie destruktive Strategien den meisten Erfolg haben.

Gruppengröße: zwei bis fünf Personen

Spieldauer: zwei bis vier Stunden

Preis: Rund 80 Euro, Erweiterung rund 75 Euro

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