Montag, 21. Oktober 2019

High-Tech statt Brandrodung Wie Digitalisierung die Landwirtschaft verbessern kann

Landwirtschaft in Deutschland: GPS-basierte Lenksysteme und Nah-Infrarot-Sensoren können dabei helfen, Überdüngung zu vermeiden und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verringern
DPA/ Forum Moderne Landwirtschaft
Landwirtschaft in Deutschland: GPS-basierte Lenksysteme und Nah-Infrarot-Sensoren können dabei helfen, Überdüngung zu vermeiden und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verringern

Ein großer Teil des Amazonas ist verbrannt - Auslöser waren vermutlich Brandrodungen brasilianischer Landwirte. Wie lässt sich solch eine Katastrophe in Zukunft verhindern? Peter Pickel, Experte für Zukunftstechnologien in der Landwirtschaft beim Landmaschinenhersteller John Deere, erläutert, wie moderne Landtechnik zum Umweltschutz beitragen kann, welche wirtschaftlichen Vorteile sich daraus ergeben und wohin sich die Digitalisierung der Landwirtschaft entwickeln wird.

mm: Herr Pickel, eine aggressive Brandrodung für Weide- und Soja-Anbauflächen ist vermutlich der Grund für die verheerenden Brände im Amazonas. Wären diese vermeidbar gewesen, wenn Landwirte in Brasilien anders wirtschaften würden?

Peter Pickel: Darüber zu urteilen wäre anmaßend und auch der Situation nicht zuträglich. Wir sollten so eine Katastrophe wie die in Brasilien aber als Symptom eines viel größeren Problems betrachten, das in zahlreichen Regionen der Welt anzutreffen ist. Nämlich, dass vielerorts noch der kurzfristige Vorteil im Vordergrund steht und mit Methoden gearbeitet wird, die einfach nicht mehr zeitgemäß sind. Das geht von Extremformen wie eben Brandrodungen über Wasserverschwendung bis hin zu Überdüngung und aggressiver Nutzung von Pflanzenschutzmitteln. Dabei ist es mit moderner Landtechnik möglich, die Umwelt zu schützen und gleichzeitig mehr Erträge sicherzustellen.

Was macht diese Methoden denn konkret besser - und umweltschonender?

Wenn es um Landwirte geht, für die bei einer Umstellung ihr wirtschaftliches Überleben auf dem Spiel steht, braucht es klare Fakten. Und da liegen die zukunftsorientierten Technologien, was Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz angeht, ganz klar vor den alten Methoden. Eine zentrale Herausforderung der Landwirtschaft ist heute, dass die Anbauflächen vielerorts nicht mehr erweiterbar sind, im Fall von Brasilien nur noch mit Gewalt. Innovative Technik kann da eingreifen und helfen, den Ertrag und die Erntequalität auf der bestehenden Fläche enorm zu erhöhen. Gleichwohl muss dafür künftig nachhaltiger und langfristiger gedacht werden. Um die Technologie richtig zu nützen, müssen Landwirte, aber auch die Lebensmittelindustrie und Konsumenten umdenken.

Wie sehen solche Lösungen in der Praxis aus?

Beim sogenanntem "Manure Sensing" wird zum Beispiel der Nährstoffeintrag bei der Gülledüngung genau gemessen und teilflächenspezifisch angepasst. Dadurch wird Über- und Unterdüngung vermieden, das Grundwasser wird geschont und Geld gespart. Highspeed-Kameras können zum Beispiel Unkräuter innerhalb von Millisekunden von Kulturpflanzen unterscheiden und sie - wenn nötig - gezielt mit Pflanzenschutzmitteln behandeln. Der Landwirt wird durch Maschinen und Digitalisierung wichtige Unterstützung bekommen, denn automatisierte Maschinen können Felder ganz allein bearbeiten. Sie fahren optimierte Spuren ab und brauchen deshalb weniger Treibstoff. Und wenn der Mensch nicht mehr selbst hacken muss, wird auch die mechanische Unkrautbekämpfung, die ohne jegliche Pflanzenschutzmittel auskommt, eine Renaissance erfahren.

Maschinen hacken Unkraut und düngen den Boden genau dosiert - kann die Digitalisierung die Umweltwirkung in der Landwirtschaft wirklich verbessern?

Davon bin ich überzeugt. Wir entwickeln viel im Bereich Präzisions-Farming und verfolgen das Prinzip "Producing more with less". Je genauer wir jede einzelne Pflanze und ihren Standort erkennen können, desto weniger Dünge- und Pflanzenschutzmittelaufwand müssen wir aufbringen. Mit der intelligenten Technologie "See and Spray" können 70-90 Prozent Pflanzenschutzmittel gespart werden.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Landwirt, der ohne genaue Messmethoden arbeitet, derzeit viel zu viel Pflanzenschutzmittel und Dünger einsetzt …

Das Einspar-Potenzial ist in der Tat recht hoch. Ein anderes Beispiel für moderne und nachhaltige Landwirtschaft ist die Vision des energieautonomen Betriebes. Der Landwirt setzt in diesem Fall voll- oder teilelektrische Landmaschinen ein. Er wird auf diese Weise selbst zum Energieproduzenten und spart CO2. Für die Entwicklung dahin ist natürlich einiges an Dokumentation und Datenmanagement notwendig - aber das können wir etwa mit Hilfe von künstlicher Intelligenz bewerkstelligen. Transparenz ist hier entscheidend in zweierlei Hinsicht, denn diese ist essenziell, um Verbrauchervertrauen herzustellen.

Wie ist das im Alltag für den durchschnittlichen Betrieb hierzulande umsetzbar?

Ein Schlüsselfaktor ist die Dopplung. Hier ist schon sehr viel möglich. Exaktes Fahren ohne Überlappungen oder Fehlstellen ist bereits heute dank der GPS-basierten Lenksysteme möglich. Dadurch kann der Landwirt unter anderem sicherstellen, dass Pflanzenschutz- oder Düngemittel nicht doppelt dosiert werden. Außerdem kann der Landwirt Kraftstoff sparen, wenn die Maschinen exakt Anschluss fahren und somit Flächen nicht doppelt bearbeitet werden.

Manure Sense ist eine weitere Technologie, die heute bereits in der Praxis verfügbar ist. Mittels Nah-Infrarot-Sensor NIR lassen sich die wichtigsten Nährstoffe bei der Gülleausbringung permanent messen. Im Abgleich mit einer hinterlegten Nährstoffbedarfskarte wird die Güllemenge so gesteuert, dass eine Über- oder Unterdüngung ausgeschlossen ist.

Selbst in Deutschland dürfte ein so umfassender Einsatz von High-Tech in der Landwirtschaft noch nicht überall üblich sein. Wird sich das ändern?

Da führt kein Weg dran vorbei. Die Herausforderung, bei praktisch gleichbleibenden Flächen die Erträge und Produktqualität zu maximieren, Ressourcen effizienter einzusetzen und nachhaltiger zu produzieren wird nur weiter zunehmen. Deshalb orientiert sich die Branche auch in Richtung neuer Technologien. Denken Sie nur an das Potenzial, das beispielsweise in Drohnen steckt, oder an Elektrofahrzeuge, die durch Solarsysteme komplett energieautark eingesetzt werden können. Da gibt es viele spannende Entwicklungen, die Landwirten zugutekommen - und die gleichzeitig unserer Verantwortung für unseren Planeten gerecht werden. Zunehmende Forderungen nach Nachvollziehbarkeit, Nachhaltigkeit und einer besseren CO2 Bilanz werden die Digitalisierung zusätzlich vorantreiben. Hier besteht für die Landwirte eine große Chance, verlorenes Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen.

Peter Pickel ist Deputy Director des John Deere European Technology Innovation Center in Kaiserslautern. Er ist Experte für Zukunftstechnologien und lehrt als Honorarprofessor an der Technischen Universität Kaiserslautern.

la/mmo

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