Henrik Müller

Preistreiber in der Eurozone Wie Draghis Niedrigzinsen Mieter ärmer machen

Wohnen wird immer teurer. Gerade in den Metropolen explodieren Mieten und Immobilienpreise. Dabei sollten die niedrigen Zinsen die Lage doch eigentlich entspannen. Tatsächlich geschieht das Gegenteil.
Wohnungen in Hamburg: Die Mieten explodieren, die Zinsen bleiben unten

Wohnungen in Hamburg: Die Mieten explodieren, die Zinsen bleiben unten

Foto: Axel Heimken/ picture alliance/dpa

Acht Jahre und fünf Monate - solange müssen Anleger der Bundesrepublik Geld leihen, um überhaupt eine positive Verzinsung zu erzielen. Wertpapiere mit kürzeren Laufzeiten wiesen am Freitag negative Renditen auf. Das heißt: Sie sind so teuer, dass sie ihren garantierten Zinssatz nicht verdienen.

Diese Zahlen haben etwas Tragisches: Sparer finden immer noch keine zinsbringenden sicheren Geldanlagen; vorige Woche sackten die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen wieder in den negativen Bereich, erstmals seit Jahren. Die Notenbanken scheinen mit ihrer Strategie zu scheitern, allmählich die Zinsen auf ein halbwegs normales Niveau nach oben zu schleusen und die Wirtschaft dauerhaft zu stabilisieren.

Aber was heißt schon normal? Elf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist eine neue Normalität eingekehrt. Die Ära des extrem billigen Geldes ist längst nicht vorbei. Nun drückt die schwache Konjunktur, insbesondere in Deutschland (achten Sie auf die Signale von der Hannover-Messe ab Montag), erneut auf die Zinsen.

Szenenwechsel. Für kommenden Samstag hat das Aktionsbündnis "#mietenwahnsinn" bundesweit zu Demonstrationen aufgerufen. Auch international sind Proteste geplant. Es geht um teures Wohnen in den großen Städten und die Verdrängung ansässiger Mieter aus bislang preiswerten Quartieren. Parallel dazu startet in Berlin ein Volksbegehren für die Enteignung von Wohnungskonzernen, die mehr als 3000 Wohneinheiten besitzen.

Beides hat etwas miteinander zu tun. Die niedrigen Zinsen sollten eigentlich dem Wohnungsbau nützen und damit die Lage an den Wohnungsmärkten entspannen. Aber das geschieht nicht. Stattdessen sieht es so aus, als ob die niedrigen Zinsen zu einer Inflation der Wohnkosten beitragen. Wie kann das sein?

Mietsteigerungen um 50 Prozent

So ist die Lage: Neuvermietete Wohnungen sind heute in den sieben größten deutschen Städten rund 50 Prozent teurer als 2010; im bundesweiten Trend beträgt der Preisanstieg immerhin ein Drittel. Bestehende Mietverhältnisse, durch allerlei gesetzliche Vorgaben geschützt, sind im selben Zeitraum um rund zehn Prozent teurer geworden, wie der Wirtschafts-Sachverständigenrat ("Fünf Weise") berechnet hat .

Nun gibt es einige reale Gründe für diese Preissteigerungen. Die Wohnbevölkerung in Deutschland wächst. Insbesondere die großen Städte erfreuen sich einigen Zuzugs. Auch die Einkommen steigen seit ein paar Jahren wieder merklich, sodass viele Bürger mehr fürs Wohnen ausgeben können.

Aber Mieterhöhungen in derartigen Größenordnungen sind durch Demographie und Einkommen allein kaum erklärbar. Ein anderer Faktor kommt hinzu: Immobilien und Bauen sind erheblich teurer geworden. Und dabei spielen die niedrigen Zinsen wiederum eine Rolle.

manager-magazin.de

Billiges Geld schürt Bauinflation

Weil andere Formen der Geldanlage immer teurer und unattraktiver geworden sind, ist viel Geld in die Immobilienmärkte geflossen und hat auch dort die Preise in die Höhe getrieben. Im bundesweiten Schnitt kosten Wohnimmobilien laut Bundesbank-Berechnungen 50 Prozent mehr als 2010. In den Großstädten ist der Anstieg noch deutlich kräftiger.

Wer Geld in vermietetem Wohnraum anlegen will, um der Niedrigzinsfalle zu entkommen, kauft überteuerte Bestandswohnungen. Entsprechend steigt der Druck, die Mieten zu erhöhen.

Auch die Schaffung neuen Wohnraums ist deutlich im Preis gestiegen. In den Ballungsräumen werden für Grundstücke Mondpreise erzielt. Und da in der Baubranche längst die Kapazitäten ausgereizt sind, steigen die Baukosten inzwischen viel schneller als die Verbraucherpreise; Erdarbeiten beispielsweise sind binnen eines Jahres um siebeneinhalb Prozent teurer geworden, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. 

Die höheren Kosten versuchen Investoren durch höhere Mieten hereinzuholen. Knapp ist preisgünstiger Wohnraum in den Städten. Doch gerade dort explodieren die Bodenpreise.

Der alte Zusammenhang ist noch intakt: Billiges Geld schürt die Inflation. Die Verbraucherpreise mögen im Durchschnitt kaum steigen. Aber bei Vermögenswerten und Wohnkosten ist der Inflationseffekt deutlich sichtbar. Wer ist schuld? Mario Draghi, wie in Deutschland viele glauben? Das wäre ein bisschen zu einfach.

Draghis Dilemma und die Leiden der Weltwirtschaft

Unter Draghis Führung hat die Europäische Zentralbank (EZB) zwar massiv in die Finanzmärkte eingegriffen und mit ihren billionenschweren Anleihekäufen dazu beitragen, dass die langfristigen Zinsen stark gesunken sind. Aber zur Wahrheit gehört auch: Die EZB ist Teil eines weltweiten Trends. Rund um den Globus sind die Zinsen tief gesunken. Parallel dazu sind die Immobilienpreise durch die Decke gegangen.

Der globale Hauspreisindex des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat ein Niveau erreicht, das höher ist als vor dem Crash von 2007.

In 40 von den insgesamt 63 Ländern, die der IWF-Index berücksichtigt, sind im vorigen Jahr die Immobilienpreise weiter gestiegen - am stärksten in Hongkong, Deutschland liegt immerhin auf Platz 9.

Extrem niedrige Zinsen und steigende Immobilienpreise sind ein weltweites Phänomen. Der Kurs der Notenbanken haben dazu beigetragen, aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, darunter die Demographie (eine große Generation von Sparern sucht rund um den Globus nach Anlagemöglichkeiten und treibt damit die Preise in die Höhe) und die Globalisierung (die die Metropolen begünstigt und flüssige Mittel über die Grenzen schwappen lässt).

Eine ganze Kette von Preisblasen bläht sich auf, die irgendwann wieder in sich zusammenfallen. Administrative Maßnahmen wie die Mietpreisbremse oder rechtlich wie ökonomisch fragwürdige Verstaatlichungen werden daran nichts Grundsätzliches ändern. Das viele Geld bahnt sich seinen Weg in die Märkte, auch wenn hier und da Schleusentore eingezogen werden.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

MONTAG Hannover - Industrie, nach dem Boom - Beginn der Hannover Messe (bis Freitag). Nach einem langen Aufschwung steht die Industrie vor großen Umbrüchen. Die internationale Nachfrage nach Investitionsgütern lahmt, weil die globalen Handelsstreitigkeiten und der Brexit ihren Tribut fordern. Digitalisierung und E-Mobilität tragen zum Strukturwandel bei.

DIENSTAG Sydney - Down under - Die australische Notenbank entscheidet über den weiteren Kurs. Nach zweieinhalb Jahrzehnten Aufschwung stottert die Wirtschaft. Die Immobilienmärkte gehören nach IWF-Berechnungen zu teuersten der Welt, gemessen an den Einkommen der Bevölkerung. Inzwischen ist die Blase geplatzt. Viel Spielraum nach unten hat die Notenbank nicht: Der Leitzins liegt bei nur 1,5 Prozent.

MITTWOCH Frankfurt - Industriekonjunktur I - Neue Zahlen zum Auftragseingang der Maschinenbauer vom Verband VDMA.

Washington - Westliche Sicherheit - Außenministertreffen anlässlich des 70. Jahrestag der Nato-Gründung (bis Donnerstag). Man darf gespannt sein, ob Deutschland erneut wegen der Verteidigungsausgaben am Pranger steht.

DONNERSTAG Aschheim - Schillernder Aufsteiger - Der Bezahldienstleister Wirecard bittet zur Bilanzpressekonferenz. Neue Enthüllungen der "Financial Times" über asiatische Geschäftspartner und Geschäftspraktiken des Dax-Konzerns werfen Fragen auf.

FREITAG

Bukarest - Euro-Stabilität - Informelles Treffen der EU-Finanzminister und der Euro-Finanzminister (bis Samstag). Im Vordergrund dürften vor allem die Folgen des Brexit-Chaos stehen.

Wiesbaden - Industriekonjunktur II - Neue Zahlen zur Produktion im produzierenden Gewerbe in Deutschland. Zuletzt war der Output rückläufig.

SAMSTAG Berlin/bundesweit - Demowelle - In diversen Städten sind Proteste gegen teures Wohnen angekündigt. Auch anderswo in Europa, darunter in Barcelona, Lissabon und Amsterdam, sind Demonstrationen angekündigt. Parallel dazu startet das Volksbegehren zur Enteignung von Wohnkonzernen in Berlin.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.