Donnerstag, 19. September 2019

Josef Ackermann "Ich muss leider weiterziehen"

Josef Ackermann bei der Buchvorstellung in Berlin: Er tut so, als wäre nichts gewesen

Mit dem Buch "Späte Reue" will sich Josef Ackermann als Weltenretter präsentieren. Doch pünktlich zur Vorstellung des von seinem Intimus Stefan Baron verfassten Heldenepos verfällt seine Macht endgültig. Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme vermasselt Ackermann die Show.

Berlin - Es sollte ein großer Tag werden für Josef Ackermann und Stefan Baron im Berliner Nobelhotel Regent beim prächtigen Gendarmenmarkt. Dicke Teppiche, Kronleuchter, brokattapezierte Wände, Grandezza-Anmutung halt. Dazu viel Blitzlichtgewitter und die Skribenten der Hauptstadt. So war das gedacht, als der Auftritt geplant wurde.

Um "Späte Reue" sollte es gehen, ein 300 Seiten starkes Konvolut, das den fantastisch geläuterten Josef Ackermann, ehemals das "Gesicht des Kapitalismus", im Abendrot seiner Karriere als Elder Statesman und Weltenretter weich zeichnen sollte; auf der großen globalen Bühne der Politik und Finanzen, auf der er gebraucht wird wie kein zweiter, wie er glaubt.

Die Fotos mit Chinas Ex-Regierungschef Wen Jiabao oder Ex-UNO-Generalsekretär Kofi Annan können gar nicht genug herumgereicht werden; dann der Tanz mit Christine Lagarde, das ernste Gespräch mit der Kanzlerin, der Händedruck mit dem König von Spanien, mit allen die groß waren und immer noch sind.

Um nichts weniger sollte es gehen als um die Verortung Ackermanns in den vordersten Reihen der Weltgeschichte.

Ackermanns Machtflair ist ordentlich geschrumpft

Und dann das: Von dem Termin in Berlin hat offenbar auch Gerhard Cromme Wind bekommen. Bei dem jüngsten Machtkampf im Siemens-Aufsichtsrat sind sich die beiden recht ungalant in die Wolle gekommen - es ging um die Frage, wer denn der richtige Vorstandsvorsitzende ist, Peter Löscher oder Joe Kaeser. Ackermann, so lauten hartnäckige Gerüchte, habe Cromme aus dem Vorsitz hebeln und ihn beerben wollen. Aber wer sich mit dem ehemaligen Stahlmann anlegt, kann schnell selbst bedröppelt dastehen.

Die Neuigkeiten aus dem Hause Siemens Börsen-Chart zeigen haben dem Schweizer einfach mal kurz den Auftritt vermasselt. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) wurde gestern schnell noch gesteckt, Ackermann werde von seinem Aufsichtsratsposten bei dem Industriekonzern zurücktreten. Wer will jetzt noch etwas wissen von dem grandiosen Ackermann, aus dem fast über Nacht ein Ackermännchen geworden ist, für den man anstelle der eingeforderten Bewunderung eher Mitleid empfinden mag.

Ist Ackermanns Machtflair doch bereits in der vergangenen Woche ordentlich geschrumpft. Sein Rücktritt vom Verwaltungsratsvorsitz bei der Zurich Group und die Diskussionen um seinen Führungsstil, aufgekommen im Zusammenhang mit dem Selbstmord des Finanzvorstands, haben kein gutes Licht auf ihn geworfen.

Anstatt dass nun also ein Ackermann einmarschiert nach dem Motto, "er ist wieder da" tritt nun einer auf, der sämtliche Machtpfründe verloren hat. Und doch: Er tut so, als wäre nichts gewesen. Hält die Rede, die Stefan Baron, sein Ex- und immer-noch-Kommunikationsmann für ihn geschrieben hat, eine Laudatio auf das Buch und sein Sujet - den großen Josef Ackermann. Jener Psychologe, der einmal darauf hinwies, Männer hätten auf dem Karriereweg einen ungemeinen Vorteil, weil ihnen nichts peinlich ist, könnte sich an der Situation ergötzen.

Er denkt auch an die "jungen Leute"

Dann lernen wir noch, dass er auf jeden Fall seine Mandate bei Shell Börsen-Chart zeigen und bei Investor behalten werde, in Zukunft aber mehr akademisch brillieren wolle. Da sei bereits ein auf mehrere Jahre von ihm finanzierter Lehrstuhl, mit dem dafür gesorgt werde, dass seine Erfahrungen aus der Finanzwelt an die "jungen Leute" weitergereicht werden.

Wo genau diese Professur gerade eingerichtet wird, erfahren wir nicht. Josef Meinrad Ackermann beantwortet heute keine Fragen, und selbst sein Intimus Baron, der ihn laut eigenen Aussagen so gut kennt wie sonst nur seine Familie, ist völlig überrascht von der Neuigkeit.

Ackermann erklärt sich dann noch einmal zu seinem Rücktritt bei der Zurich, bestätigt seinen Rücktritt bei Siemens und verabschiedet sich zügig mit den Worten: "Ich muss leider weiterziehen."

Die eigentliche Nachricht an diesem Tag liegt wohl darin, dass er überhaupt gekommen ist, Gesicht gezeigt hat. Während er nun schnurstracks durch den Seitenflügel entschwindet, ein Blick zurück auf die Karriere:

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