US-Tochter stellt sich zum Verkauf Wird Wirecard zerlegt? - Zocker wetten auf Rettung

Spekulanten treiben den Aktienkurs von Wirecard binnen Kürze fast um das Dreifache nach oben. Parallel beginnt der Ausverkauf: Eine US-Tochter stellt sich selbst zum Verkauf, doch soll es auch andere Interessenten für Wirecard oder Teile davon geben.
Wirecard verfügt über viele Tochterfirmen im In- und Ausland, die das Interesse von Investoren wecken. Zugleich mahnen erste Politiker, den Dax-Konzern zu erhalten. Das heizt die Spekulationen weiter an.

Wirecard verfügt über viele Tochterfirmen im In- und Ausland, die das Interesse von Investoren wecken. Zugleich mahnen erste Politiker, den Dax-Konzern zu erhalten. Das heizt die Spekulationen weiter an.

Foto:

Wolfgang Rattay/Reuters

Fotostrecke

Zu Wirecards vorläufigem Insolvenzverwalter ernannt: Michael Jaffé - der Mann für die großen Pleiten

Foto: Armin Weigel dpa/lby

Die Aktie von Wirecard  bleibt auch am Dienstag ein Spielball der Zocker. Die Papiere des in seiner Existenz bedrohten Zahlungsabwicklers steuerten mit 9,30 Euro zeitweise auf eine neuerliche Verdreifachung zu, bevor sie zuletzt mit 6,30 Euro noch fast das Doppelte des Vortagesniveaus kosteten. Am vergangenen Freitag hatten sie nur noch gut einen Euro gekostet.

"Wir sollten prüfen, Wirecard zu erhalten"

Offenbar spekulieren Investoren auf eine Rettung des Skandal-Konzerns. Anlass könnten dazu Aussagen des Chefs der CSU-Landesgruppe bieten. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeine Zeitung"  erklärte Hans Michelbach: "Wir sollten prüfen, ob es bei Wirecard eine Möglichkeit gibt, das Unternehmen zu erhalten." Man müsse über eine Weiterführung und Auffanglösung nachdenken, forderte der Politiker. Der Vergleich bietet sich eigentlich nicht an. Gleichwohl betonte Michelbach: Es dürfe nicht derselbe Fehler gemacht werden wie bei der Hypovereinsbank, die nun Teil der italienischen Großbank Unicredit ist.

Unabhängig davon, ob und wie womöglich die Politik Wirecard aus der Patsche zu helfen bereit ist, soll es dem Bericht zufolge erste Kaufinteressenten für den schwer angeschlagenen Dax-Konzern geben - Privatinvestoren und Private-Equity-Fonds, aber auch der Konkurrent Worldline hätten ein Auge auf Wirecard geworfen, schreibt die Zeitung ohne Nennung von Quellen. Der französische Zahlungsverkehrsdienstleister hatte schon zu Beginn dieses Jahres in Frankreich seinen Wettbewerber Ingenico für fast acht Milliarden Euro gekauft. Die beiden französischen Unternehmen sind durch die Fusion zur Nummer eins in Europa aufgestiegen.

Unzählige Tochterfirmen im In- und Ausland wecken das Interesse

Parallel beginnen die Aufräumarbeiten und der Ausverkauf bei Wirecard. Die US-Tochter Wirecard North America erklärte in der Nacht zum Dienstag, sie habe eine Investmentbank mandatiert, um einen neuen Eigentümer zu finden. Wirecard North America sei eine separate rechtliche und geschäftliche Einheit, trage sich selbst und sei "im Wesentlichen unabhängig" von der Pleite gegangenen Mutterfirma. Wirecard hatte die US-Gesellschaft 2016 übernommen. Sie war früher unter dem Namen Citi Prepaid Card Services bekannt.

Wirecard hatte am Donnerstag Insolvenz angemeldet, nachdem ein Loch von 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz bekannt wurde. Die Insolvenz gilt bislang nur für die Dachgesellschaft Wirecard AG. Hier arbeiten 249 der insgesamt knapp 6200 Mitarbeiter. Der Konzern hat unzählige Tochterfirmen im In- und Ausland, für die ebenfalls Insolvenzanträge geprüft werden. Die Wirecard Bank etwa ist nicht insolvent. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat bei ihr jedoch einen Sonderbeauftragten eingesetzt, der die Zahlungsströme überwacht und sie zum Teil auch unterbunden hat.


Lesen Sie auch:

Bafin weist Vorwurf der Schlamperei zurück
"Für Anleger besteht ein Anspruch auf Schadensersatz" 

Der Fall Wirecard - Geschichte eines historischen Desasters
Scholz und EU-Kommission knöpfen sich Bafin vor


Solarisbank an Kunden und Mitarbeitern interessiert

Dass sich die US-Tochter selbst ins Schaufenster stellt, könnte nun ein Auftakt sein für einen Ausverkauf. Auch an deutschen Töchtern gibt es bereits Interesse - zumindest an Kunden und Mitarbeitern. Das Berliner Startup Solarisbank, das gerade erst bei einer neuen Finanzierungsrunde 60 Millionen Euro eingesammelt hat, hob den Finger. "Wir verstehen das Geschäft wahrscheinlich besser als jeder andere im Markt", sagte Solarisbank-Chef Roland Folz zu Reuters. "Gern sprechen wir mit einigen der Kunden und vielleicht auch Angestellten und schauen, wie wir ihnen mit unserer Plattform helfen können." Vergangene Woche hatte schon der Wirecard-Rivale Heidelpay Interesse an Kunden und Mitarbeitern des insolventen Dax-Konzerns geäußert.

In Großbritannien können Kunden von Wirecard wieder auf ihr Geld zugreifen, weil die Aufsichtsbehörde die Beschränkungen aufhob. Man habe sich vergewissert, dass das Unternehmen gewisse Bedingungen erfüllen könne, teilte die FCA am späten Montagabend mit. Die Behörde hatte der Gesellschaft in Folge der Insolvenz der Mutter den Geschäftsbetrieb untersagt und Kunden war der Zugang zu ihren Geldern versperrt.

Fotostrecke

Wirecards Gläubiger: Diese Banken tragen hohes Risiko

Foto: Sven Hoppe / dpa

Dagegen laufen die Prüfungen bei der Tochter in Singapur nach wie vor auf Hochtouren. Die dortige Zentralbank erklärte, sie überwache die Geschäfte genau. Sollte Wirecard den Betrieb einstellen, seien Kreditkartenzahlungen bei Händlern sowie Prepaid-Karten, die von Wirecard ausgegeben wurden, betroffen. Die Einheiten des Konzerns hätten jedoch sichergestellt, dass Kundengelder auf getrennten Konten bei Banken in Singapur seien.

Kanzlei Tilp weitet Klage gegen Wirtschaftsprüfer und (Ex-)Vorstände aus

Die Anwaltskanzlei Tilp weitert ihre Schadensersatzklage gegen Wirecard auf den Wirtschaftsprüfer EY, Ex-Wirecard-Chef Markus Braun, den ehemaligen Vorstand Jan Marsalek sowie den noch amtierenden Finanzchef Alexander von Knoop aus. "Vom zumindest bedingt vorsätzlichen Verhalten der neuen Beklagten sind wir überzeugt", erklärte Rechtsanwalt Andreas Tilp. EY hat den Ball bei Wirecard zwar ins Rollen gebracht, weil sie bei der Durchsicht von Dokumenten für den Jahresabschluss 2019 auf Unregelmäßigkeiten gestoßen waren. Den Wirtschaftsprüfern wird aber vorgeworfen, nicht schon früher Alarm geschlagen zu haben - sie prüfen die Wirecard-Bilanzen seit vielen Jahren. Vor wenigen Tagen hatte der japanische Technologieinvestor Softbank angekündigt, EY verklagen zu wollen.

Auch Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Kanzlei Nieding + Barth brachte sich in Stellung. "Wir bereiten derzeit im Auftrag von 41 institutionellen Investoren und mehr als 1100 Privatanlegern Klagen gegen Wirecard, EY und die Bundesrepublik Deutschland vor", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Man habe einen Experten beauftragt, der das Volumen des entstandenen Schadens durch die Kursverluste feststellen solle.

rei mit Reuters