Donnerstag, 9. April 2020

mm.de zum Jahresstart: So managen Sie Ihr Leben, Teil X Diese zehn Moralfragen sollten Sie sich jetzt stellen

5. Teil: Worin besteht mein innerer Kompass?

Kompass: Die Himmelsrichtung kann man leicht bestimmen, die moralische Ausrichtung ist schwieriger zu definieren

Jeder von uns hatte schon einmal ein inneres Anliegen, etwas, für das es sich zu kämpfen gelohnt hat und von dem wir überzeugt waren, dass es unbedingt wert ist, dafür auch Opfer und Nachteile in Kauf zu nehmen. Jeder von uns steht auf der anderen Seite einem gehörigen und von Jahr zu Jahr wachsendem äußeren Druck gegenüber: Man muss auf dem Laufenden bleiben, man muss mobil sein, man muss Versicherungen bedienen, wachsende Arbeitsanforderungen erfüllen, dazu lebenslang lernen und darf auf der anderen Seite bloß nichts verpassen.

Das Problem hieran: Wir kommen immer mehr in eine reaktive Haltung. Wir arbeiten ab und erfüllen, sind aber immer weniger erfüllt. Der äußere Druck drückt unsere inneren Anliegen in die Ecke und wir verlieren das, was uns zu Charakteren macht, zu Menschen, die frei und aufrecht entscheiden können: unseren inneren Kompass.

Wir denken immer, wir wären frei, wenn wir viele Optionen haben, wenn wir theoretisch tun können, was wir wollen. Dabei besteht die entscheidende Freiheit darin, dass wir wollen können, was wir wollen. Der Philosoph Harry Frankfurt hat das sehr einfach gefasst. Er unterscheidet zwischen Wünschen erster Ordnung (was wünsche ich gerade) und solchen zweiter Ordnung (was wünsche ich mir überhaupt zu wünschen).

Nach Frankfurt kommen wir heute leider allzu oft gar nicht an die Wünsche zweiter Ordnung heran. Mit unserer Akkumulationslogik und dem dazugehörigen äußeren Druck sind wir zunehmend wie der Heroinsüchtige, der alle möglichen Wünsche haben mag, aber zwanghaft immer nur dem Wunsch nach Heroin folgt. Nicht umsonst häufen sich gerade die Unternehmensfälle, in denen aus reiner Profitsucht zwanghaft Kurse, Automobile und sonstiges manipuliert werden. Wünschen kann sich das doch ernsthaft keiner.

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