Sonntag, 26. Januar 2020

mm.de zum Jahresstart: So managen Sie Ihr Leben, Teil X Diese zehn Moralfragen sollten Sie sich jetzt stellen

3. Teil: Warum macht Selbstverwirklichung unglücklich?

"Mädchen in Uniform - Wege aus der Selbstverwirklichung" hieß ein Theaterstück, das vor einigen Jahren in Hamburg Premiere hatte. Der Weg ist aber schwer zu finden, weil alle Welt uns vorgaukelt, Selbstverwirklichung sei das Zentralelement guten Lebens.
Die meisten von uns machen einen großen Denkfehler. Denn wir meinen, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung wären die großen Glücksgaranten im Leben. Dabei übersehen wir, dass schon in der Wortanlage ein großes Problem sichtbar wird. Denn bei beiden Begriff steht das "Selbst" ganz vorne, vor allem anderen. Dabei entsteht Sinn erst wirklich, wenn es einem in der Hauptsache um die Sache geht und nicht um einen selbst, wenn man sozusagen Sachverwirklichung statt Selbstverwirklichung betreibt.

Fragen sie sich etwa einmal, was die Situationen in Ihrem Leben waren, die sie wirklich glücklich gemacht haben. Laut dem Soziologen Hartmut Rosa waren das in der Regel keine "Ich im Fokus"-Erfahrungen, sondern ganz im Gegenteil Erlebnisse, bei denen man im positiven Sinne überwältigt wurde, in denen man selbst unwichtig wurde, weil etwas Großartiges, anderes plötzlich im absoluten Mittelpunkt stand. So etwa die Geburt des eigenen Kindes, das Übernehmen einer neuen großen Aufgabe, das Übergeben eines Geschenkes an jemanden, den man liebt oder das Kennenlernen einer ganz besonderen Person. Rosa nennt solche Momente Resonanz-Erfahrungen und dreht damit unsere Betrachtungsrichtung weg vom Selbst-Fokus.

Nach seiner Auffassung steht unserer Akkumulationslogik des "Viel und immer mehr für mich" eine Begeisterungslogik des "Ich als ein kleiner Teil von etwas wirklich Großem" gegenüber. Die Akkumulationslogik verengt, überfordert und erschöpft uns, während die Begeisterungslogik uns entlastet, uns beseelt und uns von falschen Anforderungen befreit. Jeff Bezos hat die Umkehrung der Betrachtungsrichtung vor einigen Wochen in der Welt am Sonntag sehr schön auf den Punkt gebracht, als er auf die Frage, warum er sich nun auch noch mit Weltraumfahrt beschäftigt, geantwortet hat: "Sie fragen mich, warum ich das mache? Weil es meine Leidenschaft ist. Man kann sich seine Leidenschaften nicht aussuchen. Sie suchen dich aus".

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