Windstrom-Eiland in der Nordsee Was Berlin von Tennets künstlicher Windstrom-Insel hält

Ein Eiland mit Hafen und Landebahn, umgeben von Windrädern: So stellt sich Tennet die Zukunft der Offshore-Energieerzeugung vor

Ein Eiland mit Hafen und Landebahn, umgeben von Windrädern: So stellt sich Tennet die Zukunft der Offshore-Energieerzeugung vor

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Sie soll sechs Quadratkilometer groß werden, einen Hafen, eine Landebahn und Wohngebäude für rund 2000 Menschen bieten und inmitten von Offshore-Windparks in der Nordsee errichtet werden: Vor kurzem präsentierte der niederländische Energieversorger Tennet ein Konzept für eine künstliche Insel , deren Größe allein schon abenteuerlich klingt.

Doch vom Größenwahn befallen ist der niederländische Konzern nicht. Tennets Konzept ist zwar noch Jahrzehnte von der Verwirklichung entfernt. Energie-Experten und Behörden können den Plänen jedoch durchaus etwas abgewinnen, wie Recherchen von manager-magazin.de zeigen.

Der niederländische Konzern verkabelt als Netzbetreiber deutsche Windparks im Meer mit den Stromnetzen an Land. Er spielt somit in Deutschlands Energiewende-Plänen eine wichtige Rolle. Doch Tennet tut sich schon heute schwer damit, schnell genug Leitungen von den Windrad-Farmen auf See zu den Stromnetzen an Land zu legen, da es dabei meist mehrere Kilometer zu überbrücken gilt.

Der Bau von hochseefesten Transformatoren-Plattformen, das Verlegen von Kabeln und die Wartung der Windräder sind zeitaufwendig, teuer und noch wenig erprobt. Zudem stockt der Ausbau der Stromnetze an Land für den Stromtransport ins Landesinnere. Tennet gerät deshalb mit den ehrgeizigen, von der Bundesregierung gewünschten Netzausbau-Plänen häufig in Verzug.

Eine Insel im seichten Wasser

Nun machen sich die Niederländer viele Gedanken darüber, wie sie die Offshore-Windparks der Zukunft effizienter betreiben könnten. Mitte Juni haben sie deshalb eine Vision für den Bau eines europäischen Stromsystems auf hoher See vorgestellt, und die basiert auf einer künstlichen Insel.

Diese Insel will Tennet auf der Doggerbank errichten, einer mehr als 300 Kilometer langen Untiefe in der Nordsee, deren Enden etwas mehr als 100 Kilometer von der dänischen und britischen Küste entfernt liegen.

Die seichtesten Stellen der Doggerbank sind nur 13 Meter tief, im Mittel sind es 30 Meter, und die Wahl des Ortes ist kein Zufall: Mehrere Energieversorger haben bereits Genehmigungen in der Tasche, auf der Doggerbank riesige Windparks zu errichten.

Ministerium wertet Tennet-Vorstoß als "interessanten Vorschlag"

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Tennet will auf der Insel nun den erzeugten Strom aus mehreren Windparks zusammenführen, ihn dort in Gleichstrom umwandeln und dann per Unterseekabel an die beteiligten Länder weiterleiten.

Ein weiterer Vorteil des Eilandes: Hier ließen sich auch Ersatzteile für Windräder lagern und die Wartung vor Ort leichter durchführen.

Allein die Errichtung der Insel dürfte 1,5 Milliarden Euro kosten, schätzt ein Fachblog. Und das Projekt des künstlichen Strom-Knotenpunktes weist doch weit in die Zukunft. Nach Einschätzung von Tennet-Chef Mel Kroon könnte eine solche Insel frühestens zwischen 2030 und 2050 errichtet werden.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie begegnet dem verwegenen Plan aufgeschlossen. Bisherige Konzepte, die Offshore-Windparks in der Nord zu verbinden, hätten sich als zu teuer und komplex erwiesen, erklärt das Ministerium auf Nachfrage von manager magazin Online.

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Langfristig würden die Offshore-Windparks in Küstennähe "möglicherweise keine ausreichenden Kapazitäten" bieten. Deshalb seien küstenfernere Standorte durchaus in Betracht zu ziehen. Einzelne Windparks müssten jedoch über teurere Gleichstrom-Leitungen verbunden werden, was die Kosten nach oben treibe.

Erste Versorgungs-Plattformen auf hoher See stehen bereits

Tennets Konzept einer Transformator-Insel sei ein "interessanter Vorschlag", heißt es in der schriftlichen Antwort des Ministeriums. Allerdings sei er mit "diversen Herausforderungen" bei Technik, Naturschutz, Finanzierung und Regulierung verbunden. Noch habe Tennet keine konkreten Gespräche zu dem Vorschlag mit der Behörde geführt.

Ein Sprecher des europäischen Windenergie-Branchenverbands WindEurope sagte zu mm.de, dass der schwedische Energieversorger Vattenfall nun die Errichtung einer Versorgungsplattform im Meer für die bessere Wartung von Offshore-Windrädern plane. Der dänische Betreiber Dong hat bereits eine solche Plattform, auf der 50 Menschen Platz finden.

Und der Weg zwischen Küste und Windpark wird immer länger. Seit 2009 habe sich die durchschnittliche Distanz von Offshore-Windparks zur Küste auf 43 Kilometer verdreifacht. Deshalb suche die Branche nach innovativen Wegen, um die Windräder zu geringeren Kosten warten zu können.

Mit der ständigen Unterbringung von Wartungsfachkräften auf einem Stützpunkt auf hoher See entfallen viele langwierige Transporte von der Küste zu den Anlagen. "Es ist wahrscheinlich, dass diese Plattformen in Zukunft häufiger werden," erklärte der WindEurope-Sprecher.

Ob man dafür gleich eine ganze künstliche Insel braucht, ist noch nicht entschieden. WindEurope sieht jedenfalls starkes Interesse für schwimmende Offshore-Windtechnologie in Frankreich, um "so die Notwendigkeit nach größeren Bauwerken in tieferen Gewässern zu reduzieren".

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