Sonntag, 21. April 2019

Grundsatzfragen Wieso eigentlich nachhaltig?

Nachhaltigkeit ist eigentlich ein Begriff aus der Forstwirtschaft - der aber mittlerweile in alle Bereiche des Lebens Eingang gefunden hat

2. Teil: Offen bleibt die Frage der Moral

Die Idee, die dahintersteckt, gleicht dabei der von Carlowitz: Es geht darum, die natürlichen Ressourcen nicht aufzubrauchen, sondern einen Kreislauf von Nutzung, Wiederverwertung und Regeneration aufzubauen, der sich selbst über eine lange Zeit erhält. Die Merkmale von Nachhaltigkeit zu beschreiben, fällt uns meist nicht schwer.

Offen jedoch bleibt die Frage, weshalb Nachhaltigkeit eigentlich moralisch wertvoll ist. Bestünde keinerlei Zusammenhang zwischen unseren Handlungen in der Gegenwart und dem zukünftigen Leben auf diesem Planeten, wäre die Sache relativ klar: Worauf man keinen Einfluss nehmen kann, dafür kann man unmöglich verantwortlich oder moralisch haftbar gemacht werden. Doch es besteht nun einmal ein Zusammenhang. Und wir sind für unsere Taten verantwortlich - diese Überzeugung klingt zwar banal, ist aber aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Allein unser gesamtes Rechtssystem beruht auf ihr.

Verantwortung ist, insbesondere seit der Aufklärung, stark an die Idee der menschlichen Freiheit gekoppelt. Immanuel Kant (1724 -1804) stellte das Individuum als autonomes Subjekt in den Fokus seiner Ethik. Sein berühmter Kategorischer Imperativ ("Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde") sollte die ultimative Handlungsregel für moralisches Verhalten sein, die ihren Ursprung in der Freiheit des Menschen hat, sich selbst ein Gesetz zu geben.

Kant verwendet den Verantwortungsbegriff aber noch nicht - er spricht von der Zurechnung einer Handlung zu einer Person. Trotzdem steckt in seiner Betonung der menschlichen Autonomie bereits die Essenz dessen, was wir heute unter Verantwortung verstehen. Weil wir vernunftbegabt und frei in unserem Tun sind, können uns unsere Handlungen moralisch und juristisch auch zugerechnet werden.

Seit Kant sind die ethischen Fragen unübersichtlicher geworden

Die Frage, ob man jemanden grundlos schlagen soll, lässt sich mit dem Kategorischen Imperativ recht einfach beantworten: Da man nicht wollen kann, dass jeder Mensch nach dieser Maxime handelt, sollte man davon absehen. Wenn ich dennoch grundlos zuschlage, trage ich dafür die Verantwortung.

Doch seit Kant sind die dringenden ethischen Fragen weitaus unübersichtlicher geworden: Soll das Naturschutzgebiet der Fabrik weichen? Das Naturschutzgebiet ist der Lebensraum zahlreicher Arten, die irgendwann verschwinden würden, würde überall gebaut werden. Aber die Fabrik schafft Arbeitsplätze und erhöht so vielleicht die Lebensqualität der Anwohner.

Gründe lassen sich für den Erhalt des Naturschutzgebietes genauso finden wie für den Bau der Fabrik. Welcher Anspruch überwiegt nun? Kann ich wollen, dass eines von beiden - Industrie oder Natur - immer vorgeht? Und vor allem: Wer ist verantwortlich, wenn das eine oder das andere durchgesetzt wird?

Dass die klassischen ethischen Theorien für die Komplexität der Moderne nicht mehr ausreichen, nahm Hans Jonas als Ausgangspunkt für sein Hauptwerk "Das Prinzip Verantwortung". "Im Zeichen der Technologie hat es die Ethik mit Handlungen zu tun, die eine beispiellose kausale Reichweite in die Zukunft haben", schreibt er darin.

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