Soft Skills für den Beruf Wer warten kann, bleibt Herr der Lage

Warten nervt. Und doch scheint es heute wichtiger denn je, sich darin zu üben, um noch Herr der Lage zu sein.
Von Greta Lührs
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Zwei Stunden noch, dann geht es endlich los. Missmutig blättere ich in einer Zeitschrift, lege sie wieder weg, hole das Handy heraus, habe aber keinen Empfang - typisch Flughafen. Mein Blick schweift über die Sitzreihen, über gähnende Menschen, die auf den Kunstledersitzen herumrutschen oder in verrenkten Posen zu schlafen versuchen. Immer wieder schaue ich auf die Anzeigetafel an der Wand. Nichts. Die Minutenanzeige der Uhr bewegt sich unerträglich langsam. Mein Flug sollte schon vor anderthalb Stunden gehen, stattdessen sitze ich hier fest und warte. Und warte. Und frage mich: Was tue ich hier eigentlich?

Wer wartet, sieht einem bevorstehenden Ereignis entgegen, dessen Eintreffen er meist nicht selbst bestimmen kann. Der Wartende befindet sich in einem Modus der Untätigkeit. Diesem kann er zwar durch Ablenkung entgehen, doch dann wartet er streng genommen nicht mehr, sondern liest, spielt oder schreibt. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung ist das Warten das größte Alltagsärgernis der Deutschen. An der Kasse, beim Arzt, auf die U-Bahn, in der Telefonschleife - warten nervt und ist doch unvermeidlich und allgegenwärtig. Trotz Smartphone - und damit dem Ablenkungsangebot in der Tasche - regt es uns offenbar auf; es gibt uns das Gefühl, Zeit zu verlieren.

Nichts bestimmt unser Leben in der Moderne so sehr wie der ständige Blick auf die Uhr. Seit wir in einer industrialisierten Ökonomie leben, gibt sie den Takt unseres Lebens vor. Sie sagt uns, wann wir arbeiten, essen, schlafen sollen. Warten reißt uns aus diesem Takt heraus, es ist wirtschaftlich gesehen ein Störfaktor. Wer wartet, leistet schließlich nichts. Wartezeiten zu vermeiden und einen geschmeidigen Ablauf zu garantieren sind darum wichtige Maßnahmen der ökonomischen Effizienzsteigerung. Warten wir also deshalb so ungern, weil wir das ökonomische Optimierungskalkül bereits so verinnerlicht haben, dass wir es auf uns und unsere Lebenszeit anwenden? Leben wir nach dem Prinzip "Time is money"?

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Das Schlimme am Warten - so empfinde ich es zumindest - ist das Gefühl der Fremdbestimmung. Wenn ich am Flughafen festsitze, kann ich mir die Zeit zwar in einem gewissen Rahmen gestalten, bin aber auf die Gegebenheiten vor Ort angewiesen. Ich befinde mich in einem seltsamen Zwischenzustand, der ganz auf die Erlösung vom Warten ausgerichtet ist. In der Wartezeit fällt einem so vieles ein, was man gerade lieber täte - egal ob man diese Zeit tatsächlich anders oder sinnvoller genutzt hätte. Weil man sich über das Warten ärgert, wird die Wartezeit noch unangenehmer. Das Gefühl der vergeudeten Zeit birgt daher das Risiko, den Ärger bis zur existenziellen Verzweiflung zu potenzieren: Ich habe doch nur die wenige Zeit auf Erden, und die muss ich nun mit Warten verplempern!

"Während des Wartens", schreibt der Philosoph und Autor Rodion Ebbighausen, "kann das Ich mit seiner Zeit nichts anfangen, nichts daraus machen, weil es fixiert ist auf etwas, was nicht anwesend ist." Wartezeit erscheint einem nicht wie Lebenszeit, sondern wie ein Hindernis, das einen vom Leben abhält und das es zu überwinden gilt. Man fühlt sich ausgebremst. Dieses Gefühl ist offenbar an die Vorstellung geknüpft, seine Zeit sinnvoll - man könnte auch sagen: effizient - nutzen zu wollen.

Worauf warten wir eigentlich?

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!
In dem Theaterstück "Warten auf Godot" von Samuel Beckett (1906¿1989) wirkt das Warten der beiden Hauptpersonen an einer öden Landstraße, das sich durch das ganze Stück zieht, deshalb vollkommen sinnlos, weil sie gar nicht zu wissen scheinen, worauf sie warten. Sie wissen weder, wer Godot ist, noch, ob er jemals kommen oder was dann geschehen wird.

Als Teil des "Absurden Theaters" wird Becketts Stück als Parabel auf die Sinnlosigkeit des Lebens und den Wunsch, von dieser erlöst zu werden, interpretiert. Spüren wir im Warten also die eigene Endlichkeit und werden uns unmittelbar gewahr, nicht Herr über unsere Lebenszeit, sondern überall der Fremdbestimmung ausgesetzt zu sein?

Die Wartezeit kommt uns deshalb so lang vor, weil nichts passiert und wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, meint der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann. Dieses Phänomen kennen wir vom Zeitempfinden in verschiedenen Lebensabschnitten: Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. In der Kindheit erleben wir noch täglich viel Neues, was die Zeit im Nachhinein als voll und lang erscheinen lässt - im zunehmenden Alter ist vieles Routine, meint der Psychologe, deshalb scheint die Zeit zu rasen.

Paradoxerweise kommt uns Wartezeit zwar in der Gegenwart schier unendlich vor, rückblickend aber kurz, da ja nichts Aufregendes geschehen ist, an das wir uns erinnern würden. Es spricht vieles dafür, sich im Warten zu üben. Mit seinem berühmt gewordenen Marshmallow-Test aus den 1960er- und 70er-Jahren konnte der Psychologe Walter Mischel beispielsweise zeigen, dass die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub mit Eigenschaften und Zielen korreliert, die in unserer Gesellschaft als wünschenswert gelten. Er gab vierjährigen Kindern einen Marshmallow und verließ den Raum mit dem Versprechen, eine weitere Süßigkeit mitzubringen, wenn das jeweilige Kind den Marshmallow bis zu seiner Rückkehr nicht aufessen würde - es dürfe aber natürlich auch auf die Wartezeit verzichten und direkt zuschlagen. In der anschließenden Beobachtung über mehrere Jahre erwiesen sich die geduldigen Abwarter als beruflich erfolgreicher, emotional stabiler und sozial kompetenter als die Ungeduldigen, die nicht abwarten konnten und der Versuchung nachgaben.

Wer warten kann, so legen diese Ergebnisse nahe, verfügt über Impulskontrolle und etwas, das der Psychologe Wittmann "zeitliche Weitsichtigkeit" nennt: Man nimmt in der Gegenwart Anstrengungen in Kauf, um später davon zu profitieren. In unserer Gesellschaft gilt diese Kompetenz, die sich auch im protestantischen Arbeitsethos widerspiegelt, als sicherer Weg zu Anerkennung und Erfolg. Die Fähigkeit, warten zu können, lässt sich also auch selbst daraufhin befragen, welchen ökonomischen Vorteil sie einem bringt.

Sie ist aber auch deshalb notwendig, weil wir damit die Bedürfnisse der anderen anerkennen. Wir müssen ja häufig deswegen warten, weil die Zeit unserer Mitmenschen ebenso wertvoll ist wie die eigene. Mein Gemeinschaftssinn sagt mir also klar, dass ich mich brav hinten anstellen muss und mich nicht vordrängeln darf. Alle Menschen sind gleich und müssen darum auch gleich lange warten.

Wer warten muss und wer nicht, ist eine Machtfrage

Wer sich diesem Prinzip nicht beugen will, kann sich in manchen Fällen vom Warten freikaufen, indem man zum Beispiel im Flugzeug ein Ticket für die Business-Class bucht, mit dem man vor allen anderen einsteigen darf. Privat Krankenversicherte müssen kürzer warten als Kassenpatienten, wer den Clubbetreiber kennt, also soziales Prestige besitzt, darf durch den VIP-Eingang. In China oder den USA ist das professionelle Schlangestehen inzwischen ein lukrativer Nebenjob. Gemeinsam haben solche Umgehungstaktiken, dass sie nur dann funktionieren, wenn die Mehrheit weiterhin wartet. Wer warten muss und wer nicht und auf wen gewartet wird, hat also mit Machtverhältnissen zu tun. Früher konnten Könige ihre Untertanen warten lassen, heute können sich dies ebenfalls jene erlauben, die am längeren Hebel sitzen. Etwa Chefs, Rockstars, Politiker - oder eben Fluggesellschaften.

Die Wirtschaft hat ein Interesse daran, möglichst unterbrechungsfrei zu arbeiten, um ihren Umsatz zu steigern. Stillstand kostet Geld. Doch wo das Warten unvermeidlich ist, kann der Wartende als potenzieller Konsument angesprochen werden - indem im Wartebereich Werbung platziert oder etwas verkauft wird. Bahnhöfe und Flughäfen sind heute oft Shopping-Meilen, in denen man sich die Wartezeit vertreiben kann. Auch wenn wir uns über die horrenden Preise an solchen Orten beschweren, nehmen wir sie oft zähneknirschend hin - da es uns lieber ist, einen überteuerten Latte macchiato zu trinken, als gar nichts zu tun. So wird auch unsere scheinbar sinnlose Wartezeit wirtschaftlich voll ausgenutzt.

Es kommt auch darauf an, wann etwas geschieht

Wie man die Wartezeit empfindet, hängt davon ab, worauf man wartet. Wenn wir etwas Gutes erwarten, malen wir uns die Situation im Geiste aus, sind wir wie elektrisiert und hibbelig. Warten kann sich wie freudiges Ersehnen anfühlen, wenn man einen geliebten Menschen erwartet, den ersten Ton eines Konzerts oder die Geburt eines Kindes. Die Zeit, die uns von dem Erwarteten trennt, kommt uns zwar lästig vor, doch färbt das Bevorstehende auch die Gegenwart ein. Die Ereignisse "werfen ihre Schatten voraus", sagt man.

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Der britische Philosoph Derek Parfit (1942-2017) attestiert dem Menschen darum einen zeitlichen "Bias" in Richtung Zukunft: Was bevorsteht, affiziert uns anders als die Vergangenheit, weil wir es noch durchleben müssen, während das Vergangene bereits hinter uns liegt. Wir schmieden unter anderem auch deshalb Zukunftspläne, um uns auf etwas freuen zu können, was erst noch kommen wird.

Als Wesen mit Zeitbewusstsein stehen wir der Zeit eben nicht neutral gegenüber, sondern es macht für uns einen Unterschied, wann etwas geschieht. Den Gedanken an den eigenen Tod können wir vermutlich nur darum ertragen, weil wir ihn in weiter Ferne wähnen oder zumindest nicht wissen, wann er eintritt. Andernfalls reicht uns das Versprechen nicht, irgendwann bekäme man die Gehaltserhöhung, sondern wir möchten auch wissen, wann. Nichts ist so zermürbend wie zu warten, ohne zu wissen, wie lange noch.

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Vielleicht liegt das an der Ungewissheit alles Zukünftigen und der Angst, man könnte enttäuscht werden. Was man hat, das hat man eben. Was noch nicht da ist, kann uns noch vorenthalten werden. Abwarten zu können hat insofern auch etwas mit Vertrauen zu tun, mit der Fähigkeit, den Dingen ihren Lauf zu lassen und nicht alles kontrollieren zu wollen. Oft lösen sich Probleme oder Ärger einfach dadurch auf, dass Zeit vergeht.

Dieses besonnene Abwarten ist genau das, was die Wirtschaft uns gern gänzlich abgewöhnen würde. Wer nachts um drei den Impuls hat, sich eine neue Waschmaschine kaufen zu müssen, kann dies dank des Internets sofort tun und muss nicht bis zum nächsten Werktag warten. Der nächste Schritt könnte der proaktive Kundenservice sein, der einem die Produkte schon liefert, bevor man wusste, dass man sie haben wollte - natürlich mit Rücksendeoption. Wenn wir weiterhin selbst entscheiden wollen, welchem Impuls wir nachgeben wollen, sollten wir uns im Warten üben.

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