Der Hundetrainer, der auch Manager coacht "Es geht nicht um den Pfiff, sondern um das Prinzip dahinter"

Von Tobias Haberl
Ulv Philipper / Autor "Dog Management"

Ulv Philipper / Autor "Dog Management"

mm.de: Sie haben vor 26 Jahren als Hundetrainer begonnen, heute coachen Sie beides: Besitzer von Dackeln und Schäferhunden, aber auch Führungskräfte und Angestellte. Wann ist Ihnen Mal aufgefallen, dass man Rückschlüsse von der Hundeerziehung auf das Führen von Menschen machen kann?

Ulv Philipper: Es gab nicht den Schlüsselmoment, das war ein Prozess. Mir ist aufgefallen, dass während der Seminare ständig die Perspektive gewechselt hat: Eben ging es noch um den Hund, dann fiel ein Stichwort, und schon ging es um den Partner, die Kinder, den Job.

mm.de: Was ist der größte Fehler im Umgang mit Hunden und Menschen?

Philipper: Wenn Führung auf das Prinzip von Befehl und Gehorsam aufgebaut ist. Das funktioniert beim Militär, aber auch nur beim Militär. Komisch, dass man von einem Hund immer noch erwartet, dass er auf Anhieb gehorcht, wo man bei Menschen längst begriffen hat, dass man mit Kommandos nicht weit kommt. Eine gute Führungsperson muss sich auf Augenhöhe begeben, mit den Mitarbeitern oder dem Hund, ganz egal, nur dann kann er die Bedürfnisse seines Gegenübers verstehen.

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mm.de: Moment, jetzt vergleichen Sie aber Hunde mit Menschen.

Philipper: Warum nicht? Seit Jahrzehnten wird behauptet: "Der Hund ist ein Tier, der Mensch ist ein Mensch, das kann man nicht vergleichen." Aber vergleichen heißt doch nicht gleichmachen. Hunde und Menschen haben viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Beide sind Säugetiere, beide sind gewohnheits- und freiheitsliebend, und beide haben überhaupt keine Lust, fremdbestimmt zu werden.

mm.de: Es gibt durchaus Menschen, die kein Problem damit haben, wenn der Chef sagt, was sie machen sollen.

Philipper: Genau das ist ja das Problem, dass immer noch Tausende von Führungskräften davon ausgehen, dass sie es mit Arbeitnehmern zu tun haben, die gern kontrolliert werden, statt zu erkennen, was viel naheliegender wäre, nämlich, dass diese - genau wie sie selbst - keine Lust haben, bevormundet zu werden. Es ist der Kardinalfehler schlechthin, das Bedürfnis nach Struktur mit dem Wunsch nach Kontrolle zu verwechseln.

"Kontrolle führt zwangsläufig zum Widerspruch"

mm.de: Was ist so schlimm an Kontrolle?

Philipper: Kontrolle schränkt unsere Wahlmöglichkeit ein, das führt zwangsläufig zum Widerspruch. Der Arbeitnehmer, der sich begrenzt fühlt, wird eine Möglichkeit suchen, die Kontrolle zu umlaufen, und er wird sie finden. Für den Hund gilt genau das gleiche. Es gibt zwei Möglichkeiten, die Wahl eines Individuums zu beschneiden. Erstens: Ich befehle ihm etwas, was dazu führt, dass der andere sagt: "Mache ich aus Prinzip nicht." Zweitens: Ich verbiete ihm etwas, was dazu führt, dass der andere sagt: "Jetzt erst recht."

mm.de: Es gibt Menschen, die sofort ausführen, was der Chef sagt.

Philipper: Es gibt Ja-Sager und Rebellen. Der Rebell geht in die Konfrontation, der Ja-Sager führt aus, weil er sich nicht traut, offen gegen den Chef zu arbeiten, was dazu führt, dass der Chef seine Methode für erfolgreich hält - eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Früher oder später wird auch der Ja-Sager bewusst oder unbewusst versuchen, eine Lücke im System des Führenden zu finden. Er wird destruktiv handeln, sich rächen, was auch immer. Wenn man Erfolg daran bemisst, dass der andere macht, was man sagt, hat man schon verloren. Erfolgreich ist man, wenn man es schafft, mit dem anderen eine inspirierende Beziehung aufzubauen.

mm.de: Gibt es auch bei Hunden Ja-Sager?

Philipper: Natürlich. Das größte Problem in der Hundeerziehung ist seit Jahren der "jagende Hund", das ist der Fachbegriff für den Hund, der einem Reh oder Hasen nachläuft. Der Hundehalter sagt: "Naja, der folgt seinem Instinkt." Er sucht eine Entschuldigung dafür, dass ihm der Hund nicht gehorcht, dabei ist der Ausbruch des Hundes auch eine Folge seiner Begrenzung. Ein Hund in der Natur jagt nicht, wenn er nicht muss. Warum sollte er unnötig Energie verschwenden? Der Mensch hat die Jagd auch aufgegeben, nachdem er den Ackerbau und de Viehzucht entdeckt hatte. Ist ja auch logisch. Wer will schon jagen, wenn es draußen schneit oder wenn man krank ist.

mm.de: Der Hund reißt nur aus, um sich an seinem Halter zu rächen?

Philipper: Natürlich. Wenn sein Frauchen oder Herrchen fünfmal "Sitz" sagt, wird er sich irgendwann hinsetzen, um den Konflikt zu vermeiden, genau wie der Ja-Sager - aber vergessen Sie nicht: Er macht es nicht freiwillig. Der Halter aber wertet es als Erfolg, vielleicht belohnt er ihn sogar, was absurd ist.

mm.de: Warum?

Philipper: Werden Sie von Ihrem Chef belohnt, wenn Sie statt um acht erst um zehn ins Büro kommen? Es klingt verrückt, aber genau das machen wir mit unseren Hunden, weil wir sie unterschätzen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass sie genau so ticken wie wir und weil wir uns freuen, dass sie überhaupt reagieren. Ich habe in der Hundeerziehung eine Form der Ausbildung entwickelt, die nicht auf Kommandos basiert und alle anderen Techniken in Frage stellt.

mm.de: Haben Sie ein Beispiel?

Philipper: Gern. Ich möchte, dass der Hund auf einen Pfiff zu mir kommt, und zwar so schnell er kann. Gebe ich ein Kommando, kann der Hund nicht mehr wählen, was bedeutet, dass er sofort in den Widerspruch geht. Ich muss also dafür sorgen, dass er die Entscheidung selbst trifft. Dazu nehme ich den Hund an eine lange Leine, gehe los, pfeife willkürlich und wechsle im gleichen Augenblick die Richtung. Ich sage nicht, was er tun soll, sondern verändere mein eigenes Verhalten. Der Hund beobachtet das immer wieder, und weil ich mich konstant verhalte, reagiert er irgendwann hundertprozentig verlässlich darauf, nicht weil er sich aufgefordert fühlt, sondern weil sein Unterbewusstsein die Kontrolle übernommen hat.

"Gute Führung gibt keine Kommandos, sondern stellt Optionen zur Auswahl"

mm.de: Im Büro kann der Chef kaum pfeifen, wenn der Mitarbeiter kommen soll.

Philipper: Es geht nicht um den Pfiff, sondern um das Prinzip dahinter: Gute Führung gibt keine Kommandos, sondern stellt Optionen zur Auswahl. Der Chef weiß, welche die beste ist, lässt sie den Mitarbeiter aber selbst erkennen und gibt ihm so das Gefühl, selbst entschieden zu haben. Wer jahrelang gut geführt hat, muss keine Optionen mehr zur Verfügung stellen. Ihm vertrauen die Mitarbeiter.

mm.de: Ein Chef, der vorher schon weiß, wie sein Mitarbeiter entscheiden wird, manipuliert ihn aber doch.

Philipper: Überhaupt nicht. Er formuliert eine Aufgabe zum Wohl des Mitarbeiters so, dass der sie annehmen kann. Am Ende profitieren beide.

mm.de: Sie behaupten, Anerkennung sei wichtiger als Belohnung. Kann eine Belohnung unter bestimmten Umständen dennoch förderlich sein?

Philipper: Jemanden belohnen muss ich nur, wenn ich ihm vorher etwas aufgezwungen habe. Gute Führung schafft es, dass Mitarbeiter ihre Aufgaben freiwillig in Angriff nehmen, weil sie verinnerlicht haben, dass es keine niedrigen Aufgaben gibt. Je mehr ein Chef belohnt, desto schwächer ist seine Führung.

mm.de: Gilt das auch für Hundehalter?

Philipper: Absolut. Ich arbeite nicht mit Leckerlis und dergleichen. Ich sage auch nicht "Fein" oder "Brav", damit reduziere ich den Hund doch nur, das sind alles Verschleierungstechniken für mein Versagen. Genau wie ein Mitarbeiter durchschaut jeder Hund, wenn sein Chef nicht authentisch und souverän ist. Vergessen Sie nie: Menschen suchen Sicherheit. Und sie finden sie in dem Chef, der verlässlich und glaubwürdig ist, der sich konstant verhält, der ein Regelwerk, eine Struktur aufgebaut hat. Ein Chef muss sagen, was er tut, und tun, was er sagt. Er muss seine Versprechen halten. Und er muss Entscheidungen treffen.

mm.de: Wer Entscheidungen trifft, wird zwangsläufig andere vor den Kopf stoßen...

Philipper: Wenn ein Chef von allen gemocht werden will, hat das fatale Konsequenzen, weil es bedeutet, dass er seine Meinung ständig anpassen müsste. Wenn jemand versteht, dass gute Führung nicht fehlerlos, aber zuverlässig sein muss, solange sie die Fehler reflektiert und in zukünftige Entscheidungen miteinbezieht, hat er weniger Angst, und wer weniger Angst hat, wird sicherer, und wer sicherer wird, macht weniger Fehler und so weiter. Am Ende stellen sich eine Ausstrahlung und Souveränität ein, die man nicht simulieren kann. Letztendlich wird man respektiert, vielleicht sogar geliebt. Ein guter Chef steht nicht über dem Team, sondern wächst aus ihm heraus zum Primus inter pares, zum Ersten unter Gleichen.

mm.de: Was halten Sie von Körperspracheseminaren?

Philipper: Ein hilfloser Versuch, jemandem beizubringen, wie er Führungsstärke simulieren kann. Führungserfolg verändert die Körpersprache automatisch, alles andere wird in die Hose gehen, vielleicht sogar lächerlich oder abstoßend wirken. Ich kenne Menschen, die können mit einem schmutzigen T-Shirt ins Büro kommen und werden in vollem Maße respektiert.

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