Mittwoch, 13. November 2019

Arbeiten in der Start-up-Welt Das Blendwerk der Möchtegern-Stars

Westend61/ imago images

2. Teil: Neun von zehn Start-ups scheitern

Eine solche Entwicklung ist allerdings die absolute Ausnahme. Nur eines von zehn Start-ups wird richtig erfolgreich, neun gehen bereits innerhalb der ersten drei Jahre nach ihrer Gründung pleite. Sogar ehemalige Stars der Start-up-Szene sind davor nicht geschützt - etwa, wenn sie die erhoffte und versprochene Anschlussfinanzierung nicht erhalten. Prominente Beispiele der letzten Jahre waren Auctionata, Move24, Dawanda und Lesara.

Dan Lyons, der ein Jahr lang in einem amerikanischen Tech-Start-up tätig war, fasst die Situation folgendermaßen zusammen: "In der Tech-Industrie geht es nicht mehr um ein Produkt. Der Markt bezahlt dafür, dass deine Firma schnell wächst. Du musst nicht profitabel sein, aber sehr schnell skalieren."

Es ist offensichtlich dieser entscheidende Fehler, den - neben anderen - auch Von-Floerke-Gründer Schirrmacher beging. Bedingungsloses Wachstum, getreu dem Motto: Nach uns die Sintflut! Wenn zwei Jahre nach dem hoffnungsvollen Start alle 20 Mitarbeiter entlassen werden müssen, dann ist das eben so.

New Work braucht weder Trampolin noch Tischkicker

Wer so denkt, ist von den wahren Inhalten der New Work-Bewegung so weit entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann. New Work ist nicht nur ein Stempel, den man bekommt, wenn man eine ausreichende Anzahl an Spielekonsolen in seinem schicken Büroloft platziert. New Work entsteht nicht durch die Kapitalbrutkästen von Finanzinvestoren, sondern durch echte Unternehmerinnen und Unternehmer, die Verantwortung für sich, ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter übernehmen. Dazu braucht es weder Trampolin noch Tischkicker. Oder können Sie sich vorstellen, wie nachhaltige und gesellschaftlich verantwortungsbewusste Unternehmer wie Michael Otto, Claus Hipp, Dirk Roßmann oder Wolfgang Grupp zusammen mit ihren Mitarbeitern mal eben in der Mittagspause in ein Bällebad hüpfen? Ich auch nicht. Die Welt - und die deutsche Wirtschaft - verändert haben sie trotzdem.

Mehr als 99 Prozent aller Firmen in Deutschland sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die maximal 500 Mitarbeiter beschäftigen. Sie stellen mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze und erwirtschaften dabei mehr als jeden zweiten Euro (Nettowertschöpfung). Sie haben nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen, ganze Regionen und Infrastrukturen gestaltet und gesellschaftliche Verantwortung übernommen.

Dirk Roßmann beispielsweise ist als 18-Jähriger auf eine hohe Eiche auf dem Bundeswehrgelände geklettert. Als Ausdruck des Protests über seine Rekrutierung, gegen die er bereits gerichtlich vorgegangen war. Roßmann kam erst wieder herunter, als absehbar war, dass man ihn nicht weiter behelligen würde.

Heute hat Roßmann etwa 3800 Drogeriemärkte mit rund 50.000 Mitarbeitern. Er hat das Unmögliche gedacht - wie es auch viele Gründer mit Unternehmergen für ein besseres Wirtschaften tun. Dann aber hat er Durchhaltevermögen und Weitblick bewiesen. Für nachhaltigen Unternehmenserfolg braucht es eben mehr Substanz, als beim "Pitch" eine TV-Jury zu begeistern. Und es braucht mehr Verantwortung, die Welt ernsthaft zu verbessern als exitgetriebene Investment-Start-up-Hasardeure.

Sinn- statt Gewinnmaximierung

"Wenn aus klein systemisch wird" lautet der Titel einer aktuellen Studie von McKinsey und Ashoka zu sozialen Innovationen. Allein in Deutschland gibt es mehr als 1700 Social Entrepreneurs, die Zukunft gestalten. Für die Umbrüche in unserer Gesellschaft, wie den demografischen Wandel, die weltweite Mobilitat, Landflucht, Digitalisierung der Arbeitswelt und so weiter, reicht unser traditionelles Verstandnis einer rein kapitalistischen Start-up-Kultur nicht aus. So wie bisher lassen sich nicht alle durch diese Entwicklungen aufgeworfenen Fragen beantworten. Dafür benotigen wir aber Losungen - gesellschaftliche und wirtschaftliche.

Sozialunternehmer - oder Social Entrepreneurs - gehoren zu denjenigen, die solche Losungen entwickeln. Sie lindern nicht nur Symptome gesellschaftlicher Probleme, sie beheben die Ursachen. Sie zeichnen sich aus durch unternehmerischen Geist, Kreativitat, Risikobereitschaft und Durchhaltevermogen. Gebt den Gründern, die enkelfähig und nachhaltig agieren, Geld und Ressourcen, denn nur diese Gründer übernehmen wirklich Verantwortung. Für sich und für die Gesellschaft. Dann wird aus Sinn auch Gewinn.

Stephan Grabmeier ist Chief Innovation Officer bei Kienbaum und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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