Sonntag, 26. Mai 2019

Mit Planung verengt sich der Blick Geisterstunde im Kampf um die Talente

Ghosting: Wo ist der Wunschkandidat denn hin?
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Ghosting: Wo ist der Wunschkandidat denn hin?

Ghosting ist längst nicht mehr ein nur auf Onlinepartnersuche beschränktes Phänomen, auch immer mehr Arbeitgeber erleben, dass Bewerber sich in Luft auflösen. Viele Unternehmen haben sich das selber zuzuschreiben.

Die Geister gehen um, auch ganz ohne Halloween. Die Rede ist von Arbeitnehmern, die erst mit einem Personalberater und einem Arbeitgeber um einen neuen Job verhandeln, dann aber nie mehr von sich hören lassen. Oder am ersten Arbeitstag nicht erscheinen. Oder nach ein paar Tagen nicht mehr ins Büro kommen und auf keinen Kontaktversuch reagieren. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es dafür bereits einen Namen gibt: Ghosting.

Laut LinkedIn sagen 95 Prozent der befragten Personalexperten, dass sie bereits Erfahrung mit Geister-Bewerbern gemacht hätten, die sich in Luft auflösen. Offenbar trifft das Phänomen sogar die seriösesten Unternehmen; jüngst beschwerte sich gar die Federal Reserve Bank of Chicago, dass Mitarbeiter einfach untertauchen.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Vielleicht steckt hinter den nebulösen Auftritten ja nur Angst? Die britische Beratung CV-Library befragte 1200 Arbeitnehmer mit dem Ergebnis, dass 55 Prozent bei der Jobsuche ganz generell Angst vor Abweisung haben, 42 Prozent fürchten sich vor Bewerbungsgesprächen und 35 Prozent empfinden schon Fracksausen, wenn sie nur mit einem Personalberater oder einem künftigen Arbeitgeber telefonieren sollen. Dabei fürchten sich nicht nur die jungen, unerfahrenen Kandidaten, was verständlich wäre; selbst in der gestandenen Altersgruppe über 44 Jahre sagen noch knapp 45 Prozent, dass das Thema Stellensuche sie bange mache.

Gleichzeitig erklären 87 Prozent der Menschen mit einem LinkedIn-Account auf Nachfrage, dass sie offen für neue Jobchancen wären, wenn die Vergütung, die Aufstiegsmöglichkeiten sowie die Work-Life-Balance stimmen. Viele dieser "Passiv-Jobsucher" verlässt jedoch offenbar der Mut oder die Motivation, wenn es zum Schwur kommt.

Die Unternehmen haben das Ghosting erfunden, nicht die Beschäftigten

Der wahrscheinlichste Grund für den Auftritt dieser Geister ist jedoch, dass gut ausgebildete Bewerber in vielen Bereichen inzwischen rarer sind als die Stellenangebote. Nach Jahrzehnten mit Schlagzeilen über den "Kampf um die Talente" scheint so mancher Kandidat der Meinung zu sein, dass er sich nun ebenfalls ungestraft so unhöflich verhalten kann, wie viele Personalabteilungen es seit Jahren praktizieren. Schließlich ist die Praxis in vielen Betrieben, sich bei aussortierten Bewerbern einfach nicht mehr zu melden, weit verbreitet. Die Unternehmen haben das "Ghosting" erfunden, nicht die Arbeitnehmer.

Das rächt sich nun, denn heute schlagen sich die Unternehmen tatsächlich um gute Kandidaten. Und die Talente wissen das auch. Nicht nur werden die Abwerbeversuche häufiger, sondern auch die Halteversuche der Arbeitgeber, die Kandidaten auf vermeintlichen Abwegen den Himmel auf Erden versprechen, wenn sie nur im Haus bleiben.

Ein heute düpierter Kandidat kann morgen eine Wunschbesetzung sein

Was ist zu tun? Zunächst müssen die Personalabteilungen dafür sorgen, dass sich alle Kandidaten wertgeschätzt fühlen und eine höfliche Absage bekommen, wenn es nicht passt, denn wer weiß schon, wen man wo und wann wieder trifft. Ein heute düpierter Kandidat könnte morgen für eine andere Stelle die Wunschbesetzung darstellen. Und wenn es passt, sollten sich Arbeitgeber um die Finalisten in einem Bewerbungsprozess aktiver und engagierter bemühen, zeigt die Erfahrung doch, dass der Neue eher unterschreibt, wenn ihn sein künftiger Chef persönlich angerufen und an Bord gebeten hat.

Laut Executive Grapevine, einer britischen Online-Plattform für Talent-Management, sagen neun von zehn Bewerbern sogar, dass dieser Kontakt darüber entscheide, ob sie ein Jobangebot annehmen oder nicht. Auch sei es viermal so wahrscheinlich, dass ein erfolgreicher Bewerber tatsächlich unterschreibt, wenn er im Verlauf des Bewerbungsprozesses "konstruktives Feedback" angeboten bekommen hat. Gleichzeitig sagen aber nur vier von zehn Befragten, dass ihnen genau das schon mal widerfahren sei. Wenn es um intelligenten Umgang mit Bewerbern geht, gibt es in vielen Betrieben also offenbar noch Raum für Verbesserung.

Gut ausgebildeten, erfolgreichen Führungskräften ist längst klar, dass sie heute in einem Markt mit viel Nachfrage agieren. Den Geist zu geben, ist und bleibt jedoch unhöflich und dumm.

Denn auch für die heiß umworbenen Eliten der Geschäftswelt gilt: Ein heute verschmähter Arbeitgeber kann morgen schon den Traumjob in den Büchern haben. Schlechtes Benehmen und Unzuverlässigkeit jedoch merken sich die Leute - einen Verschwindibus-Trick kann man in jedem Unternehmen nur einmal hinlegen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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