Schlechtes Zeichen für die Banken Erste Wirecard-Kunden offenbar vor Absprung - halten Kreditkarten-Riesen still?

Wirecard-Zentrale in Aschheim, Bayern: Werden die Banken die Kredite verlängern, wenn erste Kunden abspringen?

Wirecard-Zentrale in Aschheim, Bayern: Werden die Banken die Kredite verlängern, wenn erste Kunden abspringen?

Foto: Tobias Hase/dpa

Inmitten des milliardenschweren Bilanzskandals bei Wirecard (Kurswerte anzeigen) drohen Großkunden dem Zahlungsdienstleister die Geschäftsbeziehung aufzukündigen. Der asiatische Mitfahrdienst Grab erklärte am Mittwoch, die Partnerschaft mit Wirecard bis auf weiteres auf Eis zu legen. Grab betonte, das Unternehmen habe noch nicht mit der Integrationsarbeit für eine Partnerschaft mit Wirecard begonnen.

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Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg  darüber hinaus berichtet, wolle zudem der französische Telekom-Anbieter Orange in Kürze einen neuen Zahlungspartner für seine Bankeinheit bestimmen. Es gebe Probleme technischer Natur mit dem Dienst von Wirecard, der Bilanzskandal beim deutschen Zahlungsanbieter beschleunige aber den angestrebten Wechsel zu einem Wettbewerber, berichtet die Nachrichtenagentur unter Berufung auf einen Insider. Orange lehnte einen Kommentar dazu ab.

Die in London ansässige Digitalbank Revolut wiederum habe beschlossen, Kunden zu alternativen Zahlungsanbietern zu verlagern, um eine Unterbrechung des Dienstes zu vermeiden, berichtet Bloomberg weiter.

Wenn Kunden zweifeln und sie sich von Wirecard abwenden, wird die Liquidität von Wirecard schwinden und sich die Lage für den Zahlungsdienstleister noch verschärfen. Interims-Chef James Freis dürfte jetzt alle Hände voll zu tun haben, die Kunden bei der Stange zu halten.

Halten die Kreditkarten-Riesen bei den Lizenzen still?

Ein brennendes Problem ist auch: Wirecard darf die Lizenzen von Mastercard, Visa  und JCB International, über die die konzerneigene Bank ihre Kreditkarten ausgibt, nicht verlieren. Sollte Wirecard die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro nicht auftreiben, könnten die Kreditkarten-Riesen ihre Lizenzen widerrufen. "Die große Frage ist, ob sie die Lizenzen von Visa und Mastercard behalten", sagte Neil Campling, Analyst bei Mirabaud. "Ohne diese haben sie kein Geschäft", zitiert Bloomberg den Experten. Wirecard wollte den Bericht nicht kommentieren. Sprecher der Kreditkarten-Konzerne erklärten lediglich, sie verfolgten die Entwicklung sehr genau.

Die in den vergangenen Jahren stark gewachsene Wirecard AG hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht existiert. Dem Konzern droht nun die Insolvenz, da Kredite der Banken sofort fällig gestellt werden können - vor allem, wenn jetzt die Kunden abspringen. Zudem ist der Aktienkurs dramatisch eingebrochen: von 100 Euro vergangenen Donnerstagmorgen auf rund 16 Euro am Mittwoch.

Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun wurde am Montag festgenommen, ist nun aber gegen die Zahlung einer Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro wieder auf freiem Fuß. Vorgeworfen werden Braun derzeit "unrichtige Angaben" in den Wirecard-Bilanzen und Marktmanipulation, doch kommen auch andere Straftaten in Betracht - etwa gewerbsmäßiger Betrug.

Braun hat Wirecard-Aktien verkauft, um Kredite zu bezahlen

Der Manager, der mit bislang 7 Prozent größter Wirecard-Aktionär ist, musste zudem über fünf Millionen seiner rund 8,7 Millionen Papiere im Wert von 155 Millionen Euro verkaufen. Nach einem Bericht der US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg hatte Braun einen Teil seines Aktienanteil mit Krediten finanziert und die Papiere dafür als Sicherheiten hinterlegt.

Den Vorwurf systematischer Bilanzmanipulation bei Wirecard hatte vor über einem Jahr zuerst die Londoner "Financial Times" erhoben. Braun hatte dies über Monate eisern dementiert und der britischen Zeitung seinerseits haltlose Unterstellungen vorgeworfen. Im Zentrum des Skandals stehen der frühere Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein ehemaliger Treuhänder, der das mutmaßlich zum Großteil gar nicht existierende Geschäft mit Drittfirmen betreute.


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Wirecard wickelt als Dienstleister elektronische und bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet ab, über das Unternehmen laufen die Zahlungsströme zwischen Kredit- und EC-Kartenfirmen auf der einen und den angeschlossenen Händlern auf der anderen Seite.

Im Mittleren Osten und in Südostasien betrieb Wirecard dieses Geschäft jedoch zum großen Teil nicht selbst, sondern hatte Drittfirmen damit beauftragt - so jedenfalls die offizielle Darstellung bis vor wenigen Tagen. Dieses Drittpartnergeschäft machte einen erheblichen Teil der bilanzierten Gewinne aus und lief über die Treuhandkonten, auf denen die 1,9 Milliarden Euro verbucht waren.


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Die Anzeichen deuten darauf hin, dass der kommissarische Wirecard-Chef Freis aufräumen will. Seit Freis am vergangenen Freitag berufen wurde, hat das Unternehmen die mutmaßliche Nichtexistenz der 1,9 Milliarden offen eingeräumt und Wirecard-Vorstand Jan Marsalek gefeuert, der wenige Tage vorher noch unter Brauns Regie lediglich suspendiert worden war. Der US-Manager Freis ist vom Fach: Er leitete von 2007 bis 2012 im Washingtoner Finanzministerium die Einheit zur Bekämpfung der Finanzkriminalität.

rei/mg mit Material von Nachrichtenagenturen
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