Insolvenzverwalter Michael Jaffé soll Gutachten erstellen EY spricht bei Wirecard von "konspirativem Betrug"

Wirecard: Der Bilanzskandal hat das Unternehmen in die Insolvenz getrieben

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Wirecard-Insolvenz: Michael Jaffé - der Mann für die großen Pleiten

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Der Finanzdienstleister Wirecard AG meldete am Donnerstagmorgen, einen Insolvenzantrag stellen zu wollen. Am späteren Nachmittag bestätigte das Amtsgericht München, den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens erhalten zu haben. Zur Vorbereitung der erforderlichen Maßnahmen sei Rechtsanwalt Michael Jaffé als Sachverständiger zur Erstellung eines entsprechenden eiligen Gutachtens bestellt worden, hieß es in einer Mitteilung.

Derweil geht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY im Wirecard-Skandal von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannenden Maßstab aus. "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", erklärte EY am Donnerstag in Stuttgart.

"Im Rahmen der Abschlussprüfung für das Geschäftsjahr 2019 hat EY entdeckt, dass gefälschte Saldenbestätigungen und weitere gefälschte Unterlagen für die Treuhandkonten vorgelegt wurden." EY habe das den zuständigen Behörden sowie dem Unternehmen und seinem Aufsichtsrat mitgeteilt.

"Konspirativer Betrug, der darauf abzielt, die Investoren und die Öffentlichkeit zu täuschen, geht oft mit umfangreichen Anstrengungen einher, systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen", hieß es in der Mitteilung weiter. "Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken."

Übt sich EY in Selbstschutz?

EY ist eine der "großen Vier" unter den internationalen Buchprüfungsgesellschaften. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren die Jahresabschlüsse von Wirecard testiert. Deswegen ist nun auch EY mit scharfer Kritik konfrontiert, die mutmaßlichen Manipulationen nicht früher entdeckt zu haben.

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Die jüngsten Aussagen der Wirtschaftsprüfer dienen vor dem Hintergrund womöglich auch dem Selbstschutz, denn der geplante Insolvenzantrag von Wirecard könnte für EY unangenehme Folgen haben. Anleger, die durch den Wirecard-Kurssturz der vergangenen Tage Geld verloren haben, können sich Hoffnungen auf Schadensersatz machen. Das sagte beispielsweise Rechtsanwalt Maximilian Weiss von der Tübinger Kanzlei Tilp im Interview mit manager magazin .

Angesichts der Insolvenz erscheint Wirecard als Haftungsgegner für solche Ansprüche allerdings kaum noch attraktiv. Folge: Investoren dürften nun verstärkt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY ins Visier nehmen. Das sagte ein Anwalt einer bekannten Anlegerkanzlei unmittelbar nach Bekanntwerden des Insolvenzantrags zu manager magazin.

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Hintergrund: Nach einem gigantischen Bilanzskandal steht der Zahlungsanbieter Wirecard vor der Pleite. Angesichts eines 1,9 Milliarden Euro schweren Lochs in der Bilanz plante das Unternehmen am Donnerstag Insolvenz anzumelden. "Der Vorstand der Wirecard AG hat am Donnerstag entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen", teilte der Konzern mit . Es werde geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Wirecard-Töchter gestellt werden müssen.

Nach Informationen von manager magazin will der Vorstand mit dem Antrag auch das Risiko ausschalten, von Anlegern wegen etwaiger Verschleppung eines Insolvenzantrags verklagt zu werden. Es ist das erste Mal in der mehr als 30-jährigen Geschichte des Leitindex Dax, dass ein Dax-Mitglied kollabiert.

Wirecard Bank soll nicht in Insolvenz gehen

Die konzerneigene Bank will Wirecard vom Insolvenzantrag ausnehmen. Die Bank sei "nicht Teil des Insolvenzverfahrens der Wirecard AG", teilte der Konzernvorstand am Donnerstagnachmittag weiter mit. Die Bafin habe für die Wirecard Bank AG bereits einen Sonderbeauftragten eingesetzt. Demnach werde die Wirecard-Bank organisatorisch und finanziell vom Mutterkonzern abgekoppelt. "Die Freigabeprozesse für alle Zahlungen der Bank werden zukünftig ausschließlich innerhalb der Bank und nicht mehr auf Gruppenebene liegen", hieß es weiter.

Die Aktien von Wirecard  stürzten nach einer vorübergehenden Aussetzung des Handels um bis zu 80 Prozent auf 2,50 Euro ein. Seit der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019 in der Vorwoche und dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe verloren sie damit inzwischen fast 98 Prozent.

Dax-Abstieg wohl nicht vor 3. September

Ein schneller Abstieg aus dem Dax droht aus heutiger Sicht nicht: "Bei einem regulären Insolvenzverfahren dagegen bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im Dax", erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse die Regeln, die für alle Dax-Mitgliedsunternehmen gelten. Der nächste reguläre Anpassungstermin ist der 3. September. Bei Wirecard wird nun zunächst ein Gutachter beauftragt, der die Lage des Unternehmens beurteilt. Im nächsten größeren Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht muss dann ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt werden.

Wirecard hatte in den vergangenen Jahren angeblich ein rasantes Wachstumstempo hingelegt und im September 2018 die Commerzbank aus dem Dax verdrängt. Zu Hochzeiten kostete die Aktie 200 Euro, doch die Geschichte vom erfolgreichen Fintech aus Deutschland erwies sich als Illusion. Vor einer Woche verweigerten die Wirtschaftsprüfer von EY das Testat für die Bilanz, als sich herausstellte, dass Bestätigungen über Treuhandkonten offensichtlich gefälscht waren. Die dort angeblich liegenden 1,9 Milliarden Euro gab es in Wirklichkeit wohl nie.

Gläubiger werden wohl nicht viel von ihrem Geld wiedersehen

Die Chancen der Gläubiger, in einem Insolvenzverfahren an ihr Geld zu kommen, scheinen eher gering. "Das Geld ist weg", hieß es aus einer Bank laut Reuters. "In einigen Jahren werden wir vielleicht ein paar Euro zurückerhalten, aber wir werden den Kredit jetzt abschreiben." Auch aus zwei anderen Banken hieß es, der Kredit werde abgeschrieben. Fraglich sei, was von Wirecard verwertet werden könne. Wettbewerber könnten einfach die Kunden, zu denen renommierte Firmen wie Aldi, Ikea oder die Fluggesellschaft KLM gehören, auf ihre Plattform herüberziehen. Die Wirecard-Technologie bräuchten sie wohl nicht. Berichten zufolge prüfen bereits mehrere Großkunden, die Geschäftsbeziehung mit Wirecard zu beenden.

Aktienkurse der Wettbewerber profitieren

Die Nachricht vom geplanten Insolvenzantrag indes hat die Kurse der internationalen Konkurrenz steigen lassen. In Paris führte der französische Bezahldienstleister Worldline den Leitindex Cac 40 mit einem Aufschlag von mehr als vier Prozent an, für Adyen ging es zuletzt um rund zwei Prozent auf 1287 Euro hoch. Damit näherte sich die Aktie des niederländischen Zahlungsabwicklers wieder ihrem am Dienstag erreichten Rekord bei 1317 Euro.

FDP fordert Konsequenzen für Finanzaufsicht Bafin

Die FDP fordert als Konsequenz aus dem Wirecard-Bilanzskandal, die Aufsichtsbehörde Bafin nicht mit weiteren Aufgaben zu betrauen. "So ein Patzer darf nicht passieren", sagte der FDP-Fraktionsvize im Bundestag, Christian Dürr. Das Finanzministerium müsse nachsteuern. Zum Beispiel sollten Pläne auf Eis gelegt werden, 98.000 Finanzvermittler künftig von der Bafin kontrollieren zu lassen statt bisher vor allem von Industrie- und Handelskammern. Das könne die Bonner Behörde überfordern. Im Falle von Wirecard habe es über Jahre Hinweise gegeben. "Das darf nicht passieren. Das schadet dem Vertrauen." Ähnlich äußerten sich die Grünen am Donnerstag

Am späten Donnerstagnachmittag äußerte sich auch das Bundesfinanzministerium. Die Kompetenzen der Finanzaufsicht Bafin sollten auf den Prüfstand gestellt werden, hieß es. "Wir müssen bei der Bafin schauen, was schiefgelaufen ist. Wir müssen überlegen, ob die Möglichkeiten der Bafin einzuschreiten, ausreichen. Ob Unternehmen wie die Wirecard AG, die ja effektiv Finanzdienstleistungen erbringt, nicht auch in ihrer Gesamtheit auch als Finanzdienstleister beaufsichtigt werden können", sagte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies dem Nachrichtenportal "The Pioneer". Das Ministerium prüfe eine Reform nun sehr intensiv: "Es muss alles schonungslos zur Diskussion gestellt werden. Es ist doch völlig klar, dass wir da Konsequenzen ziehen müssen."


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Ex-Vorstandschef Braun gegen Kaution auf freiem Fuß

Der langjährige Wirecard-Chef Markus Braun war am Freitag vergangener Woche zurückgetreten und hatte sich nach einem Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Anfang dieser Woche gestellt. Gegen Zahlung einer Kaution in Millionenhöhe ist er seitdem wieder auf freiem Fuß.

Wirecard ist somit auch im Fokus der Strafverfolgungsbehörden. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I am Montag gesagt. Bei der Behörde läuft bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Braun und drei weitere Manager der Wirecard-Spitze wegen des Verdachts der Falschinformation von Anlegern in zwei Börsen-Pflichtmitteilungen.

Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die britische "Financial Times", die Anfang 2019 über mutmaßliche Bilanzmanipulationen in Singapur berichtete. Vorstandschef Braun hatte die Berichterstattung über Monate als haltlos zurückgewiesen. Da es schon nach den ersten "FT"-Artikeln zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft zuerst Untersuchungen eingeleitet, ob Kursmanipulationen von Börsenspekulanten dahinter steckten.

Wirecard wickelt als Dienstleister elektronische und bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet ab, über das Unternehmen laufen die Zahlungsströme zwischen Kredit- und EC-Kartenfirmen auf der einen und den angeschlossenen Händlern auf der anderen Seite.

Im Mittleren Osten und in Südostasien betrieb Wirecard dieses Geschäft jedoch zum großen Teil nicht selbst, sondern hatte Drittfirmen damit beauftragt - so jedenfalls die offizielle Darstellung bis vor wenigen Tagen. Dieses Drittpartnergeschäft machte einen erheblichen Teil der bilanzierten Gewinne aus und lief über die Treuhandkonten, auf denen die angeblichen 1,9 Milliarden Euro verbucht waren.

rei/mg/cr/akn mit Nachrichtenagenturen