Dienstag, 17. September 2019

Arbeiten in der Start-up-Welt Das Blendwerk der Möchtegern-Stars

Westend61/ imago images

Welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort "Start-up" hören? Denken Sie an flache Hierarchien, flexibles Arbeiten, an Diversität, Aufstiegschancen, Selbstbestimmung und Kreativität? An New Work in Reinform? An ein Unternehmen, das die Welt aus den Angeln heben oder sie zumindest durch die Erfindung eines neuen Produkts oder einer innovativen Dienstleistung ein kleines bisschen besser machen möchte?

Stephan Grabmeier
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    Kienbaum
    Stephan Grabmeier sorgt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum dafür, dass neue Services, Produkte und Geschäftsmodelle in die Welt kommen. Zudem betreut er die Start-up-Beteiligungen des Unternehmens. Seine Business Rebellen Talks sowie weitere Artikel zu Innovation und New Work sind auf seinem Blog www.stephangrabmeier.de zu finden.

Sie sitzen gerade vor diesem Artikel und nicken? Dann sind Sie leider ein hoffnungsloser Romantiker. Denn ein Großteil der hoch gelobten Gründerszene ist oft weit entfernt von nachhaltigem Erfolg. Sie hebt sich wegen mangelnder unternehmerischer Reife lieber mal selbst aus den Angeln, wie die wochenlang öffentlich ausgetragene Schlammschlacht zwischen dem Von-Floerke-Gründer David Schirrmacher mit seinem Zieh-"Löwen" und Investor Frank Thelen offenbarte. Eine Reality Case Study, die so ziemlich alle Zutaten hat, die vermeintlich schöne neue Arbeitswelt zu entlarven.

Traumhafte Scheinwelt

Tatsächlich schien es lange Zeit, als seien Start-ups die perfekte Verkörperung der New-Work-Bewegung - mit all den oben genannten Komponenten. Die Wahrheit ist jedoch, dass das vieles, was Mitarbeiter dort präsentiert bekommen, vor allem eines ist: Blendwerk.

Berliner Blender: Die gefährliche Fake-Kultur in der Start-up-Szene

Coole Büros mit bequemer Sitzlandschaft, Tischkicker, Bällebad, Health Food und Napping-Kabinen alleine lösen noch lange keine Veränderung der Arbeitswelt aus. Sie suggerieren nur eine traumhafte Scheinwelt. In den meisten Start-ups bilden diese Dinge nur eine schöne Kulisse - für eine Arbeitsweise, die altmodischer nicht sein kann und die man, wenn man es nicht besser wüsste, in einem längst vergangenen Jahrzehnt verorten würde.

In ihren Büchern haben der amerikanische Journalist Dan Lyons ("Disrupted - My Misadventure in the Startup Bubble") und die französische Autorin Mathilde Ramadier ("Bienvenue dans la nouvelle monde") eindrucksvoll beschrieben, dass ihre Start-up-Erfahrungen rein gar nichts mit der vermeintlichen Gründerphilosophie "Wir sind doch alle eine Familie" zu tun haben. Mitbestimmung, Sinn und Verantwortung sind nichts als faule Versprechungen, attestieren die Autoren. Berufsbezeichnungen wie "Content Manager" oder "People Manager" klingen zwar aufregender als früher, doch letztlich sind die Angestellten in vielen Start-ups genauso austauschbare Rädchen im Getriebe wie in herkömmlichen Betrieben. Allerdings zu Praktikantenlohn, weit unter Augenhöhe und ohne jegliche Achtsamkeit seitens ihrer Chefs.

Neoliberalismus mit New-Work-Brimborium

Und das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit. Selbst das Silicon Valley, nach wie vor der Vorzeige-Hot-Spot der Start-up-Welt, gilt seit einigen Jahren als entzaubert. Immer mehr unangenehme Geschichten machten die Runde, die im Kern alle die gleichen Vorwürfe beinhalteten: Die Start-up-Szene werde dominiert von Gier, Selbstherrlichkeit, Machogehabe und Sexismus. Insider konstatierten resigniert, dass auch in der vermeintlich progressiven Start-up-Szene weiterhin der weiße, mächtige Mann dominiere, dem es vor allem um eines gehe: seinen Profit.

Es wird Zeit, sich von einer Illusion zu verabschieden: Start-up-Gründer und Investoren sind nicht die Weltverbesserer, als die sie sich gerne ausgeben, sondern folgen in den meisten Fällen einer neoliberalen Marktlogik mit aufgesetztem New-Work-Brimborium. Eine Studie von KPMG ergab, dass Venture-Capital-Unternehmen weltweit allein im ersten Quartal 2018 49,3 Milliarden US-Dollar investiert haben - immer mit dem Ziel das nächste Unicorn zu kreieren, also ein Unternehmen, das bereits vor dem Börsengang mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet wird. 326 dieser Einhörner gibt es laut dem Global Venture Capital Report der Venture-Capital-Datenbank CB Insights aktuell weltweit. 156 von ihnen sind in den USA angesiedelt, 92 in China. Deutschland landet hinter Großbritannien und Indien auf Rang fünf, hierzulande haben zurzeit neun Unternehmen Einhorn-Status, darunter die Online-Bank N26, das Berliner Reise-Start-up Goeuro, das seit kurzem unter dem Markennamen Omio auftritt, und der Online-Modehändler About You.

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