Freitag, 6. Dezember 2019

Ruhmesbarometer "Kunstkompass" Gerhard Richter bleibt wichtigster Künstler

Kunstkompass: Die Top Ten der wichtigsten Künstler
Rolf Vennenbernd/ DPA

2. Teil: Heißen die Gerhard Richters von morgen Bhabha und Nkanga?

Wie kann es eigentlich sein, dass Richter seit 16 Jahren Platz eins belegt - wo er doch mittlerweile kaum noch aktiv ist? Die Wahrheit ist, dass Richter gar nichts mehr machen muss - er liegt nach dem Punktesystem des "Kunstkompass" sowieso uneinholbar weit in Führung. In Ausstellungen und Fachartikeln spielt er ständig eine Rolle, da kommt kein anderer mit. An den Schulen ist Richter mittlerweile sogar fester Bestandteil im Kunst-Leistungskurs.

Maler-Heroen wie er sind in den Künstler-Rankings eigentlich gar nicht so interessant. Denn dass sich der Ankauf ihrer Werke lohnen dürfte, weiß jeder. Wer aber hat schon einmal von Huma Bhabha gehört, von Otobong Nkanga oder Haris Epaminonda? Das sind Namen, die man sich laut "Kunstkompass" merken muss, weil sie im Kommen sind. Und diese Info könnte - so sie sich bewahrheitet - gutes Geld wert sein.

Viele Leute betrachten Kunst schließlich als Investitionsform wie Aktien und Immobilien. Sie erwarten, dass die von ihnen angekauften Werke in fünf Jahren mehr wert sind als heute. Um die richtigen Arbeiten auszuwählen, brauchen sie Tipps - genau diese Funktion erfüllen die Rankings.

Im diesjährigen "Kunstkompass", veröffentlicht vom Magazin "Capital", spiegeln sich gleich mehrere Trends: Zum einen verliert der Kunstglobus seine letzten weißen Flecken. Etliche der aufstrebenden Künstlerinnen und Künstler stammen aus Ländern wie Indien, Pakistan oder Chile, die früher kaum eine Rolle spielten. Und noch eine andere Entwicklung der vergangenen Jahre setzt sich fort: Viele Künstler sind nicht mehr auf eine einzige Disziplin wie Malerei, Performance oder Design festgelegt, sondern machen alles zugleich oder vermischen die verschiedenen Darstellungsformen.

Eine weitere Auffälligkeit: Unter den 100 "Stars von morgen" finden sich 63 Frauen - ein Rekord. Zu den Aufsteigerinnen gehören die deutsch-japanische Videokünstlerin Hito Steyerl (Platz 2) und die 94 Jahre alte libanesische Malerin Etel Adnan (Platz 13), deren farbige Landschaftsbilder entfernt an Paul Klee erinnern.

Auch hinter dem "Kunstkompass" selbst steht eine Frau. Sie ist 74 Jahre alt, lebt in Köln und hat das Ranking einst von ihrem verstorbenen Mann Willi Bongard übernommen. Als sie den Wirtschaftsjournalisten Anfang der 70er Jahre kennenlernte, hielt sie ein Ranking zunächst für geschmacklos. "Erst haben wir uns unglaublich gefetzt", erzählt sie. "Ich hab' zu ihm gesagt: "Sie sollten sich schämen!"" Künstler seien doch schließlich keine Rennpferde! Später hat sie dieses Urteil revidiert: "Man gibt doch eine Art von Transparenz über den Kunstbetrieb", findet sie jetzt.

Rohr-Bongard legt Wert darauf, dass in ihre Wertung keine Auktionspreise einfließen. Der "Kompass" spiegele nicht den Markt, sondern die Bedeutung, die einem Künstler von den Kennern zugemessen werde, etwa von Ausstellungsmachern und Rezensenten. Beeinflussen lasse sie sich nicht, betont die ehemalige Kunstpädagogin. Auch wenn das manch namhafter Künstler schon versucht habe.

Christoph Driessen, dpa/mh

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