Donnerstag, 18. Juli 2019

Grenze für Manager-Gehälter "Der Gesetzentwurf der SPD geht auf Kosten der Aktionäre"

Martin Schulz: Der Kanzlerkandidat der SPD will mit der Gerechtigkeitsdebatte punkten. Doch ein "gerechtes" Verhältnis zwischen Durchschnitts- und Vorstandsgehalt ist nicht so leicht zu ermitteln, sagt Vergütungsexperte Helmuth Uder

Die SPD hat einen Gesetzentwurf zur Begrenzung von Managergehältern vorgelegt. Vergütungsexperte Helmuth Uder von Willis Towers Watson sieht viele Probleme - denn "Gerechtigkeit" lässt sich nicht durch einen einzelnen Faktor herstellen.

mm.de: Herr Uder, die SPD schlägt in ihrem Gesetzentwurf vor allem drei Maßnahmen vor, um Gehälter und Boni für Manager in Deutschland zu begrenzen. Zuerst sollen Unternehmen maximal 500.000 Euro von der Geldsumme, die sie für die Vergütung ihrer Vorstände ausgeben, steuerlich absetzen können. Ein richtiger Schritt?

Helmuth Uder
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    Willis Towers Watson
    Helmuth Uder ist Managing Director und Head of Talent and Rewards von Willis Towers Watson Deutschland. Er ist seit 1997 in dem Unternehmen tätig und hat mehr als 20 Jahre Erfahrung als Management-Berater im Bereich Human Resources Management Consulting. Uder betreut eine Vielzahl von Dax-Unternehmen.

Helmuth Uder: Aus unserer Sicht ist dies nicht sinnvoll, und zwar aus einem einfachen Grund. Für deutsche Großunternehmen ist diese Grenze viel zu niedrig, auch wenn die Höhe erst einmal imposant klingen mag. Um Vergütungen oberhalb von einer halben Million Euro zu erhalten, müssen die besten Kandidaten für einen Topmanager-Posten noch nicht einmal auswandern. Sie müssten lediglich zu deutschen Tochtergesellschaften ausländischer Konzerne wechseln oder bei Familienunternehmen anfangen, die als GmbH firmieren.

mm.de: Wenn selbst im Mittelstand schon deutlich höhere Vorstandsgehälter gezahlt werden - welchen Effekt hätte eine Begrenzung auf 500.000 Euro?

Uder: Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Unternehmen trotz begrenzter Abschreibungsmöglichkeiten ihren Vorständen Vergütungen oberhalb der anvisierten Grenze gewähren werden. Allerdings ginge das dann zu Lasten der Aktionäre, weil der Steueraufwand der Unternehmen steigt.

mm.de: Abseits der Diskussion um Steuervorteile haben viele Menschen in Deutschland den Eindruck, bei der Bezahlung der Vorstände sei das Maß verlorengegangen. Sie können nicht nachvollziehen, wenn ein Vorstand das Hundertfache eines durchschnittlichen Beschäftigten verdient. Darauf zielt auch der Gesetzentwurf der SPD, in dem es heißt: "Die Rechte der Hauptversammlung werden erweitert. Künftig hat sie über den Vorschlag des Aufsichtsrates über die Festsetzung des Verhältnisses zwischen der Gesamtvergütung der einzelnen Vorstandsmitglieder und dem durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen des jeweiligen Unternehmens zu entscheiden sowie außerdem über den Vorschlag des Aufsichtsrates über die Gesamtbezüge der Vorstandsmitglieder." Was ist falsch daran, wenn die Aktionäre über das Verhältnis zwischen Vorstandsbezügen und Durchschnittseinkommen der Beschäftigten entscheiden können?

Uder: Auf den ersten Blick wirkt es so, als ob dies simpel umzusetzen sei. Der Schein trügt, denn der Teufel steckt im Detail - und das nicht zu knapp. Zuerst stellt sich die Frage, worauf sich die Festlegung beziehen soll. Der Begriff "durchschnittliches Einkommen" wirft zudem Fragen auf. Bezieht es sich nur auf die jeweilige Gesellschaft? Auf den gesamten Konzern? Inklusive Mitarbeitern im Ausland? Wie werden gegebenenfalls stark schwankende Wechselkurse berücksichtigt?

mm.de: Der SPD geht es um das als richtig empfundene Verhältnis, und Sie kommen jetzt mit Wechselkursen ...

Uder: Das mag nach Haarspalterei klingen. Das sind in der Praxis aber tatsächlich wichtige Punkte, die zu klären sind. In den USA wurde die Anforderung nach einer "CEO-Pay-Ratio" als erstes konkret formuliert. Die amerikanische Börsenaufsicht hat zur Bestimmung dieses Durchschnittsgehalts eine 294 Seiten umfassende Regelung verfasst. Die Aussagekraft dieses Faktors kann man jedoch auch inhaltlich hinterfragen. Sollte zum Beispiel der Vorstand eines kleinen IT-Unternehmens mit wenigen hochbezahlten Spezialisten mehr verdienen dürfen als der Vorstand eines internationalen Konzerns, der viele einfache Tätigkeiten anbietet, die geringvergütet sind?

mm.de: Das könnte bedeuten: Je mehr gering bezahlte Jobs wegrationalisiert werden, desto höher steigt das Durchschnittsgehalt der Beschäftigten - und damit der Spielraum für eine höhere Bezahlung des Topmanagements?

Uder: Fakt ist: Der Faktor sinkt, wenn diese einfachen Jobs wegrationalisiert oder an andere Unternehmen ausgelagert werden.

mm.de: Die SPD-Fraktion plant als dritte Maßnahme, die Macht des Aufsichtsrats zu stärken. Der Aufsichtsrat soll bei schlechten Leistungen der Vorstände die Bezüge herabsetzen oder Ruhegehälter zurückfordern können.

Uder: Die Kürzung von Boni bei Schlechtleistung ist auch jetzt bereits möglich - das ist nichts Neues. Grundsätzlich sollten die Boni so gestaltet sein, dass sie bei einer schlechten Performance geringer ausfallen beziehungsweise auf null gehen. In der Regel ist dies auch der Fall. Darüber hinaus hat der Aufsichtsrat auch nach aktueller Gesetzeslage die Möglichkeit, die Vergütung inklusive Ruhegehalt im Falle einer gravierenden Verschlechterung der Lage der Gesellschaft herabzusetzen.

mm.de: Aber den Aufsichtsrat zu stärken, war während der Vergütungs-Diskussion der vergangenen Wochen auch eine häufige Forderung auf Unternehmensseite. Der Aufsichtsrat soll künftig eine stärkere Rolle spielen, hieß es immer wieder.

Uder: Wir haben in Deutschland einen Aufsichtsrat, der in der Verantwortung steht, die Vergütung des Vorstands festzulegen. Bereits 2009 wurde explizit geregelt, dass diese Verantwortung dem gesamten Aufsichtsrat und nicht nur dem Personalausschuss des Aufsichtsrats obliegt. Im Aufsichtsrat sitzen Eigentümer- und in der Regel Mitarbeitervertreter und legen die Vergütung des Vorstands auf Basis von Vergleichsdaten fest. Sie haften auch, wenn sie eine unangemessen hohe Vergütung genehmigt haben.

mm.de: Warum sollte man in der Gehälterfrage nicht auch die Eigentümer, also die Aktionäre in Form der Hauptversammlung, stärker einbeziehen?

Uder: In einer Hauptversammlung ist ein sachlicher Diskussionsprozess über solch ein komplexes Thema nicht möglich. Zudem haben die Aktionäre schon jetzt die Möglichkeit, ein nicht bindendes Votum über das Vergütungssystem abzugeben und können somit erheblichen Druck auf den Aufsichtsrat ausüben. In den meisten Fällen lagen übrigens die Zustimmungsquoten in den vergangenen Jahren bei über 90 Prozent, so dass es aus Sicht der Aktionäre offensichtlich wenig auszusetzen gibt.

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