Arbeiten in der Start-up-Welt Das Blendwerk der Möchtegern-Stars

Von Stephan Grabmeier
Von Stephan Grabmeier
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Welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort "Start-up" hören? Denken Sie an flache Hierarchien, flexibles Arbeiten, an Diversität, Aufstiegschancen, Selbstbestimmung und Kreativität? An New Work in Reinform? An ein Unternehmen, das die Welt aus den Angeln heben oder sie zumindest durch die Erfindung eines neuen Produkts oder einer innovativen Dienstleistung ein kleines bisschen besser machen möchte?

Stephan Grabmeier
Foto: Kienbaum

Stephan Grabmeier sorgt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum dafür, dass neue Services, Produkte und Geschäftsmodelle in die Welt kommen. Zudem betreut er die Start-up-Beteiligungen des Unternehmens. Seine Business Rebellen Talks sowie weitere Artikel zu Innovation und New Work sind auf seinem Blog www.stephangrabmeier.de  zu finden.

Sie sitzen gerade vor diesem Artikel und nicken? Dann sind Sie leider ein hoffnungsloser Romantiker. Denn ein Großteil der hoch gelobten Gründerszene ist oft weit entfernt von nachhaltigem Erfolg. Sie hebt sich wegen mangelnder unternehmerischer Reife lieber mal selbst aus den Angeln, wie die wochenlang öffentlich ausgetragene Schlammschlacht zwischen dem Von-Floerke-Gründer David Schirrmacher mit seinem Zieh-"Löwen" und Investor Frank Thelen offenbarte . Eine Reality Case Study, die so ziemlich alle Zutaten hat, die vermeintlich schöne neue Arbeitswelt zu entlarven.

Traumhafte Scheinwelt

Tatsächlich schien es lange Zeit, als seien Start-ups die perfekte Verkörperung der New-Work-Bewegung - mit all den oben genannten Komponenten. Die Wahrheit ist jedoch, dass das vieles, was Mitarbeiter dort präsentiert bekommen, vor allem eines ist: Blendwerk.

Berliner Blender: Die gefährliche Fake-Kultur in der Start-up-Szene 

Coole Büros mit bequemer Sitzlandschaft, Tischkicker, Bällebad, Health Food und Napping-Kabinen alleine lösen noch lange keine Veränderung der Arbeitswelt aus. Sie suggerieren nur eine traumhafte Scheinwelt. In den meisten Start-ups bilden diese Dinge nur eine schöne Kulisse - für eine Arbeitsweise, die altmodischer nicht sein kann und die man, wenn man es nicht besser wüsste, in einem längst vergangenen Jahrzehnt verorten würde.

In ihren Büchern haben der amerikanische Journalist Dan Lyons ("Disrupted - My Misadventure in the Startup Bubble") und die französische Autorin Mathilde Ramadier ("Bienvenue dans la nouvelle monde") eindrucksvoll beschrieben, dass ihre Start-up-Erfahrungen rein gar nichts mit der vermeintlichen Gründerphilosophie "Wir sind doch alle eine Familie" zu tun haben. Mitbestimmung, Sinn und Verantwortung sind nichts als faule Versprechungen, attestieren die Autoren. Berufsbezeichnungen wie "Content Manager" oder "People Manager" klingen zwar aufregender als früher, doch letztlich sind die Angestellten in vielen Start-ups genauso austauschbare Rädchen im Getriebe wie in herkömmlichen Betrieben. Allerdings zu Praktikantenlohn, weit unter Augenhöhe und ohne jegliche Achtsamkeit seitens ihrer Chefs.

Neoliberalismus mit New-Work-Brimborium

Und das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit. Selbst das Silicon Valley, nach wie vor der Vorzeige-Hot-Spot der Start-up-Welt, gilt seit einigen Jahren als entzaubert. Immer mehr unangenehme Geschichten machten die Runde, die im Kern alle die gleichen Vorwürfe beinhalteten: Die Start-up-Szene werde dominiert von Gier, Selbstherrlichkeit, Machogehabe und Sexismus. Insider konstatierten resigniert, dass auch in der vermeintlich progressiven Start-up-Szene weiterhin der weiße, mächtige Mann dominiere, dem es vor allem um eines gehe: seinen Profit.

Es wird Zeit, sich von einer Illusion zu verabschieden: Start-up-Gründer und Investoren sind nicht die Weltverbesserer, als die sie sich gerne ausgeben, sondern folgen in den meisten Fällen einer neoliberalen Marktlogik mit aufgesetztem New-Work-Brimborium. Eine Studie von KPMG ergab, dass Venture-Capital-Unternehmen weltweit allein im ersten Quartal 2018 49,3 Milliarden US-Dollar investiert haben - immer mit dem Ziel das nächste Unicorn zu kreieren, also ein Unternehmen, das bereits vor dem Börsengang mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet wird. 326 dieser Einhörner gibt es laut dem Global Venture Capital Report der Venture-Capital-Datenbank CB Insights aktuell weltweit. 156 von ihnen sind in den USA angesiedelt, 92 in China. Deutschland landet hinter Großbritannien und Indien auf Rang fünf, hierzulande haben zurzeit neun Unternehmen Einhorn-Status, darunter die Online-Bank N26, das Berliner Reise-Start-up Goeuro, das seit kurzem unter dem Markennamen Omio auftritt, und der Online-Modehändler About You.

Neun von zehn Start-ups scheitern

Eine solche Entwicklung ist allerdings die absolute Ausnahme. Nur eines von zehn Start-ups wird richtig erfolgreich, neun gehen bereits innerhalb der ersten drei Jahre nach ihrer Gründung pleite. Sogar ehemalige Stars der Start-up-Szene sind davor nicht geschützt - etwa, wenn sie die erhoffte und versprochene Anschlussfinanzierung nicht erhalten. Prominente Beispiele der letzten Jahre waren Auctionata, Move24, Dawanda und Lesara.

Dan Lyons, der ein Jahr lang in einem amerikanischen Tech-Start-up tätig war, fasst die Situation folgendermaßen zusammen: "In der Tech-Industrie geht es nicht mehr um ein Produkt. Der Markt bezahlt dafür, dass deine Firma schnell wächst. Du musst nicht profitabel sein, aber sehr schnell skalieren."

Es ist offensichtlich dieser entscheidende Fehler, den - neben anderen - auch Von-Floerke-Gründer Schirrmacher beging. Bedingungsloses Wachstum, getreu dem Motto: Nach uns die Sintflut! Wenn zwei Jahre nach dem hoffnungsvollen Start alle 20 Mitarbeiter entlassen werden müssen, dann ist das eben so.

New Work braucht weder Trampolin noch Tischkicker

Wer so denkt, ist von den wahren Inhalten der New Work-Bewegung so weit entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann. New Work ist nicht nur ein Stempel, den man bekommt, wenn man eine ausreichende Anzahl an Spielekonsolen in seinem schicken Büroloft platziert. New Work entsteht nicht durch die Kapitalbrutkästen von Finanzinvestoren, sondern durch echte Unternehmerinnen und Unternehmer, die Verantwortung für sich, ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter übernehmen. Dazu braucht es weder Trampolin noch Tischkicker. Oder können Sie sich vorstellen, wie nachhaltige und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Unternehmer wie Michael Otto, Claus Hipp, Dirk Roßmann oder Wolfgang Grupp zusammen mit ihren Mitarbeitern mal eben in der Mittagspause in ein Bällebad hüpfen? Ich auch nicht. Die Welt - und die deutsche Wirtschaft - verändert haben sie trotzdem.

Mehr als 99 Prozent aller Firmen in Deutschland sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die maximal 500 Mitarbeiter beschäftigen. Sie stellen mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze und erwirtschaften dabei mehr als jeden zweiten Euro (Nettowertschöpfung). Sie haben nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen, ganze Regionen und Infrastrukturen gestaltet und gesellschaftliche Verantwortung übernommen.

Dirk Roßmann beispielsweise ist als 18-Jähriger auf eine hohe Eiche auf dem Bundeswehrgelände geklettert. Als Ausdruck des Protests über seine Rekrutierung, gegen die er bereits gerichtlich vorgegangen war. Roßmann kam erst wieder herunter, als absehbar war, dass man ihn nicht weiter behelligen würde.

Heute hat Roßmann etwa 3800 Drogeriemärkte mit rund 50.000 Mitarbeitern. Er hat das Unmögliche gedacht - wie es auch viele Gründer mit Unternehmergen für ein besseres Wirtschaften tun. Dann aber hat er Durchhaltevermögen und Weitblick bewiesen. Für nachhaltigen Unternehmenserfolg braucht es eben mehr Substanz, als beim "Pitch" eine TV-Jury zu begeistern. Und es braucht mehr Verantwortung, die Welt ernsthaft zu verbessern als exitgetriebene Investment-Start-up-Hasardeure.

Sinn- statt Gewinnmaximierung

"Wenn aus klein systemisch wird" lautet der Titel einer aktuellen Studie von McKinsey und Ashoka zu sozialen Innovationen. Allein in Deutschland gibt es mehr als 1700 Social Entrepreneurs, die Zukunft gestalten. Für die Umbrüche in unserer Gesellschaft, wie den demografischen Wandel, die weltweite Mobilitat, Landflucht, Digitalisierung der Arbeitswelt und so weiter, reicht unser traditionelles Verstandnis einer rein kapitalistischen Start-up-Kultur nicht aus. So wie bisher lassen sich nicht alle durch diese Entwicklungen aufgeworfenen Fragen beantworten. Dafür benotigen wir aber Losungen - gesellschaftliche und wirtschaftliche.

Sozialunternehmer - oder Social Entrepreneurs - gehoren zu denjenigen, die solche Losungen entwickeln. Sie lindern nicht nur Symptome gesellschaftlicher Probleme, sie beheben die Ursachen. Sie zeichnen sich aus durch unternehmerischen Geist, Kreativitat, Risikobereitschaft und Durchhaltevermogen. Gebt den Gründern, die enkelfähig und nachhaltig agieren, Geld und Ressourcen, denn nur diese Gründer übernehmen wirklich Verantwortung. Für sich und für die Gesellschaft. Dann wird aus Sinn auch Gewinn.

Stephan Grabmeier ist Chief Innovation Officer bei Kienbaum und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.