Acht Fragen zum Jahresende Haben Sie das Bestmögliche für Ihr Glück getan?

Von Ilona Bürgel
Wo ist das Glück? Wer es zu sehr sucht, läuft Gefahr, es zu verpassen

Wo ist das Glück? Wer es zu sehr sucht, läuft Gefahr, es zu verpassen

Foto: Dan Peled/ dpa
Ilona Bürgel

Die Psychologin Ilona Bürgel zählt zu den führenden Vertretern der Positiven Psychologie im deutschsprachigen Raum. Sie will aufzeigen, wie der Spagat zwischen Lust auf Leistung und Erhalt der eigenen Ressourcen gelingen kann. Nach 15 Jahren in Führungspositionen ist sie heute Referentin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin. Ilona Bürgel lebt und arbeitet in Dresden und im dänischen Århus. Hier geht es zu ihrer Website. 

Mit dem Glück ist das so eine Sache. Haben wir es, merken wir es oft nicht. Oder erst, wenn es vorbei ist. Haben wir es nicht, jagen wir ihm hinterher. Getrieben von einer Kultur, die uns das Glück wie einen Wurstzipfel vor die Nase hält. Manchmal schnappen wir ihn uns. Doch schon hängt der nächste, noch mehr Erfüllung versprechende vor uns, und so hetzen wir durchs Leben. Gerade zu Weihnachten legen wir noch einen Zahn zu. Bis wir unter dem Weihnachtsbaum sitzen und vor Erschöpfung das Glück nicht merken oder es und mit zu hohen Erwartungen verderben. Was hilft? Inne halten. Und sich einige interessante Glücksfragen stellen. Hier kommen dafür acht Anregungen von Experten in Sachen Positiver Psychologie.

Sie können sie als Leitfaden für einen persönlichen Jahresrückblick nutzen. Für sich allein, oder gemeinsam mit anderen. Sie werden sehen, auch wir, die wir uns beruflich mit dem positiven Blick auf die Welt befassen, haben die gleichen Fragen, Hindernisse und Stolpersteine wie Sie. Was zählt ist die Kunst, die Perspektive immer wieder zu ändern. Die Wissenschaft sagt dazu die Priorisierung des Positiven. Das Schwierige, Unerwartete, Unglückliche realistisch zu sehen und ins Verhältnis zu dem immer in größerer Menge vorhandenen Positiven zu setzen.

Haben Sie das Bestmögliche für Ihr Glück getan?

Wenn dem so ist - und dabei zählen nur Ihre eigenen Maßstäbe - dann ist es völlig egal, wie dieses Jahr zu Ende geht. Denn auch Missglücktes oder Unerwartetes zählt dazu. Nicht nur Gelingendes und Einfaches. Eine gute Basis wäre, dass Sie überhaupt etwas für Ihr Glück tun und dies nicht anderen überlassen. Dazu zählt auch scheinbar Simples, wie das Nutzen von Gleitzeit oder wirklich mittags Pause zu machen. Haben Sie Sport getrieben, regelmäßig gegessen und Freundschaften gepflegt? Sind Sie einem Hobby nachgegangen und haben Sie Ihren Optimismus gestärkt? Auch jede Investition in Ihr Team und für ein gutes Betriebsklima kommt positiv zu Ihnen zurück.

Geht's auch ohne Glück?

Das fragt Karl Allmer, Veränderungsexistenzialist und Lebenskünstler: "Glück ist ein sehr großes Wort. Die Erwartungshaltung, die wir an dieses Wort stellen, ist schier unglaublich. Wir sind ständig auf der Suche danach, möchten es immer erleben. Und es ist auch kein Wunder, suggeriert uns doch die Werbung täglich, Glück ist ganz einfach zu haben. Deshalb sind sehr viele Menschen immer versucht, den entscheidenden Glücksmoment zu erhaschen. Es soll sogar Menschen geben, die unglücklich werden, weil sie das Glück nicht erreichen können. Und das geschieht nur für ein Wort. Wie alles Dasein in der Natur, so besteht auch das menschliche Leben aus Polarität. Beziehe deshalb die Gegensätze des Lebens mit ein in dein Leben - schließe Freundschaft mit Ihnen. Entscheidend im Leben ist die Haltung, die wir einnehmen - egal ob dem Glück oder Unglück gegenüber."

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Welchen Preis hat Glück?

Die Antwort von Christina Grübl, Happiness & DIY Bloggerin, heißt: Geduld. "Glück kommt nicht auf Knopfdruck. Das Glück kommt zu denen, die geduldig sind und warten können. Was mir als extrem ungeduldigen Menschen nicht gerade gelegen kommt. Aber mit dem Glück ist es leider so wie mit vielen anderen Dingen im Leben: Alles hat seine Zeit. Und das habe ich besonders in diesem Jahr einmal wieder gelernt und übe mich deshalb in Geduld. Wenn man dem Glück nachjagt, treibt man es immer vor sich her. Glück ist etwas, das aus sich selbst heraus entstehen muss. Man kann es weder herbeiwünschen, noch kann man es erzwingen. Immer wenn ich es jedoch ein bisschen losgelassen habe, und auch das Unglück akzeptiert hatte, hat sich das Glück wieder ganz langsam eingeschlichen."

Wie realistisch ist Ihr Glückskonzept?

Fragt "Glücksministerin" Gina Schöler. "Denn: Es kommt immer anders als man denkt. Oder heißt es nicht viel eher: Es kommt immer anders, wenn man denkt? Oft strukturieren wir alles so sehr, dass wir vor lauter Plänen und Terminen vergessen, dass das wahre Leben einfach so an uns vorbeizieht, wir es verpassen, uns entwöhnen oder vor lauter Gedanken die Gefühle vernachlässigen. Doch das Leben lässt sich nicht auf einem Reißbrett zeichnen und haargenau vorausplanen. Es geschehen unvorhergesehene Dinge, überall lauern die schönsten Höhenflüge und eben auch die grauesten Tiefschläge. Beruflich wie privat.

Das eigene Energielevel und die Gesundheit sind mal hoch und wir sprühen vor Tatendrang und Ideen, mal sind wir niedergeschlagen und wissen nicht weiter. Wir sollten unsere Vorstellung und die Erwartung an das perfekte Leben, das allumfassende Glück auf eine realistische Ebene bringen und wahrnehmen, was ist - samt allen Facetten, die zum wahren Leben eben dazugehören. Nur so können wir wahrhaftig reflektieren und uns bewusst entscheiden, wie wir mit den verschiedenen Lebensphasen umgehen können."

Komfortzonen und Glücksvernichter

Wo verlassen Sie die Komfortzone, um glücklich zu sein?

Das fragt der Psychologe und Trainer für Positive Psychologie Michael Tomoff. Anders formuliert: Was lernen Sie gerade? "Wenn Sie bereit sind, kurzfristig ein wenig mehr Stress auszuhalten, können Sie langfristig stark vom Glück überrascht werden. Studienteilnehmer, die Zeit mit Aktivitäten verbrachten, die ihre Kompetenz erhöhten, ihr Bedürfnis nach Autonomie erfüllten oder ihnen halfen, sich mit anderen zu verbinden, berichteten von einem verminderten Glück im Moment, während sie Ihr Glücksgefühl auf stündlicher und täglicher Basis erhöhten. Der Schlüssel dazu ist die Wahl der richtigen neuen Fertigkeit, die es zu meistern gilt."

Wie zerdenken Sie Ihr Glück?

Katharina Tempel, Expertin für Positive Psychologie, befasst sich mit "Glücksvernichtern" wie dem Grübeln. "Dabei laufen in unserem Kopf fortwährend Gedankenspiralen ab, wie etwas "Was hat er damit wohl gemeint?", "Hätte ich anders reagieren sollen?". Statt Antworten zu finden, drehen sich die Gedanken beim Grübeln im Kreis. Man beleuchtet etwas aus allen Ecken und geht es in Schleifen wieder und wieder durch, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Grübeln hat also tatsächlich meist nur einen Effekt: Es führt dazu, dass wir uns schlecht fühlen. Ein glückliches Leben zu führen ist nicht möglich, solange wir uns täglich über unsere Gedanken in Angst und Schrecken versetzen. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Gedanken sind etwas grundsätzlich anderes als die Realität!"

Haben Sie sich die Erlaubnis zum Glück gegeben?

Die Wirtschaftspsychologin Christin Prizelius ist plädiert für die Erreichbarkeit des Glücks. "Meinen Glaubenssätzen nach zu urteilen, durfte ich eine lange Zeit mein Glück immer nur mit etwas Unerreichbarem verbinden, etwas, was ganz weit entfernt in der Zukunft lag und mit nahezu unmöglichen Zielen und Bedingungen verknüpft war. Wenn ich erst dies oder das erreicht hätte, oder wenn dies oder jenes erledigt wäre, dann… dann stellt sich für mich bestimmt ein Glücksgefühl ein. Dann habe ich es verdient, glücklich zu sein, dann erlaube ich es mir. Das Glücksempfinden war für mich also leider immer mit dem Erbringen von Leistungen verbunden. "Zum Glück" konnte ich aber mit der Zeit lernen, dass es anders geht - und sein darf."

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Wann übersehen Sie Ihr Glück?

Markus Hofelich, Journalist und Herausgeber des Online-Magazins "Sinn des Lebens", setzt auf das so schwere Einfache: Achtsamkeit und Dankbarkeit. "Häufig sind wir uns der positiven Momente, die jeder Mensch in seinem Leben täglich erfährt, gar nicht bewusst. Im Alltagsstress gefangen verlieren wir uns oft in Gedanken an gestern und morgen und vergessen das Leben zu leben, wie es wirklich stattfindet: in der Gegenwart. Und vieles Positive nehmen wir als selbstverständlich hin oder beachten es gar nicht, bis wir es verlieren - erst dann wird uns der wahre Wert schmerzlich bewusst. Deswegen liegt ein wichtiger Schlüssel zum Glück darin, die positiven Aspekte und Erlebnisse unseres Lebens auch wirklich wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein."

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