Mittwoch, 24. April 2019

Grundsatzfragen Wieso eigentlich nachhaltig?

Nachhaltigkeit ist eigentlich ein Begriff aus der Forstwirtschaft - der aber mittlerweile in alle Bereiche des Lebens Eingang gefunden hat

3. Teil: Neue Dimensionen der Verantwortung

Durch den erweiterten Wirkungskreis unserer Handlungen durch Technik und Globalisierung tun sich neue räumliche wie auch zeitliche Dimensionen der Verantwortung auf. Die moralische Bewertbarkeit beschränkt sich heute nicht nur auf Handlungen, die unser Umfeld betreffen, sondern "die gesamte Biosphäre des Planeten ist dem hinzugefügt worden, wofür wir verantwortlich sein müssen, weil wir Macht darüber haben", so Jonas.

Damit spricht er einen für die Frage nach Generationengerechtigkeit maßgeblichen Punkt an: Wenn sich unser Verhalten auf das künftige Erdenleben auswirkt, tragen wir für diese Wirkungen die Verantwortung, auch wenn es die Betroffenen (noch) nicht gibt.

Wenn wir alle Rohstoffe aufbrauchen, die Gewässer vergiften und atomaren Müll im Boden vergraben, wo er noch jahrtausendelang vor sich hin strahlt, beeinflusst dies zukünftiges Leben in höchstem Maße. Wir überlassen damit jenen einen Haufen Probleme, die später auf dieser Erde leben werden, ohne dass sie sich dagegen wehren könnten. "Das Nichtexistente hat keine Lobby, und die Ungeborenen sind machtlos", fasst Jonas die ungünstige Lage der künftigen Generationen zusammen.

Auch der Ethiker Dieter Birnbacher sieht ein großes Hindernis für die Übernahme von Zukunftsverant wortung darin, dass die Verantwortung keinen Bezugspunkt hat. Dieses "Motivationsproblem" habe zur Folge, dass zwar alle um den Ernst der Lage wissen, aber die wenigsten etwas an ihrem Verhalten ändern. Wir wissen nicht, welche Menschen es einmal geben wird und können dies auch nicht beeinflussen. Aber was wir wissen, ist, dass es noch viele Jahre lang menschliches Leben geben wird, das sich von unserem nicht allzu sehr unterscheiden wird.

Die Natur als Kapital, von deren Zinsen wir leben

"Man kann mit hinreichender Wahrscheinlichkeit begründen, dass kommende Generationen es bevorzugen würden, dass auch sie noch über wertvolle Ressourcen verfügen können", so der Philosoph und Experte für Generationengerechtigkeit Jörg Tremmel. Zu behaupten, man wisse nicht, ob auch die Menschen der Zukunft sauberes Trinkwasser benötigen, sei nicht mehr als eine Ausrede.

Wir sollten die Natur als "Gemeineigentum der Menschheit" ansehen: "Sie verhält sich wie ein Kapital, von dessen Zinsen jede Generation leben darf, ohne das Kapital selbst anzutasten", sagt der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, der aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive argumentiert. Wer sich dennoch etwas vom natürlichen Kapital nimmt, müsse für Ausgleich sorgen und "Gleichwertiges zurückgeben".

Aus dieser Sicht wird klar, wieso das Argument, man müsse nichts für die Zukunft tun, da diese auch nichts für einen tut, nicht haltbar ist: Nachhaltig mit Ressourcen umzugehen, bedeutet erst einmal keine Besserstellung der künftigen Generationen - sondern vor allem die Vermeidung einer Schlechterstellung. Viele Philosophen sind daher der Meinung, man müsse den kommenden Menschen mindestens solche Bedingungen bieten, die den unseren ebenbürtig sind.

Ebenso vertreten viele einen Standpunkt der Reversibilität: Eingriffe, die nie wieder rückgängig zu machen sind, seien demnach zu vermeiden, da sie eine zu folgenschwere Belastung für die Nachwelt darstellen. Hans Jonas schlägt einen ökologischen Imperativ vor, an dem sich die moderne Gesellschaft messen sollte: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Dabei bleiben natürlich immer noch Fragen offen, etwa: Wo hört die individuelle Verantwortung auf? Wie viele Einschränkungen muss der Einzelne für die Zukunft in Kauf nehmen? Aber klar ist auch: Ohne ein Konzept der Zukunftsverantwortung ist dem "Raubbau" an der Natur kein Riegel vorgeschoben. "Generationengerechtigkeit ist wohl die wichtigste Theorie zur Begründung, warum man Umwelt und Natur schützen sollte", meint Jörg Tremmel. Insofern können wir den künftigen Generationen fast dankbar sein. Wer weiß, ob ohne den mahnenden Blick in die Zukunft heute noch ein Baum stünde.

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