Freitag, 22. November 2019

"Neue Arbeit" - wie Mitarbeiter noch raffinierter ausgebeutet werden Die New-Work-Lüge

Spaß im Job: Nicht überall, wo "New Work" draufsteht, ist New Work drin
Getty Images/Westend61
Spaß im Job: Nicht überall, wo "New Work" draufsteht, ist New Work drin

"New Work" - das Gegenmodell zum kapitalistisch geprägten Arbeitsmodell existiert schon lange. Viele Firmen sehen in New Work aber lediglich Methoden, Angestellte raffinierter zu domestizieren und auszubeuten. Doch es gibt auch echte Erfolgsgeschichten.

Es wird gerade wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben: "New Work" heißt sie - Liebling aller Kreativen und Evangelisten in Marketing, Unternehmen oder auf Digital-Leadership-Summits. Ganz ehrlich, ich kann die sozialromantische Beweihräucherung selbsternannter New Worker*innen nicht mehr hören. In immer gleich besetzten Panels, Vorträgen, Bootcamps oder Retreats wird "New Work" rund um den Globus gefeiert und "Old Work" bekämpft. Was wechselt, sind die Events, was bleibt ist das Missionarische. Und oft die inhaltliche Leere.

Stephan Grabmeier
  • Copyright: Kienbaum
    Kienbaum
    Stephan Grabmeier sorgt als Chief Innovation Officer bei Kienbaum dafür, dass neue Services, Produkte und Geschäftsmodelle in die Welt kommen. Zudem betreut er die Start-up-Beteiligungen des Unternehmens. Seine Business Rebellen Talks sowie weitere Artikel zu Innovation und New Work sind auf seinem Blog www.stephangrabmeier.de zu finden.

Dass New Work häufig falsch verstanden wird, hat drei wesentliche Gründe:

1. Ausbeutung statt Gegenmodell zum kapitalistischen Management

Den Begriff und eine eindeutige Definition der "Neuen Arbeit" gibt es schon seit Mitte der 1970er-Jahre. Der Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann entwickelte vor rund vier Jahrzehnten eine Vision für neue Arbeit - und prägte damit den Begriff New Work als Gegenmodell zum kapitalistisch geprägten Arbeitsmodell. An der heutigen New-Work-Debatte übt er harte Kritik, weil es ihm um ein grundlegend anderes Verhältnis zur Arbeit ging. Vielen Unternehmen sehen in New Work aber Methoden, Angestellte raffinierter zu domestizieren und auszubeuten.

2. Obstkorb statt Umdenken

Es reicht nicht aus, nur in neue Büroausstattungen, Feel-Good-Management, frische Obstkörbe, Yogakurse und Corporate-Sneaker-Kollektionen zu investieren. New Work bedeutet, das System Arbeit anders zu denken und zu gestalten. Ein wesentliches Element in Bergmanns Ansatz: Mitarbeiter sollen das machen, was sie "wirklich, wirklich wollen" - die Arbeit, in der große Leidenschaft und "Purpose" stecken. Zum individuellen Wohl, für das Unternehmen und die Gesellschaft. Viele Chefs kümmern sich aber nur um die "Verpackung" der Arbeit und um ein paar Goodies für die Mitarbeiter. Das ist zu wenig!

3. Umstrukturierung statt Erneuerung

Bergmann geht es um grundlegende Dinge; darum, dass Menschen sich nicht ausschließlich in Lohnarbeit erschöpfen, zu der sie keinen Bezug haben. Doch New Work in den meisten Unternehmen bedeutet: altbekannte Re- oder Umstrukturierung der Organisation und Führung, jetzt mit New-Work-Anmutung, weil es sich so besser verkaufen lässt. Man will cool sein gegenüber der Gen Y oder Z und attraktiv für Start-ups, die New Work leben. Was Bergmann kritisiert, erlebe ich in den vergangenen acht bis zehn Jahren regelmäßig: Sehr geschickt bauen Unternehmen Strategien auf, um sich mit New-Work-Aspekten wie Achtsamkeit und Selbstorganisation nach außen zu brüsten. Oder es werden aus Profitstreben in globalen Beratungshäusern neue Söldnertruppen aufgebaut, die sich jetzt um "Purpose" kümmern, was so viel heißt wie um den Sinn und Zweck von Arbeit. Auch wenn "Purpose" die neue Cash Cow zu sein scheint, eine echte Systemveränderung findet meist nicht statt.

Was wir wirklich brauchen, ist einen Hack des Systems Arbeit und keine CEOs mit roten Turnschuhen. Das Gute an der New-Work-Bewegung ist ja, dass sie Bestehendes infrage stellt, radikal verändern will. Es gibt sie durchaus, die echten "Work Hacker." Apple-Genie Steve Jobs hat sie einmal treffend beschrieben:

"Dies geht an die Verrückten , die Unangepassten , die Rebellen , die Unruhestifter , die runden Stifte in den quadratischen Löchern, diejenigen, die die Dinge anders sehen - sie mögen keine Regeln. Du kannst sie zitieren, eine andere Meinung haben als sie, sie glorifizieren oder verdammen. Aber das einzige, was du nicht machen kannst, ist sie zu ignorieren. Denn sie verändern die Dinge . Sie bringen die Menschheit voran und während einige sie als die Verrückten sehen mögen, sehen wir ihr Genie . Denn diejenigen, die verrückt genug sind zu denken , dass sie die Welt verändern könnten, sind diejenigen, die es tun."

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